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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-11 · Heft 26 (11.7.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 26 (11.7.1890)
Date
1890-07-11
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Der Verstorbene war Stadtverordneter intb Mitglied des Repräsentantenkollegiums der jüdischen Gemeinde; er hat ein Alter von '4 Jahren erreicht. Geboren in Pyritz i. P., kam er im Jahre 1838 nach Berlin und begründete hier 1852 in Gemeinschaft mit seinem Schwager Liebmann das noch heute bestehende Geschäft, dessen Firma nach Austritt des Herrn Liebmann und Eintritt des jüngeren Bruders bouis Simon 1857 in „Gebrüder Simon" umgeändert wurde. Durch umsichtige Führung, tüchtige kaufmännische Grundsätze lind rastlosen Kleist wurde die Firma allmälig das größte Waarenhaus seiner Art in Deutschland und eines der ersten in Europa. Seit Anfang der siebziger Jchre Stadtverordneter, hat Kommerzienrath Simon sowohl in seinem iHmte wie auch in der Reprüsentanten-Versammlung der jüdischen Geineittde und im Vorstande zahlreicher wohlthätiger Vereine eine sehr erwrießliche Thätigkeit entfaltet. Sein Tod hat weit über Berlin hinaus herzliche Theilnahme erregt. Die Beerdigung fand am 4. d. auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee statt. Vorher wurde in den schwarz imsgeschlagenen Räumen des Sterbehauses ein Gedächtnißakt abgehalten, bei dem Rabbiner Dr. Maybaum die Allsprache hielt. Vom Magistrat waren die Stadträthe Borchardt, Kochhann und Schäfer anwesend, die ^tadtverordneten-Versammluug wurde durch zehn Mitglieder vertreten. * Berlin, 8. Juli. Von dem Wohlthätigkeitssinn des verstorbenen Dr. Ephraim, welcher bekanntlich die hiesige jüdische Gemeinde zur Universalerbin eingesetzt hat, giebt eine Bestimmung in 'einem Testament noch besonders Zeugniß. Der Verstorbene hat jedem der zahlreichen Vereine, zu welchen er in den letztell beiden Jahren 'eines Lebens einen Beitrag zahlte, das Fünfundzwanzigfache dieses Beitrages vermacht. * Berlin, 9. Juli. Wie man uns ans Budapest mittheilt, ist -verr Dr. Kayferling, Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Budapest, bim Mitglied der königlich ungarischen Akademie der Wissenschaften gewählt worden, eine Auszeichnung, die wir um so freudiger registriren, ms sie unseres Wissens zum ersten Mal einem Rabbiner als Vertreter der Wissenschaft des Judenthums zu Theil geworden ist. Herr Dr. Kayserlmg wird der Akademie sicher alle Ehre machen. Berlin, 8. Juli. Dem vor Kurzem zum Rektor der Universität Halle erwählten Professor Bernstein ist eine große Auszeichnung widerfahren. In der jüngsten Sitzung der British Association, dieser großen Vereinigung der bedeutendsten Naturforscher Englands, trett der berühmte Saunderson Burton einen Vortrag über die Physiologie des Protoplasma. Darin sagte er von Professor Bernstein. „daß derselbe einer der eminentesten jetzt lebeuben Physiologen" ui. Ein solches hohes Lob hat doppelten Werth im Munde eines englischen Gelehrten, da diese mit ihrer Anerkennung für ausländische Forscher bekanntlich sehr sparsam sind. Was sagen dazu die Antisemiten, welche den Juden gern jede wissenschaftliche Bedeutung absprechen möchten? L Berlin, 9. Juli. Der „Hebräische Litteratur-Verein Metize Nirdamim" versendet soeben die Jahresrechnung für das wüste Vereinsjahr (1889), welche an Einnahmen den Betrag von i->36,88 Mk., an Ausgaben 4132.65 Mk. und einen Bestand von i' *4,23 Mk. aufweist. Der Druck der Schriften für den sechsten Jahrbang hat bereits begonnen, zuvörderst mit dem Schlüsse bezw. der Fortsetzung der Schriften aus dem vorigen Jahrgange. Das in Aussicht bestellte Nachschlagebuch zum Talmud und Midrasch wird in einigen Wochen im Druck fertig gestellt sein. * Berlin, 4. Juli. Aus der Reichstagssitzung vom 2. d. M. geben '.oir hier die drei interessantesten Reden im Auszug wieder. Die erste derselben wendet sich gegen die vorhergegangenen Tiraden des Abg. B ö ckel und verdiente im Wortlaut publizirt uud namentlich in Hessen ver- : breitet zu werden. Abg. Rickert: Hr. Böckel hat seine Verachtung ausgesprochen gegen diejenigen, welche die Personeil in den Kampf ziehen.! Mit welchen Waffen aber die Antisemiten arbeiten und in diesem Wnhlj kreise gearbeitet baben, beweist ein illustrirtes Flugblatt, welches in diesem ' Kreise verbreitet worden ist und welches eine lange Proskriptionsliste von 63 angeblich jüdischen Güterschlüchtern (Zurufe bei den Antisemiten: - „Thatsachen!") und einigen 90 Bauern enthält, die angeblich von Haus l und Hof getrieben sind. (Zuruf bei den Antisemiten: „Thatsachen!) Es - heißt dann weiter, im Kreise Gelnhausen seien nach amtlichen Ermit-! telungen in acht Jahren nahezu 400 Bauerngüter von Juden ausgeschlachtet; worden. Sie werden zugeben, daß diese Proskriptionsliste sich gegen : Personen richtet und geeignet ist, Haß und Erbitterung in weiten Kreisen i hervorzurufen. In verhältnißmüßig kurzer Zeit ist von einigen Männern I festgesetzt worden, daß in diesen Wucherlisten 14 doppelt genannt! und 3 Christen sind. Bei 30 von 52 Fällen ist heute bereits ' durch amtliche Bescheinigüng und durch Akten gerichtlich! nachgewiesen, daß die gehässigen Behauptungen dieses! gemeinen und erbärmlichen Flugblattes vollständig aus der Luft gegriffen sind. Redner eitirt einige Spezialfälle: Bonden Bauern sind 44, soweit bis jetzt ermittelt, nicht durch jüdische Güterschlüchter aus ihrem Erbe vertrieben. Ein Theil der Bauern existirt überhaupt nicht (Heiterkeit) und der andere lebt noch heute unausgeschlachtet und ungestört auf seinem Gute. Diejenigen, die mit solchen Waffen arbeiten, sollen sich hier nicht als unschuldig Verfolgte hinstellen. Ich halte es für die Pflicht aller Parteien, zum Wohle des Vaterlandes gegen dieses Unwesen mit ganzer Kraft aufzntreten. (Beifall links.) Abg. Böckel: Es sind in der Thal zahlreiche Versammlungen der Antisemiten ohne Grund aufgelöst worden. Oder ist das etwa ein Unfug, wenn in einer Versammlung das Wort Jude fällt? Der Name Jude ist in Deutschland nicht ein Tabu, vor dem man auf die Knie füllt. Ueber die Regierung darf man schimpfen; über die Juden nicht. Es geht bei uns sehr ruhig zu (Lachen links), die Ruhestörungen gehen von fremden Störenfrieden aus. Die Freisinnigen haben keine Ursache, sich über unanständige Form unsrerseits zu beklagen, die Nationalliberalen wissen davon ein Lied zu singen, wie sie von den Freisinnigen behandelt worden sind. In einem freisinnigen Flngblatte hieß es. die nationalliberale Fahne könne nicht mehr beschmutzt werden, als sie schon beschmutzt worden wäre. Wenn man sagt, daß die Form der antisemitischen Agitation nachtheilig gewirkt habe, so verwechselt man Wirkung und Ursache. Hat etwa die Thätigkeit der Juden civilisatorisch auf das Volt eingewirkt? Lange vor der antisemitischen Bewegung wurde ein jüdischer Wllcherer mit seiner Frau von einem Ballern, den er von Hans und Hof vertrieben hatte, ermordet. Fragen Sie die HH. Juden, ob dieser Mord nicht passirt ist. Tie Juden haben gezittert, weil ihnen das Gewissen schlug. In der Gerichtsverhandlung brachte das über die Juden erbitterte Volk dem Bauern Ovationen dar. Seitdem wir die Bewegung leiten, ist so etwas nicht vargekommen. Wenn der Abg. Gutfleisch gemeint hat, daß ich an die Giltigkeitserklärung nid)t geglaubt habe, weil ich die Bewohner des dortigen Wahlkreises zum Boyeott aufgefordert habe, fo erwiedere ich ihm, daß wir nur Nothwehr gebraucht haben, denn unmittelbar nach ben Wahlen unsres Kollegen wurden die Händler von unfern Gegnern fortgetrieben mit dem Rufe: „Wir taufen keine antisemitischen Eier." Hr. Rickert hat von einer Proskriptionsliste gesprochen; es ist nur wunderbar, daß Niemand von diesen Güterschlachtern wegen der Veröffentlichung dieser Liste eine Klage erhoben hat. Tie angeblich Gekränkten hätten doch dazu alle Veranlassung gehabt. Man hat hier voll antisemitischen Hetzblättern gesprochen. In einem freisinnigen Flugblatt aber hieß es, Alles wäre besteuert, nur das Grab sei frei. Ich hätte nur den Wunsch, daß in diesem zollfreien Grab alle Freisinnigen sich begraben ließen. Abg. Liebermann v. Sonnenberg: Was der Abg. Rickert gegen die lange Liste vorgebracht hat, sind nichts als Behauptungen, für die ein Beweis llicht erbracht ist. Die Freisinnigen dürfen doch nicht den Anspruch erheben, daß man solchen Behauptungen gleich den Werth des Beweises beilegt. Hr. Rickert hat uns eine Reihe von Namen genannt, von denen feststehen soll, daß die

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