Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 26 (11.7.1890)
- Date
- 1890-07-11
- Page
- Seite 355 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Antonia Lissander." „Erfreut und gerührt, mehr nicht?" er lächelte spöttisch und warf einen Blick auf die anberen Billets, die wie gewöhnlich eine Fülle von Ueberschwenglichkeiten enthalten mochten, die beim „höchsten Entzücken" ihren Anfang nahmen und sich bis zum „wahnsinnigen Bergötterungstaumel" steigerten. Er kannte bas. (Schluß folgt.) 9 Berlin vor 40 Jahren. Erinnerungen von Dr. David A s h e r. Des Menschen Leben gleicht einem Tage: vor und hinter ihm liegt die Nacht; seinen Anbruch verkündet die Morgenröthc, sein Scheiben die Abenbröthe. Beide letzteren sind bas Sinnbild der Hoffnung, jener das der jugendlichen, welcher dem kommenden Tage entgegensieht, den wir bas irdische Dasein, bas Diesseits nennen, diese aas des Alters, welches, falls es die leuchtende und wärmende Sonne des Glaubens sich erhalten, ober sie vielmehr ihm erhalten geblieben ist, nicht die Nacht, sondern, wie es ja auf den Erdball, den wir bewohnen, in Wirklichkeit der Fall ist, einen neuen Tag in anderen Sphären anbrechen sieht und ihm entgegen harrt. Und wie die lindliche Hoffnung von dem immer stärker erwachenden Bewußtsein umspielt wird, bis es im Mannesalter zum vollen Selbstbewußtsein beranreift und zu dem der eigenen Schaffenskraft wird, so umspielt die Erinnerung das abnehmende Selbstbewußtsein und die immer mehr erblassende Hoffnnngsseligkeit des Greises. Sie, die Erinnerung >st es, in welcher er schwelgt und sein Paradies findet; aus ihr schöpft er seine geistige Nahrung, während die Jugend von der Hoffnung genährt wird, in ihr schwelgt und ihr Paradies findet. Schiller hat nur „die Hoffnung" besungen; unter den englischen Dichtern hat einer, Samuel Sigers, den „Freuden der Erinnerung", ein anderer, Thomas Gimpbell, dann der „Hoffnung" eine größere Dichtung gewidmet. In einem zum geflüegelteu Wort gewordenen Verse hat der Letztere das eigentliche Geheiumiß, das der Hoffnung ihren Reiz verleiht, zum gelungenen Ausdruck gebracht. Er lautet: „Tis distmice lends enchantnicnt to llie view“ („Die Entfernung ist es, welche der Aussicht ihren Zauber verleiht"). Es ließe sich das wohl auch auf die Erinnerung anwenden. Diese sieht Alles in rosigem Lichte, sie behält stets die Farbe des heiteren Tagesanbruchs, den noch kein Wölkchen trübt —; jene hingegen ist von den Farben des zurückgelcgteu Tages gesättigt, dessen Himmel oft mit grauen und schwarzen Wolken bedeckt gewesen, oder, um das Bild zu verlassen, hat ein Leben hinter sich, das, wie es eben des Menschen Loos ist, so manchen .Kummer, oft sogar schweres Leid mit sich gebracht hat. Ihr Rückblick auf dasselbe wird demnach nicht immer ein Schwelgen sein können, sondern den angenehmen und freudigen Erinnerungen werden sich so manche wehmüthigen, trüben und herzzerreißenden beimischen, je nachdem das Leben des Einzelnen sich gestaltet hat. Jedenfalls aber möge Jeder dafür sorgen, daß er seinen Wandel so einrichtet, daß, falls ihm ein hohes Alter beschieden ist, er nicht selbst seine Erinnerungen schwarz färbe und ihnen einen bitteren Beigeschmack gebe, vielmehr sich daran erquicken und aufrichten könne. Es scheint mir dies eine Mahnung zu sein, eindringlicher vielleicht als so manche Moralpredigt, wenngleich oder weil sie an den Egoismus und das wohlverstandene Interesse eines Jeden sich wendet. Mögen meine Leser nicht fürchten, daß ich etwa in diesem moralisirenden Tone fortfahren werde. Nichts liegt meiner Absicht ferner. Eher möchte ich einen humoristischen anschlagen, wenn ich die Gabe dazu besäße und der Gegenstand es immer zuließe. Das wird aber nur selten der Fall sein, auch liegt es nicht in meinem Wesen, die Dinge von der scherzhaften Seite aufzufaffcn,- so sehr ich auch den Scherz liebe, da, wo er am Platze ist. Hier aber wird es sich meist um Erlebnisse ernster Natur und um Achtung gebietende Persönlichkeiten handeln, mit denen ich in Berührung gekommen bin. Jetzt, nach einundvierzig Jahren seit meiner Ankunft in Berlin, sind die Erinnerungen daran wieder so lebhaft in mir erwacht, wie einst die an meine Jugend, nachdem ich das vierzigste Lebensjahr überschritten hatte. Es ist doch etwas Seltsames um die Vierzig. Nach dem bekannten deutschen, die Schwaben betreffenden Sprichworte, wie nach dem weniger bekannten jüdischen Weisen Juda den Tema kommt uns erst mit Vierzig der Verstand (NI'2^ p); es scheint diese Epoche unseres Lebens aber auch gewissermaßen ein Wendepunkt zu sein, wo wir, au der Grenzlinie zwischen der Jugend mit dem ersten Mannesalter und dem reiferen mit dem Greisenalter stehen, nachdenklich werden und znin Rückblick auf die hinter uns liegende Vergangenheit stark geneigt sind. Nicht Jedem ist gerade auf dieser Höhe des Lebens die Muße dazu vergönnt, wem sie es aber ist oder war, der wird sicherlich die Wahrheit meiner Behauptung kennen lernen oder kennen gelernt haben. Indem ich nun daran gehe, jene meiner Erinnerungen an meinen Aufenthalt in Berlin niederzuschreibeu, ist es besonders ein Umstand, der mich etwas bedenklich macht; es ist der, daß glücklicherweise noch viele Andere aus jener Zeit am Leben sind, denen ich nichts Neues, ihnen Unbekanntes bringe, und die es besser als ich vermöchten, die Heimgegangenen Persönlichkeiten, die in diesen „Erinnerungen" auftrcten werden, zu schildern. Solche meiner Zeitgenossen kann ich daher nur einfach bitten, wenn sie die so glücklich fortgeführte „Allgemeine Zeitung des Judenthums" — dieses hoffentlich dauernde Denkmal des wackern, hochverdienten Dr. Ludwig Philippsou — zur Hand nehmen, diese Blätter zu überschlagen und sic ungelesen sein zu lassen. Es war im Juni 1849, als ich in der damals nur preußischen Haupt- und Residenzstadt, von London kommend, eintraf. Trotz der Beschränkungen, welchen unsere Glaubensgenossen damals noch oder erst von Neuem wieder unterlagen, war ja Berlin seit Mendelssohn's Zeit der Mittelpunkt der Bildung für alle Juden, die nach solcher strebten, und ich, der ich bereits in meiner frühesten Jugend von einem meiner ersten jüdischen Lehrer, so wie später in London von meinem seitdem leider verstorbenen Freunde Zedner so viel Günstiges über diesen Sitz der Gelehrsamkeit, christlicher und jüdischer, gehört hatte, fühlte mich gehoben bei dem Gedanken, mich darin zu befinden und zugleich gewissermaßen heimisch. Letzteres um so mehr, als ich bereits in London von meinem bekannten Namensvetter, dem Buchhändler und Gelehrten, A. Asher, der das britische Museum sowohl wie die Bodleiana mit jüdischer Litteratur zu versehen hatte, für feine Gattin und Tochter zum Unterricht im Englischen geworben worden war, also gleich zwei Schülerinnen und eine mir auch zugleich durch Zedner befreundete Familie dort vorfand. Auch in Bezug auf Wohnung war ich anfangs sehr vom Glück begünstigt, denn ich fand solche nebst guter Kost im Hause des etwas freisinnig angehauchten früheren Rabbiners Asche, dessen liebenswürdige und, wie er selbst, äußerst gescheidtc Gattin es verstand, den Fremden sich in ihrem Hause heimisch fühlen zu lassen und in jeder Weise höchst entgegenkommend war. Außer dem Umgang mit diesem stets heiteren und glücklichen Ehepaar und dessen intelligenten Söhnen und der Mutter nachgerathenden, auch wie sie hübschen Töchtern, genoß ich dabei noch des damals noch ziemlich seltenen Vortheils dessen, eines mir von Manchester aus befreundeten jungen Engländers mich erfreuen zu