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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-18 · Heft 27 (18.7.1890) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 27 (18.7.1890)
Date
1890-07-18
Page
Seite 362 (sequence 6)
Language
German
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362 sonderung von den Heiden durchznfiihren. Da die zadokitischen Priester in den Zeiten der selemidischen Verfolgung sich wenig als Hort der heiligen nationalen Güter erwiesen hatten, so richtete sich der pharisäische Gegensatz auch gegen diese. Das priesterliche Privilegium freilich konnte man ihnen nicht nehmen, es war nach dem Gesetz ihr erbliches Vorrecht, man suchte es aber möglichst in seinem Werthe einzuschrünken, indem man pharisäischerseits möglichst priesterlichc Heiligkeit erstrebte und in den Lehrhäusern den beherrschenden Einfluß sich erwarb. Pharisäer und Schriftgelehrter ward mehr und mehr gleichbedeutend. Die Auslegung des Gesetzes, wie die Lehrer es gaben, ward zur bindenden Regel (Halacha) erhoben. Doch kam cs bis Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts sicherlich nicht dazu, daß griechische Litteratur und Philosophie etwa ausgeschlossen worden wären. Wie sehen aus Josephus, daß zu seiner Zeit die Pharisäer inrmer noch der stoische» Lehre Einfluß verstatteten (vita, Kap. 2). Es scheint sogar, das damals noch unter den Pharisäern solche waren, welche die Aufcrstchungslehre nicht als Wiederbelebung des gestorbenen Leibes faßten. Die Saddncüer mit ihrer Lehre der Willensfreiheit zeigen sich als epikurüischen Einflüssen zrigänglich und waren im Uebrigen auch wohl als reiche Machthaber geneigt, dem heiteren Lebensgenuß das Wort zu reden. — Schroffer wurden mit der Zeit die Gegensätze der Parteien, Hillels Halacha entfernte sich immer weiter vom Sadducäismus. Die Zerstörung des Tempels und der heiligen Stadt machte die sadducäische Priesterpartei verschwinden. Doch war der Kampf gegen den eindringenden Hellenismus damit noch nicht zu Ende. Die griechische Philosophie, die allegoristischc Exegese blieb ein bestrickender Zaubergarten auch für rabbinische Lehrer. R. Akiba war nahe daran, die Gotteseinheit aufzugeben und ein gottglcichcs Mittelwesen zu lehren. R. Elisa ben Abuja, genannt Achcr, erlitt wirklich Schiffbruch am Glauben, er lehrte zwei Mächte in Gott; er schritt fort zu jener alexandrinischen Konsequenz, die Befolgung des Gesetzes für überflüssig zu erklären, er lebte ganz »nd gar in der griechischen Litteratur, deren Geist und Formenschönheit ihn entzückte, griechische Lieder kamen nicht von seinem Munde (Jerusch-Chagiga 15), und die ketzerischen Bücher (wie man sie später nannte), die Bücher der allegoristischen Deuter der Schrift flogen ihm im Lehrhause, als er aufstaud, aus dein Busen (s. m. Philo 285 ff.). So entbrannte der Kampf in allen Synagogen des Morgenlandes, noch zu Hieronymus Zeit war er nicht ganz vorüber (Epist. 89), ein Kampf, den die Pharisäer und die Minäer, d. h. die philosophirenden Allegoristen, mit einander führten. Wo die Letzteren siegten, da stand das Christenthum vor j der Thür, lim die Erbschaft anzutreten. Kein Wunder, daß der Pharisüisinus daran ging, das Uebet mit der Wurzel auszurotten. Wenn schon in Alexandrien die Sophisten des Wortsinns (Pliilo de sonin. I., IC, 17) die Allgenbrauen bedenklich in die Höhe zogen, so ging anderweit der siegreiche Pharisäismus dazu fort, die allegoristische Schriftauslegung und die griechische Litteratur gänzlich zu verbieten. R. Jsmael urtheitte Menachot 99: „Da es heißt, das Buch des Gesetzes soll nicht von deinem Mlinde weichen, und du darüber Nachdenken Tag und Nacht, so darf für die griechische Wissenschaft nur eine Stunde benutzt werden, lvelche weder Tag noch Nacht ist." Der Versuch, die Religion mit der Weltbildung zu versöhnen, war mißglückt; vor die Entscheidung gestellt, bedachte Israel sich nicht allzulange, es opferte die Weltbildung, um die Religion zu retten. Das war die Tragödie des jüdischen Hellenismus.? Die Juden im heutigen England. Von Dr. Heinrich Meyer Cohn. II. Bestandtheile der jüdischen Bevölkerung. Drei Haupt-Bestandtheile kann inan in der englischen Judenschaft unterscheiden: 1. Portugiesen, 2. acctimatisirte Polen (Aschkenazim), 3. neu eingewanderte, noch nicht acclimatisirte Polen. Indessen - sind die sozialen Unterschiede zwischen den ersteren beiden Klassen nur gering, und man unterscheidet daher praktisch richtiger nur zwischen acclimatisirten (englischen) Juden und nicht acclimatisirten. Zu ersteren gehören nahezu ausnahmslos die einflußreichen und angesehenen Persönlichkeiten, die letzteren sind durch ihre Zahl von Bedeutung. Die ersteren sind in der Zähl von 10—12,009 über ganz London zerstreut. Dem englischen Volkscharakter gemäß sind sie fromm, eifrige Besucher der Synagoge und treue Bewahrer der alten Bräuche. In die Oeffentlichkeit tritt dies namentlich in der Schlichtheit der Begräbnisse und der Beobachtung der Speisegesetze ')• Von wesentlichem Einfluß hierauf ist allerdings das Verhalten der englischen Christen. Sie achten den Juden um so mehr, je treuer er die Vorschriften seiner Religion befolgt, und suchen ihm die Bewahrung derselben nach Möglichkeit zu erleichtern. So wurden bei Festbanketten, an welchen eine genügende Anzahl Juden Theil nahm (z. B. dem Diner zum Besten des Metropolitan-Hospitals), besondere Tische mit koscheren! Effen eingerichtet. Am schlagendsten zeigt sich der Einfluß der englischen Anschauung in dem Verhalten derjenigen jüdischen Familien, welche eine hohe gesellschaftliche Stellung einnehmen. Gerade diese sind es, welche auf dem Kontinent dem Judenthum den Rücken kehren oder Gleichgültigkeit zur Schau tragen. Anders in England. Es war gewissermaßen eine symbolische Handlung, daß Lord Rothschild am letzten Versöhnungstag dem Gottesdienste in der Armenschule und dein jüdischen Arbeiterklub beiwohnte, so dokumentirend, daß das Band der Religion ihn mit seinen armen polnischen Glaubensgenossen verbinde. Gleich ihm sind die Mocatta, Montefiore, Sassoon, Goldschmid, Montague rc. bestrebt, den Zusaminenhang mit ihren Glaubensgenossen zu betonen ') und zum Wohle derselben in der Gemeinde thütig zu sein. Sie haben bewiesen, daß treue Anhänglichkeit an die Bräuche des Judenthums sich mit der Bildung des 19. Jahrhunderts verbinden läßt, sie haben es nach einein hübschen Ausspruch Lucien Wolfs in dem erwähnten Artikel des Graphic „verstanden, Talmud und 19. Jahrhundert zu versöhnen". Die englische Judenschaft erfreut sich deshalb einer, willig als Führerin anerkannten Aristokratie. Den Staimn zu einer solchen hat das portugiesische Element gebildet. Der polnischdeutsche Jude hat — in Folge längerer Unterdrückung — leider mehr Eitelkeit als Stolz, der portugiesische Jude, der ') Eines der ersten Hotels der Stadt, das Grand Hotel, und eines der ersten Restaurants, das criterion, bieten im Jewisli Chronide jüdische Küche an, das eriterion (wörtlich!) für Barmitzvahs rc. unter Aufsicht spezieller Lllomerim. 9 Ein bemerkenswerthes Beispiel in dieser Beziehung gab Sir Benjamin Phillips, der erste jüdische Lord Mayor von London, der gerade während seiner Amtsdaner (1866) die Synagoge im Osten an jedem Sabbath aufsuchte, während er sonst kein allzu eifriger Besucher derselben gewesen sein soll.

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