Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 26 (11.7.1890)
- Date
- 1890-07-11
- Page
- Seite 354 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Hier Filippo! Er war ein Italiener, wie er selbst, aber er wußte genau, wie er den armen Jungen, der mit seiner Mutter und seiner Fiedel von Ort zu Ort zog, der armen Frau förmlich abgehandelt hatte, nachdem er ihn zufällig auf einer seiner Konzertreisen entdeckt und sich von ihm zu derselben hatte führen lassen. — Da gab'» doch eine Mutter, einen Zusammenhang mit einem andern Menschcndasein, der in seinem Leben unerklärlicher Weise fehlte. Er war vom Kloster i aus mit der Geige, die er mitgenommen, und einem Büchlein mit! krausen, ihm unverständlichen Schriftzeichen, das er in seiner Zelle i gefunden hatte, entwichen und bis Mailand gekommen, wo er von Leuten, die ihn spielen gehört hatten, zu dem berühmten Violinlehrer Ealnri geführt und von diesem als Schüler ausgenommen worden; war. So begann seine regelmäßige Ausbildung und der Anfang l jener Künstlerlausbahn, die ihn zu schwindelnden Höhen des Ruhmes i empor führen sollte. - Nach Geburtsort und Herkommen befragt, j sagte er nur, daß er aus seiner Heimath fortgegangen sei, um Musik? zu lernen. Seine Angaben wurden zur dainaligen Zeit nicht sehr l genau geprüft, sein ungewöhnliches Talent ließ Einzelheiten als neben- : sächlich erscheine». — Er war da, ein Phänomen augenscheinlich, das ■ genügte. Alles, was später von ihm erzählt wurde, entsprang der j legcndcnbildenden Reklame seiner Bewunderer, und er wußte selbst kaum, was wahr und >vas falsch sei. Auf die Frage nach seinem j Namen antwortete er, er würde Enrico genannt, so hatten ihn einst, ahne daß er es heute wußte, die Fischerjungen auf der Pescheria gerufen. Und der Familienname? Familie? Was war das? Familie? Wieder schwirrten undeutliche Worte, Laute, Silben in seinem Kopfe durcheinander . . . hier - halt, und da! ... Schon glaubte er etwas zu erfassen, er griff förmlich mit den Händen danach, als sei cs etwas Körperliches . . . Mar . .. Mar . . . Enrico Mar . . Marconi . . . kam cs dumpf über seine Lippen, und die Traumgestalten waren verschwunden. Enrico Marconi! Dabei blieb's also. Unter diesem Namen legte er seine Siegeslaufbahn als der größte Geigenvirtuose seiner Zeit zurück. Was jetzt in seinem Gedächtniß auftaucht, ist eine Kette von Erfolgen, von Gunst- und Ehrenbezeugungen, von Auszeichnungen und l einer Bergöttcrung, wie sie von allen Künstlern nur den Musikern l zu Thcil werden kann durch die Mittelbarkeit ihrer Einwirkung auf! die Menschen. i Filippo spielte noch immer, und Henri träumte von schönen ' Frauen, die ihn beglückt, von stolzen und bedeutenden Männer», die ihn Freund genannt hatten, von jubelnden Bolksmasscn und rasenden Beifallsstürmen, von Glanz und Reichthnm und Ehre-Alles,; Alles war in seinem Leben verzeichnet, er hatte die Freuden des Dal seins gekostet bis zum Ucberdruß. Es war eine Rückerinnerung voll ■ hohen KünstlcrruhmeS, voll Liebessvnnenscheins, voll stolzen Ehrgeizes. Sein Auge ivurde Heller, seine Züge belebten sich — nichts fehlte in diesem glanzvollen Leben-nichts?! — Bleich und fahl werden seine Wangen, er sinkt mit geschlossenen Augen wieder in die Ottomane zurück — — wo hat es seinen Anfang genommen? — In diesem Augenblick reißt eine Saite an Filippo's Geige, und mit jähem, i schrillem Laut endet sein Spiel. l Es war jedoch nicht blos der Schreck über den raschen Wechsel j in des Meisters Stimmung, der dieses plötzliche Abbrechen des Spiels zur Folge hatte. Man war in der Umgebung Marconi's an diese Zufälle gewöhnt worden, die den Künstler von den Höhen der Bel geisterung, der Lebensfreude, des stolzen Selbstgefühls unvermittelt! in die Abgründe der Verzweiflung, der Entmuthigung und Hoffnung»- j losigkcit stürzten. Man hielt diese Erscheinungen für die Folgen eines! schweren, nervösen Leidens, und die berühmtesten Aerztc der Welt! hatten sich vergebens bemüht, dem genialen Künstler Erleichterung! zu schaffen. Enrico lächelte melancholisch, wenn von neuen Kuren? neuen Versuchen die Rede war. Er wußte bei sich, daß ihm nichij zu helfen sei, da die psychologischen Ursachen seiner wechselnden Stimmungen und Verstimmungen den Aerzten unbekannt waren und sie sichl vergeblich bemühten, auf wissenschaftlichem Wege zu beseitigen, was! nicht in seinem Organismus, sondern in seiner Seele wurzelte. Olt! war er nahe daran, sich dem Einen oder Anderen zu entdecken, dam,! aber siegte die Scheu, die Eitelkeit, die Furcht vor der Lächerlichkeit, miiI dem Bekenntniß herauszurücken: „Ich leide daran, daß mein Leben! keinen Anfang hat, daß ich nicht weiß, was mit mir war bis 511 jenem | Tage, wo ich mich im Kloster fand; weil ich keine Vergangenheit, keine Kindheit hatte"-keine? Und wiederum summten rindl vibrirten tausend unverstandene, fremde Zeichen durch seinen Kol»,I und er bemühte sich, sie festzuhalten, bis er, oftmals einer physisch!»! Erschöpfung erliegend, ohnmächtig zusammenbrach. Dann raffte eil sich wieder auf und rief sich zu: „Weshalb suchst du die Vergangen-! heit? Die Gegenwart, die Zukunft gehören dir, sei kein Narr, geniesie. lebe," und von solchen Gedanken und Impulsen beherrscht, stürzte nl sich in die Genüsse des Lebens, setzte den überschäumenden Becher der Lust an die lechzenden Lippen und trank ihn aus bis zur Neige, die den Ekel erzeugt. Er suchte sich zu betäuben. Nichts war ihm da»» kühn, nichts wild genug, um sich seiner Kraft, seines Muthes, seiner Erfolge bewußt zu werden. Der Mann von heute sollte herrsche»! und siegen! Diese Widersprüche und Bizarrerien steigerten das Jnterciie | an seiner Persönlichkeit, und Enrico Marconi hatte als Künstler und als Mensch fanatische Bewunderer. Besonders für die! Frauen hatte dieses extravagante Wesen einen eigenen Reiz, und du | schönsten und interessantesten aus der Gesellschaft fühlten sich beglück',, wenn er ihre Grinst begehrte. Die Geschichten seiner Abenteuer wäre»! in Aller Munde, und wie von Don Juan konnte man auch von ihm I von tausend und zwei und darüber erzählen. Es war natürlich, da» diese Lebensweise ihn entnerven mußte, und daß er in den Stunde» | der Apathie früh gealtert und übermüdet erschien. Thatsüchlich aber >var das weniger die Wirkung seiner tollen Launen und Extravaganzen, als des Wurmes, der unsichtbar an seinem Herzen fraß, denn sei» Körper war von einer Elastizität und Kraft, die an das Wunderbare grenzte. Tie Frauen, die ihrr vergötterten, bedeuteten ihm nicht viel. Sic waren ihm gut genug, ein Spiel seiner Wünsche, seiner Lusl, seines Vergnügens zu sein, näher getreten war ihm trotz seiner zahl losen Abenteuer keine einzige. Phantasie und Leidenschaft, Sinne» glut und despotische Herrschsricht hatten ihm die köstlichsten, reichste» Stunden in heißen und süßen Liebestündeleien und wilden Liebes stürmen bereiten helfen; aber das Alles war nur vorübergehend. Dauernde Hingebung, wahre Zuneigung hatten in seiner Seele noch keinen Platz gefunden — vielleicht weil der Dämon der Verzweiflung sic daraus vertrieb —, bis er eines Tages Antonia kennen lernte. Er war im vergangenen Jahre in Nizza. Er hatte dort ein Konzerl gegeben und wieder jenen frenetischen Beifall wachgerufen, der die Menschen um ihre Besinnung zu bringen schien. Unter den Hunderte» von Billeten, die mit Blumenspenden am nächsten Tage bei ihm ab gegeben wurden, war ihm eins ausgefallen, während er die andere» achtlos und gelangweilt bei Seite schob. Das Briefchen trug weder ein Wappen, noch kronengeschmückte Initialen und kunstverschlungen' Monogramme. Es war ein ganz einfaches, weißes Briefkouvert, das ihm ins Auge fiel und ihn gerade dadurch reizte. Er öffnete es und fand auf einfachem Bogen nur folgende Worte: „Sie haben mich gestern Abend durch Ihr Spiel erfreut und gerührt; wollen Sic mit E mich k warf Fülle' Entzin Vergö 3 liegt Tcheik Hoffni entgeg aas d des E fft, ni lvohni Tphä lindlie mnspi heram die E »lehr ist es, er feil gcnäh nur „ Sann lKnns Letzte' leiht, lentis der 9 auf d sie be Wölk, legten Wolkl Leben Kumi auf d sonde manö nachd inöge falls rungl vielw dies Morl wohl lisire Eher