Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 26 (11.7.1890)
- Date
- 1890-07-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 gemachten Angaben nicht zutreffen. Die Namen sind bereits acht Jahre lang durch die Presse gegangen und vor drei Jahren bei der Wahl zum ersten Mal in Form dieser Proskriptionsliste - ich will nicht sagen, wie die Bauern es nennen — zusammengestellt worden. Die Behauptung, die der Abg. Rickert unvorsichtigerweise mit vorgelesen hat, daß im Kreise Gelnhausen in acht Jahren 400 Güter ansgeschlachtet worden sind, befindet sich in dem Bericht der Kommission zur Untersuchung des Wuchers auf dem Lande, ist also amtlich festgestellt. Ich weiß nicht, ob Hr. Rickert wirtlich selbst meint, daß die Mehrzahl der Güterausschlächter Christen — wir würden „Deutsche" sagen und nicht Inden sind; Hr. Rickert mag nur nach Hessen reisen, ich will ihn gern begleiten (Heiterkeit) und ihm den Gegenbeweis liefern. Hr. Rickert hat gemeint, hier wieder seine ungeheure Freundlichkeit für die Juden beweisen zu müssen. Es ist Thatsache, daß der Ausdruck Jude für Sie immer ein Alarmsignal ist. Mir fällt da ein, was uns Major Liebert von den Arabern erzählte, wie diese über die Wissmann'sche Schutztruppe urtheilen: „Sie setzen sich Horner auf wie die Büffel, brüllen wie die Büffel, nehmen den Kopf zwischen 'die Beine und stürmen an." Das tertium comparationis liegt in dem ungeheuren Elan, die manche Schutztruppe, und hier die Schutztruppe des Judenthums, an den Tag legt, wenn das Alarmsignal „Jude" ertönt. (Heiterkeit.) Wir werden dem Abg. Rickert sehr dankbar sein, wenn er uns neues Material beibringt. Sie sind es ja immer, welche die Judendebatten ins Hans bringen. Wir freuen uns darauf und Sie sind uns noch mehrere schuldig. Sie wollten ja Anträge auf eine Reichsexekution gegen Sachsen zur gewaltsamen Einführung jüdischer Referendare und auf Zulassung der Juden in das Offizierkorps stellen. Wir warteil darauf. Will Hr. Rickert mit uns ein Tänzchen wagen, möge er's faßen, wir spielen ihm auf. (Große Heiterkeit und Beifall rechts.) — Natürlich! *. Wiesbaden, im Juli. Vor einiger Zeit starb dahier der hiesige Privatier Phil. Zimmer, ein evangelischer Christ, der außer mehreren interkonfessionellen Wohlthätigkeitsvereinen, die er mit einem Legate von je 500 Mark bedachte, auffallender Weise auch den „beiden israelitischen Killtnsge meinden" dahier je 500 Mark vermachte. Auffallend ist dieses Vermächtnis deshalb, weil der Verblichene weder der evangelischen, noch der katholischen Kirchengemeinde etwas vermachte, und auch die übrigen hier vorhandenen religiösen Gemeinschaften leer ausgingen. (Wie ich höre, war seine im Tode vorausgegangene Ehegattin eine getallfte Jüdin.) X Soden am Taunus, 8. Juli. Der Verwaltnugsbericht der hiesigen Kuranstalt für arme Jfr aeliten enthält als Anhang einen interessanten Bericht des dirigirenden Arztes, Dr. mud. Heinri ch M ay er in Frankfurt a. Bk. — Wir entnehmen seiner Darstellung die folgenden Daten: Die Anstalt liegt in Soden cmt Ende der Dachbergstraße dicht am Fuße des Tachberges. Wenn schon Soden durch seine Lage vor Winden vorzüglich geschützt ist, so gilt dies insbesondere von unferer Anstalt, von welcher der sich gerade vor ihr erhebende Dachberg jedes Lüftchen eines rauhen Nordwindes sorgfältig abhalt. Die Anstalt besteht aus einem an der Straße liegenden, zweistöckigen Hanse, das die Wohnung der Verwalterin, das Sprechzimmer des Arztes, ein Lesezimmer, sechs Schlafzimmer mit zusammen elf Betten für weibliche Patienten und Schlafränme für das Dienstpersonal enthält. Dahinter breitet sich ein sehr großer, zahlreiche Obstlinb Zierbäume enthaltender Garten aus, in welchem eine genügende Anzahl von Bänken für die ruhebedürftigen Patienten aufgestellt ist. Im südlichen Theile des Gartens erhebt sich ein im vorigen Jahre neu erbauter, prachtvoller Speisesaal, in welchem bequem hundert Personen Platz finden. Ter Saal selbst wird nur bei schlechtem Wetter benutzt. Gewöhnlich wird auf der vor Sonne und Wind trefflich geschützten Veranda gespeist, auf der sich auch die Patienten gemäß dem bewährten Dettweiler'schen System, auf chaises longurs liegend, den Tag über aufhalten. In demselben Ban befinden sich zwei geräumige Küchen, die Vorrathskammern und Keller. Vorderhaus und Speisesaal sind durch Telephon und elektrische Schellen verbunden. In der Anstalt wohnen nur weibliche Patienten. Die männlichen müssen sich auf eigene Kosten ihr Zimmer in Soden selbst miethen, dagegen werden sümmtlichen Patienten die Verpflegung, ärztliche Behandlung, Bäder und Arzneien unentgeltlich gewährt. Die Anstalt wurde am 1. Mai eröffnet und am 30. September 1889 geschlossen. Während dieser Zeit war sie von 133 Patienten besucht, davon waren 75 männlichen und 58 weiblichen Geschlechts. Der jüngste Patient zählte 10, der älteste 61 Jahre. Der Nationalität nach gehörten 126 dem deutschen Reiche an, 6 kamen ans Rußland, 1 aus Oesterreich. Davon waren 76 in Frankfurt a. M. wohnhaft, 16 in Berlin, 4 in Leipzig, 3 in Hamburg, 27 in verschiedenen deutschen Plätzen. Die Patienten refrutrirteu sich aus den verschiedensten Berufsklassen. Von den Männern waren 15 Kauslente, 15 Handelsleute, 15 Lehrer, 3 Rabbiner, 3 Studenten, 2 Lehrlinge, 2 Buchbinder und je ein Sänger, Vorbeter, Buchhändler. Buchdrucker, Uhrmacher, Metzger, Tischler, Schuhmacher, Koch, Bürstenbinder, Geflügelhändler. Ohne Beruf waren 9. Voll den Frauell warell 4 Kleidermacherinnen, 2 Stickerinneli, 2 Näherinnen, je eine Verkäuferin, Lehrerin, Erzieherin, Wartfrau. Ohne Beruf 40. Weitaus der größte Theil unserer 133 Patienten bestand aus Lungenkranken, nämlich 106. Von den übrigen litten 9 an Bleichsucht, 5 an Rachen- und Kehlkopfkatarrh, 3 an Nervosität, 2 an Hysterie, 1 all Magenerweiterung, 1 an Magengeschwür, 3 an chrou. Darmkatarrh, 1 an Schmerzen im Fuße nach einem Knöchelbruch: 2 waren zllr Erholung in Sodell. Gestorben ist unserer Anstalt während der ganzen Dauer der Knrzeit Niemand. Was nun den Erfolg der Kur betrifft, so dürfen wir im Allgemeinen recht zufrieden sein. Von einer Heilung der Schwindsucht innerhalb weniger Wochen kann natürlich nicht die Rede sein. Bei ben in Frage kommenden Patienten wird wohl überhaupt nur außerordentlich selten eine Vernarbung des tuberkulösen Prozesses eintreten, wenn wir lins vergegellwürtigen, daß die Meisten liach Beendigung ihrer Kllr in ihr altes Elend, ihre dumpfige schlecht ventilirte Wohnullg, ihr sorgen- und kampsvolles Leben zurückversetzt werden. Aber gerade wegen des großen Gegensatzes zwischen dem häuslichen Elend und der guten Anstaltspflege sind die temporären Erfolge llm so glänzender. In sehr vielen Fällen aber hält die Besserung trotz der schlechten sozialen Verhältnisse doch mehrere Monate lang an, wodurch wenigstens die rauhen Wintermonate einigermaßen erträglich gemacht werden. Die Kranken durchleben dann ben harten Winter, von der Hoffnung beseelt, im nächsten Sommer wieder Besserung ihrer Leiden in Soden 311 finden. So ist Soden für viele unserer armen, doppelt armen Glaubensgenossen zum Segen geworden und hat schon manchen Familienvater seiner Familie erhalten. Für den Sommer 1890 liegen bei Abfassung dieses Berichtes schon so viele Anmeldungen vor, daß sie unmöglich alle berücksichtigt werden können. Nur die Schwere des Leidens und die Priorität der Anmeldung wird bei der Ausnahme entscheiden. Möge auch in diesem Jahre die Anstalt wieder neue Gönner sich erwerben, so daß sie immer mehr ein Segen für unfere hilfsbedürftigen leidenden Glaubensgenossen werden kann! X Worms <*♦ Rh., 7. Juli. Einer unserer jüdischen Mitbürger, Herr Ludw. Jos. Pfnngst, hat für solche, die sich dem Studium an der technischen Hochschule zu Darmstadt widmen wollen, ein Stipendium pro Studienjahr 189091 im Betrage von 1000 Mk. ausgesetzt, welches an mehrere, event. auch an einen Bewerber bewilligt wird. Bedingung zur Erlangung dieses Stipendiums ist Fähigkeit, die durch Zeugniffe nachzuweisen ist. Unter den Bewerbern trifft Herr L. I. Pfungst, au welchen die Gesuche auch einzureichen sind, eine engere Auswahl, die Zuerkennung erfolgt durch die Direktion der Hochschule. * Nürnberg, 8. Juli. Im „Sächsischeil Hof" hat der Prediger der hiesigen freireligiösen Gemeinde, Herr Karl Scholl, einen Bortrag über „d e n B e r l i n e r H 0 fpred i g e r u n d sein g ef ä l sch t e s C hr ist en thum" vor zahlreichem Publikum gehalten. Davon ausgehend, daß der genannte Alltisemitenführer sich bei seinem Auftreten gegen das Judenthum auf sein Ehristenthum und sein geistliches Amt berufe, kennzeichnete der Redner die Haltlosigkeit der Angriffe des Hofpredigerv gegen die jüdischen Mitbürger und bewies ferner, wie wenig derselbe ben Geist des Ehristenthums begriffe:! habe. Denn das Wesen dev Christenthnms liegt nicht in diesem oder jenem Glaubenssatz, in diesem oder jenem Dogma. Vielmehr liegt die Fortentwicklung im Geiste der Wahrheit, bis es kommen werde zu der Religion, zu welcher alle guten Menschen sich verstehen, zur gemeinsamen Religion der Humanität. Wenn Jener in demselben Zuge, in dem er von seiner Liebe zu den Juden, als dem Volke der Propheten, spricht, gegen die Juden eifert, ihre Kinder aus den Schulen weggewiesen und in Judenschulen eingepfercht haben will, beweist er nur, daß er die Liebe im Munde führt, im Herzell aber etwas Anderes hegt. Sein Auftreten habe deswegeil auch in orthodor-protestantischen Kreisen Anstoß gefunden. Ein hervorragender Theologe, der Professor der Theologie Dr. Baumgarteu. spricht sich über ihn in einer demselben gewidmeten Schrift dahin aus, das sein Ehristenthum ein ganz oberflächliches sei, daß er mit Waffen kämpfe, die eines christlichen Predigers unwürdig seien, und daß er und seine antisemitischen Helfershelfer gar kein Recht mehr Hätten, J llrtheil i gestalt,! msamme dirift in E. I choten fi tarn San 11 Frank .nircheu, schule n '.qährigec A'idmun Gert Schülern i)altntffei .Adieu, '■olle He interessir (vtineinbi Schutze 0 reden. Abnahmt Geburten le-ld gell Elvissen rnännisch iiUtniffe Stenern r tubtoei mit den terf affe eKrichtei lecher vei Aabbinal n-ugirt, 1 mib zeil M'ht Ulltl rntheilt, Srende v Jndenthl Aranwal vertraute w. 2 tm Rel mid Reli üebersetzi Aolksu ichnle im im Lauft vebräisck tzlum me beschlösse! obersten uasiums verständl Seiten d ljraelitiß Bürgerst einer Vo der isrcu L