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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-11 · Heft 26 (11.7.1890) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 26 (11.7.1890)
Date
1890-07-11
Page
Seite 356 (sequence 12)
Language
German
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356 können, der, seinen Studien obliegend, ebenfalls Kostgänger im Hause des Rabbiners war. Für mich war das Semester zu weit vorgeschritten — cs war Ende Juni — um mich cinschreiben zu lassen, und so begnügte ich mich einstweilen damit, bei verschiedenen Professoren zu hospitiren, die Stadt und Umgebung kennen zu lernen und meine aus London mitgcbrachtcn Empfehlungsschreiben an eine Anzahl von Familien und Einzelne abzugeben und mich bei ihnen cinzufiihrcn. Unter Letzteren, da ich ans sie kaum zurückkommen werde, sei gleich hier der Eine erwähnt, an den Freund Zedncr mich u. A. als einen zwar noch sehr jungen, aber hervorragenden jüdischen Gelehrten von strengster Orthodoxie empfohlen hatte. Ich habe ihn, so viel ich mich erinnere, nur ein einziges Mal besucht, er mochte mir nicht so recht sympathisch gewesen sein, und ich lege großes Gewicht auf die ersten Eindrücke, die ein Unbekannter auf mich macht. Der so streng Orthodoxe, der im Gerüche stand, selbst Dr. Sachs darin zu überbieten, ist seitdem zur christlichen Kirche übergegangen und bekleidet ein geistliches Amt in derselbe». Glücklicherweise ist er j mit seinem, damals alle Welt in Erstaunen setzenden Uebertritt nicht! zugleich, nach Art der Abtrünnigen, der Feind seiner früheren! Glaubensgenossen geworden, sondern im Gegentheil, zu seiner Ehre sei cs erwähnt, ist er, wie der kürzlich verstorbene Delitzsch, der geborene Ehrist, wiederholt glaube ich für sie eingetreten — was jedoch leider trotz der gründlichen Kenntnis; des Judenthnms bei unseren Gegnern nichts hilft. Sie fahren fort und werden immer fortfahren, uns zu verleumden und ihr Gift über uns auszuspritzen. Ich theilc hierin Tr. Rülfs Ansicht, die er vor Kurzem in diesen Spalten ausgesprochen, und wir stehen damit gewiß nicht allein. Doch, um auf meine Erinnerungen znrückzukominen. Während ich mich in dein Wahne befand, ich hätte in Berlin bereits festen Fuß gefaßt und würde keinerlei Anfechtungen von irgend einer Behörde ausgesetzt sein, hatte ich die Rechnung ohne den Wirth gemacht. In Berlin herrschte bekanntlich damals — in der Zeit der hochrothen Reaktion — der Polizeipräsident von Hinkeldcy allmächtig und unumschränkt. Man war damit beschäftigt, die Revolution und j alle revolutionären Gelüste vollständig niederzutretcn und für immer! zu beseitigen. Zu diesem Behufe waren die polizeilichen Ausweisungeil an der Tagesordnung, und war es dem Herrn Präsidenten freigestellt, j in dieser Hinsicht ganz nach Belieben zu schalten und zu walten. Alles mußte sich seinem Willen beugen: selbst der Premierminister von Mantcusfel war ihm gegenüber ohnmächtig. So geschah cs, daß, nachdem ich etwas über vierzehn Tage sorglos dahin gelebt und meiner Aufenthaltskarte nach geschehener Anmeldung meiner bescheidenen, nichts Arges ahnenden Persönlichkeit entgegengesehen hatte, ich, statt deren einen großen Bogen zugestellt erhielt, auf welchen; zu meiner! nicht geringen Bestürzung ich die gedruckten Worte laS: „Der Privatsetretär" (so war ich in meinem aus Dresden nerier-; dings erhaltenen Reisepaß betitelt) „Herr. ..., gebürtig aus Dresden, hat heute die Anweisung erhalten, die hiesige Residenz im Umkreise von zwei Meilen binnen 24 Stunden, bei Bermeidnng der Verhaftung, zu verlassen. Dies wird demselben behufs der Reise nach London hierdurch bescheinigt. Berlin, den 10. Juli 1849. (>.. 8.) König!. Polizei-Präsidium. V. Abtheilung." Beim Lesen dieses Ausweisnngsdekrets konnte ich meinen Augen kaum trauen. Ich stand da, wie von einen; Blitz aus heiterem Himmel getroffen, und konnte nicht begreifen, was mir diese gestrenge Maßregel zugezogen haben könne. Allerdings wurde mir gesagt, Herr! von Hinkeldcy verfahre bei seinen Ausweisungen nach reiner Willkür: dennoch fragt sich der von seinem Machtspruch Getroffene unwillkürlich — weil es so in der menschlichen Natur liegt, für jede Wirkung einer Ursache nachzuspüren — nach einem Grunde. Ich vermochte jedoch keinen auch nur entfernt genügenden für eine Ausweisung in meinem Falle zu finden. Nur auf Möglichkeiten konnte ich sinnen. Ich war in London einst, doch nur ganz kurze Zeit, Korrespondciü der in den vierziger Jahren gegründeten deinokratischen „Rheinische» Zeitung" und hatte auch einmal einen Brief in der Londoner „Times" über den bekannten Empfang einer Deputation seitens des damaligen Königs Friedrich Wilhelm IV. veröffentlicht; beides aber anonym. Wie sollte Herr von Hinkeldcy also Kcnntniß davon erlangt haben, daß ich der betreffende Korrespondent und Verfasser gewesen sei t Freunde, mit denen ich nüch über das Rüthset berieth, wollten einen Grund für meine Ausweisung in der Thatsache erblicken, daß ich einige Mal im Laden des damals noch lebenden I. Springer, an den ich ein Empfehlungsschreiben mitgebracht hatte, gewesen und beobachtet worden sein mag. Ter äußerst liebenswürdige und intelligente Mann war nämlich als Demokrat verschrieen. Dazu kam, das: mein Reisepaß zufällig im Sommer nach der Mailevolution in Dresden neu ansgestellt worden und ich nun mit deniselben aus London zugereist gekoinmen war. Von dort, der englischen Metropole, glaubte man, der auf dem Festlande verrufene Lord Palmerston, damals Minister des Auswärtigen, entsende Aufwiegler nach Deutschland. Mich mochte Hinkeldey für einen Flüchtling aus Dresden halten, de;! als solcher von Palmersion nach Berlin abgesandt war, und so durfte Grund genug für ihn zu meiner Ausweisung vorliegen. Auf Erkundigung bei der Polizei wurde mir mitgethcilt, ich könne Bernfling gegen die Berfügring einlegen; doch erwies sich dieselbe wiederholt als fruchtlos, ebenso wie die von mir erbetene und wirklich auch erlangte Audienz beim allmächtigen Beherrscher Berlins selbst. Er fuhr mich nur hart an, fragte, wie ich es wagen könne, noch in Berlin zu bleiben; auf die Bethenerung »reiner vollkominenen politischen Schuldlosigkeit und die Versicherung, daß es mein alleiniger Zweck sei, meinem Studium obzuliegen, richtete er einige Fragen an mich, die den Schein einer Rechtfertigung meiner Ausweisung haben sollten, welche ich aber zu verneinen in der Lage war; es blieb jedoch bei der früheren Entscheidung. Bald stellte sich denn auch ein Polizeitoinmissar bei mir ein mit der Weisung, daß ich meine Habe einzupacken habe, worauf er mich nach dem Bahnhof begleiten werde. Ich war glücklicher Weise ebenfalls von Freund Zedner »nt einem Empfehlungsschreiben auch an seine Freundin in Brandenburg, Frau Pinkus, Schwester des Buchhändlers Asher, eine edle und geistvolle Frau, ausgerüstet rmd wühlte daher diesen jenseits des mir verbotenen Gebiets gelegenen Ort, um nüch dort so lange aufzuhalteu. bis cs meinen Freunden gelungen sein werde, den Ausweisungsbefehl wieder rückgängig zu machen; denn ich konnte cs nicht für möglich halten, daß er in Wirklichkeit unter den Umständen unwiderruflich sein könnte. Es war indessen ein schwerer und ziemlich langwieriger Kamps, den inein früher erwähnter, jetzt in Baden wohnhafter englischer Freund und damaliger Hausgenosse, Herr Henry Franklin — ich nenne ihn absichtlich, weil ich ihm für seine mir damals geleisteten uneigennützigen, ja von der edelsten Aufopferungsfähigkeit zeugenden Dienste zu lebenslänglichem Danke verpflichtet bin — zu bestehen hatte, che cs ihn; gelang, meine Rückberufung nach Berlin zu crwirken. (Schluß folgt.) Druck und Berlag von Rudolf Motte in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwih in Berlin.

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