Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 27 (18.7.1890)
- Date
- 1890-07-18
- Page
- Seite 361 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Pythagoräismus zeigte sich in der bei Philo so sehr beliebten Zahlensymbolik, aristotelische Einflüsse begegnen uns in der Psychologie Philos, in der Lehre von der ernährenden, empfindenden und vernünftigen Seele und noch an vielen anderen Punkten. Im Allgemeinen also kann man sagen, daß Philos Denken ganz und gar vom Griechenthum durchdrungen war. Auch bei Josephus finden wir, daß er den Gottesbegriff in den Formen der griechischen Philosophie entwickelt und dann seltsamerweise wieder hieraus schließt, die hellenischen Philosophen hätten dies von Mose. Auch die beliebte Vorstellung, daß das Gesetz die vier Kardinaltugenden in sich trage, kehrt bei Josephus wieder. — Wenn wir fragen, wie sich denn in dieser ganzen Periode, während deren diese Litteratur hervorkeimte und, man kann wohl sagen, in's Kraut schoß, die beiden Elemente des Jüdischen und Griechischen zu einander verhielten, so müssen wir uns hüten, den Gegensatz des Palästinischen und des Hellenistischen zu überspannen. Man war einander weder so unbekannt, noch so feindselig, als dies bisweilen dargcstellt ivorden ist. Ilm mit dem ersteren anzufangen, so beweist freilich die Ueberfchung der Septuaginta, daß die Kenntniß der heiligen Sprache den hellenistischen Juden der großen Masse nach verloren gegangen nun-, aber sie bezeugt auch — was nicht immer genug gewürdigt ist — daß es eben Uebersetzer gab, auch inmitten hellenistischer Bevölkerungen Leute, welche des Hebräischen kundig waren. Selbst „das dniume Geschöpf", welches die Uebersetzung des Jesaias verübt hat, — um uns das Vergnügen dieses Lagardeschen Kraftausdrucks zu gönnen — verstand, wenn auch nicht den Sinn, so doch die Worte des Propheten. Daß diese Sprachkenntnisse auch in der späteren Zeit in gewissen Kreisen der hellenistischen Juden sich erhielten, sehen wir nicht blas am Palüstiuer Eupolemvs, welcher von der Septuaginta nnübersetzt gelassene Worte übertrügt, wir sehen es auch an den zahlreichen Namensdeutungen des Philo von Alexandria, die eine bestimmte traditionelle Methode der Sprachbehandlung zeigen. Den Bahnen Philos sehen wir auch den Palästiner Josephus folgen «folgen Namendeutungeu des Josephus W. P.) Diese hellenistischen Sprachübungen pflanzten sich in den meist an Philo anschließenden "iiomasticls sacris fort. Aber auch Sachkenntnisse finden wir bei den Alexandrinern- Aapoport Erech Millin S. 101 ff. bringt eine Anzahl von Belegen' die den Verkehr zwischen palästinischen und alexandrinischen Schriftgelehrten bezeugen. Auch einzelne Gesetzeslehrer von Alexandrien werden erwähnt, wie R. Jochanan, der Sandalenverfertiger, ein Schüler des R. Akiba, R. Tanchum bar Papa, und Stellen wie Ferusch-Kiddusch. 04, 4, Babli Nidda 69b, Negaim 14, 13 belegen palästinische Schriftbehandlung für Alexandria. — Auch bei Philo begegnen uns vereinzelte Spuren der Halacha, zahlreichere der historiiirenden Agada und palästinischer Theologumene. Daß das Verhältnis; von Alexandrien zu Jerusalem ein fortgesetzt freundliches blieb, s. i. m. Philo S. 5 ff. Auf der anderen Seite bildete sich zu Alexandrien und in anderen Städten der Diaspora ein eigenthümlich hellenistischer Midrasch aus, den wir auch in die Litteratur der Palästiner eindringen sehen. Wie gewaltig der griechische Sprachstrom das Neuhebräische überfluthete, und wie viel er darin zurückließ, kann man bei Cassel in Ersch und Gruber, Adolf Brüll und N. Brüll ersehen. Aber nicht blos Worte, auch Gedanken und Anschauungen liehen die Hellenen den Hellenisten und durch sie den Palästinern. Anschauungen, wie die vom vorbildlichen Himmel und einer vorbildlichen Erde, von einem Jdealmenschen, von der Präexistenz der Seele, vom androgynen Menschen, von; Weltbürgcrthum, Bezeichnung Gottes als des Ortes, sind ursprünglich hellenische, welche durch hellenistische, zum Theil durch Philos Vermittlung, zu den Palästinern kamen. Von dem allergrößten Einfluß aber war die in diesen hellenistischen Kreisen sich einbürgernde allegoristische Schrifterklärung. Obwohl die Allegorie uns auch schon auf dem Boden des Alten Testaments begegnet, so trägt doch die bestimmte Form der allegorischen Exegese, welche wir in hellenistischen Kreisen antreffeu, das deutliche Gepräge ihrer Herkunft aus der stoischen Allegoristik an sich. Aristobnlos gebrauchte sogar die technischen Kunstausdrücke der Stoiker für sein Verfahren und deutet das Alte Testainent, so wie diese den Homer allegorisirt hatten. Philo baut ein verwickeltes System voll Regeln aus, deren meiste sich an die der Stoiker anschließen. Diese philosophischen und allegorischen Betrachtungen des Alten Testainents eroberten sich auch einen Platz in den Synagogenvorträgen. Daß Philos allegorisch-ethische Schriftell aus solchen, voi; ihm in den Bethäusern gehaltenen Homilien zusammengcstellt seien, kann nach den Beweisen Frankels (pal. u. al. Schriftforsch. S. 33) und besonders Freudenthals (M. S. 137 ff.) nicht mehr zweifelhaft sein. Eben dahin gehören auch die Ps. Philonischen Reden de Jona 1 —11, und vor allen Dingen die äußerst klinstvolle, wohldisponirte Rede: „lieber die Herrschaft der Vernunft", welcher Freudenthal ein so tief eindringendes Studium gewidmet hat. Auch die Redei; der Apostelgeschichte tragen ganz Vasselbe Gepräge ail sich. — Neben dieser Foriil zusammenhüngender Rede sehen wir auch die eigenthiimliche Behandlungsweise schwieriger Fragen, wie sie der griechischeil Gelehrsamkeit cigeil, in diesen Kreisen aufkommen. Man warf Streitfragen auf und zeigte seine Kunst in ihrer Lösung; das sind die beliebten questiones et solutiones, welche wir antreffeu bei Ps. Aristeas, bei Demetrios und in dem Erstlingswerke des Philo, welches man auch in armenischer Sprache ausgesunden hat, und das den gewöhnlichen Ausgaben Phitos in lateinischer Uebersetzung angehängt ist. Während wir bei allen diesen Geschichtsschreibern, Dichtern, Philosophen und Rednern neben lebhafter Bewunderung griechischer Weisheit ein warmes vaterländisches Gefühl finden, ja ineist das nationale und religiöse Interesse ihre Feder zu apologetischen Zwecken regieren sehen, blieb cs doch andererseits nicht aus, daß Manche weiter sortgerissen wurden bis zum Abfall vom Jndenthum. Wie der letztere selbst im heiligen Lande zur Zeit der Seleuciden um sich griff, sahen wir oben; wie viel mehr aber mußte dies in der Fremde cintreteil, wo man diesen Einflüssen viel stärker preisgegeben war! In Alexandria zog man aus der allcgoristischen Exegese die sehr unliebsame Konsequenz, daß es za doch nur auf den idealen Gehalt der Gesetze ankomme uild nicht auf ihre äußere Befolgung, daß ja das Ziel aller Weisheit das Leben in der Kontemplation sei, das; ja der geistige Kern des Judenthums mit der griechischen Philosophie übereinkomme: wozu da also noch das Jndenthum? — Was Philo dagegen vorbringt, trifft so wenig die Scheibe, daß man die Verlegenheit recht deutlich sieht, in der er sich befindet. Wundern kann man sich also nicht, wenn seit den makkabäischen Zeiten, wo der Abfall frech zu Tage getreten war, die religiös ernsten und eifrigen Juden nunmehr anfingen, die griechische Bildung, von der diese Neuheit ausgegangen war, überhaupt mit Mißtrauen zri betrachten. Die Frommen beganilen in Palästina eine schärfere Abk