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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-11 · Heft 26 (11.7.1890) · p. Seite 353

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 26 (11.7.1890)
Date
1890-07-11
Page
Seite 353 (sequence 9)
Language
German
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353 Er, dessen Geist durch sein ganzes Leben weder im eisernen noch im goldenen Käfig Ruhe fand, der sich in Sehnsucht und Liebe für's Vaterland, welches er über Alles geliebt und verloren hatte, verzehrte, wurde in der Fremde in Montmorency zur Ruhe bestattet. Er litt — und die Elemente seines Gefühls, von der Geburt sehr lebhaft, und die schon seit früher Jugend mächtige Kraft seines «Genius — entwickelten sich bei ihm ins Erhabene. Unter einem rcmdcn Himmel, unter Fremden, konnte er auch die gut verstehen, welche seit 1800 Jahren als Verbannte, gehetzt und unstät umherirrcnd, überall als Fremde betrachtet leben mußten. Er sah seine Kmdsleutc ans der Bahn eines normalen Lebens gerissen, in eine Zerrüttung gerathen und konnte die begreifen, welche durch 18 Jahr- »underte keine regelrechten Vorbedingungen zu einer Entwicklung hatten und deshalb auch manchmal entgleisten. Mit all seinen Fibern sehnte er sich nach der Freiheit, nach dem Vaterlande, und wünschte deßhalb, daß auch die Juden sich des Vaterlandes und der Freiheit erfreuten. Er kannte sie sehr gut, soivohl die Masse wie die Individuen, und hegte die feste Zuversicht, daß durch ihre Vereinigung mit Polen dieses so gestärkt werden wirb, wie seiner Zeit durch die Union mit Lithauen. Auf welche Weise »nd auf welchen Grundlagen — darauf gab er im Jahre 1848 Antwort. Einige Jahre nach seinem Ableben zeigte es sich, daß er Recht >atte, wenn immer er wiederholte: „Tie Inden unterstützen unsere Nationalität." Auf dem Warschauer Pflaster, in den Wäldern und in den Feldlagern vermengte sich 1808 polnisches mit jüdischem Blute. Cremieux, der berühmte Präsident der „Alliance israelite universelle“, sagte unter dem Impuls der Ereignisse von 1808;nm Fürsten A. Czartoryski: „Diejenigen, welche desselben Todes derben tonnten, müssen auch dasselbe Leben genießen können." ‘) Heute wiederholen wir diese Worte am Sarge des genialen richters. Wir wiederholen sie voller Hoffnung für die Zullmft, ivelche Kosciuszko, indem er die Juden den Reihen der Vatcrlandsvertheidiger einverleibte und Mickiewicz, indem er sie in die Ruhinesiialle der Poesie und des nationalen Gedankens einführte, angebahnt iiaben. Kol Mid re. Novelle von Ulrich Fra n k. (Fortsetzung.) Aber eigeuthümlicher Weise, es war eine Lücke in des Künstlers Erinnerung, denn nicht bis zu jener Stunde führte ihn dieselbe zurück, wo er vor der Eingangspforte der Synagoge zögernd weilte, sondern erst dort nahm sie ihren Anfang, wo er hungernd nnb dürstend an Kr Schwelle eines Klosters von Mönchen aufgefunden wurde. Dann iah er sich in den weiten Gängen des Klosters umherwandeln, und) Paris überfuhren." Darauf gingen Alle ein. Mickiewicz's Gefährte, Heinrich Sluzalski, warf fick) in Levy's und Knczynski's Arme und rief: „Jetzt sind wir Waisen geworden, wir müssen immer Freunde bleiben." Levy sagte zu Heinrid): „Willst Du nach Paris?" „Jd> werde Alles thun, was Ihr wollt." Levy erwiederte: „Wir haben ihm hier Gesellschaft geleistet, es ist also nur billig, daß wir ihn Beide zurückbegleiten." Kuczynski bestätigte es und es wurde so beschlossen. Die Nacht verstreicht ihnen unter großem Schmerz und gegenseitigen Herzensergüssen, und sie versprad)en einander, seinen Gedanken und der Ausführung seines Projektes, die Formirung eines polnisch-israelitischen Regimentes betreffend, treu zu bleiben. 0 Levy's Vorrede zur erwähnten Uebersetzung: „Die Bücher der Nation und der Pilgerschaft", 8. VIII. empfand die Obhut, welche seine Beschützer ihm angedeihen ließen, erinnerte sich der Andachtsübungen und der Erbauungsstunden, die er dort mitgemacht, und wie eines Tages ein junger Laienbruder, der die Geige spielte, darauf gekommen war, ihn diese Kunst zu lehren. Er sah sich mit dem Instrumente, das dieser ihm geliehen, hinter den dicken Mauern seiner Zelle in stetigem Verkehr, und wie cs ihm nach und nach gelang, den tobten Saiten Leben einzuhauchen, und eine immer innigere, seelenvollere, lebenswahrere Zwiesprache mit seiner Geige zu führe». Ein kluger Instinkt hieß ihn dies glückselige Geheimniß bewahren, Niemand im Kloster, auch sein Lehrmeister nicht, durfte ahnen, welche Töne er dem Instrument zu entlocken verstand. Es schien ihm eine Gefahr für seine Kunst, die ihm förmlich sündhaft vorkam, und die ihn ebenso oft erschreckte als beseligte, aber doch immer stärkere Gewalt über seinen Geist erlangte, bis er eines Tages den engen Klostcrmauern entwich und dem ewigen Wandertriebe des Genies folgend, zum zweiten Male die Stätte verließ, die ihm eine Heimath bot. Er hatte es bei den Mönchen gut gehabt, sie gewährten ihm Obdach, Kleidung, Verpflegung und Belehrung und verlangten wenig, denn die Andachtsübungen und der fromme Lebenswandel, dem sie selbst oblagen und von ihm begehrten, machten keine Mühe, und oft genug gaukelte die Behaglichkeit und Beschaulichkeit dieses Levens ihm freundliche Bilder vor und legte ihm den Gedanken nahe, ebenfalls das Gelübde abzulegen und in den Orden einzntreten. Dann aber kam wieder die heimliche Unruhe des Zigeunerthums über ihn, er malte sich die Welt ans mit ihren Reizen und ihrer Abwechslung, die Welt, in die er hinausgezogen, damals-Wann? Wie? Sein Gedächtnis; hatte ihn an diesem Punkte verlassen, nur eins empfand er dunkel, die Zellen und Mauern eines Klosters tonnten die Welt, konnten das Leben nicht sein, um die er einst Alles ausgeben hatte. Was? Wann? Da war sie wieder die klaffende Lücke... Was lag vor dieser Zeit? Er fand nichts in seiner Erinnerung und faßte sich eines Tages ein Herz, den Bruder Pförtner zu fragen: Was wohl vor der Zeit mit ihm gewesen sei, ehe er ins Kloster kam? Dieser sah ihn halb zweifelnd und halb ängstlich an und sagte dann: „Wir haben Dich gefunden halbtodt von Hunger und Erschöpfung, stumpfsinnig und mit zerissenen Kleidern und nackten Füßen und nahmen Dich mitleidsvoll auf . . . Dann verfielst Du in eine lange, lange Krankheit. Dein Gehirn fieberte und entzündete sich, Du tobtest und rastest wie vom Bösen besessen und sprachst unverständliches Zeug. Wochen, Monate vergingen, che Tu genasest. Unzählige Male warst Du dem Tode nahe, und da wir nicht wußten, ob Du der Gnade des Herrn theilhaftig bist, denn wie ein Thier des Waldes kamst Du uns ins Haus, empfingst Du die heilige Taufe . . Und was vorher war? Er wußte es nicht, und Niemand vermochte es ihm zu sagen, aber wie einen physischen Schmerz empfand er diese Leere in seinem Gehirn, und er zermarterte sich vergeblich, den Punkt zu finden, auf den er seine Gedanken hätte hinleiten können. Manchmal waren es fremdklingcnde Worte, Töne, dunkle Vorstellungen, die ihm für Momente einen Anhaltspunkt zu geben schienen, aber sobald er sich bemühte, sic zu fixiren, zerflatterten sie vor seinen Augen, wie leichte Schemen, und nichts Greifbares, nichts Gestaltungsfähiges blieb zurück. — Dieser Zustand hatte sich im Laufe der Jahre zu einem nervösen Leiden bei Marconi ausgebildct. Sein reiches, kunststolzes Leben fing bei ihm an jenem Tage an, wo er sich im Kloster wiederfand, von da an konnte er jede Stunde seines Daseins verfolgen, und vorher? — War er ein Dämon oder ein guter Geist, den Himmel oder Hölle an einem Tage auf die Erde gesetzt, ohne daß er eine Vergangenheit, eine Kindheit gehabt hatte? —

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