Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 26 (11.7.1890)
- Date
- 1890-07-11
- Page
- Seite 352 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Mickiewicz' Wirksamkeit während der Emigration zerfällt in eine Propaganda der Idee und in politische Unternehmungen. Zur erstern gehören seine journalistischen Artikel, die Vorträge im College de France lind seine Mitwirkung an Towianski's Bewegung; zu deu zweiten die Jormirung einer polnischen Legion in Italien im Jahre 1848 und seine diplomatische Mission »ach Konstantinopel im Jahre 1855. In diesen beiden Wirkungskreisen ließ Mickiewicz, sich und seinem Systcin treu, die jüdische Frage nicht aus dem Auge. Wir haben oben einen litterariischeu Exkurs angeführt. Diese Worte sind von prinzipieller Tragweite und verdienen auch in das Programm der Gegenwart mit goldenen Lettern eingeschrieben zu werden. Ter Towianismus brachte Mickiewicz dem Judcnthum nahe. In seinen „Büchern der Pilgerfahrt" war er ein greiser Jeremias, und er wurde auch als Prophet betrachtet'). Am Gcdächtuißtagc der Zerstörung Jerusalems versammelte er einst die „Briider" in einer Pariser Vorstadt-Synagoge, hielt eine Ansprache an den Rabbiner, um einen verwandten Ton ans seinem Geiste heraus zu locken, aber Letzterer, aufgeklärt und französirt, wollte weder von Jerusalem noch vom Messias etwas wissen. Das Jahr 1848 war angebrochen. ■ Mickiewicz glaubte, daß die Stunde der That für ihn geschlagen habe, und eilte nach Italien. Ein zweiter Dombrowski — nur weniger glücklich als dieser — schickte er sich an, eine Legion mit dem ganzen Feuer der Begeisterung, mit dem ganzen Uebcrzeugungsglauben an die „polnischen Schaaren, zur Wiederherstellung des Vaterlandes" zu organisiren. Er entwarf einen „Grundriß der Grundsätze", der, obwohl stark religiös gefärbt, sich auf die Unterlage der allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stützte. Speziell uns gegenüber besagte der Punkt 10: „Israel, dem älteren Bruder, gebührt Achtung, Brüderlichkeit und Unterstützung auf dem Wege zu seinem zeitlichen und ewigen Wöhle. In Allem gebührt ihm gleiches Recht." ') Dieser Punkt der Grundsätze enthält ein in sich abgerundetes und konsequentes System. Versuchen wir cs, die zerstreuten Bruchtheile desselben in einen festen Rahmen zu bannen. Sein Ziel war — Polen, das Mittel — die Liebe. Wir wissen, daß diese zwei Begriffe die Schlüssel zu Mickiewicz's Lebenslauf und seinen Schriften sind. Seine Sociologie basirte weder auf wissenschaftlichen Normen, noch auf egoistischen diplomatischen Kombinationen, sondern war eine Dienerin seiner Herzenswünsche und seiner ethischen Postulate, und diese richteten sich vor Allein nach dem Grundsätze der Gerechtigkeit. Diese inuß man auch deu Juden gegenüber üben, sowohl wegen ihres eigenen „zeitlichen und ewigen Wohles", wie auch iui Interesse Polens. Denn die in ihren Marken weilende Millioncnmasse hat so viel lebenskräftige Hilfsmittel in sich, daß sie, auf den nationalen Stamm gepfropft, demselben, wie seiner Zeit Lithauen, frische Säfte und Heilkräfte zuführen wird. Nicht durch Zwangsmittel und Ausnahmegesetze kann man sie mit der Nation assimilircn, sondern dadurch, daß man ihnen die weitgehendsten Bürgerrechte, wodurch sie mit den Bekennern anderer Religionen auf eine Stufe der absoluten Gleichheit gestellt werden, >) Lenartowicz: Briefe über A. Mickiewicz. S. 6. „Er sprach in Parabeln und im biblischen Stil, ohne diese Form zu beabsichtigen. Das war bei ihm so einfach, so seinem Charakter entsprechend, daß, wenn man ihn manchmal von Polen erzählen hörte, unwillkürlich das Gestade Palästinas, und die Wüste, welche das auserwählte Volk durchwanderte, vor dem Geiste aufstiegen." S. 15. „Unter Mickiewicz' Freunden in Paris war auch ein jüdischer Schneider, der Patriot Kraitler!" Wie uns von anderer Seite bekannt, gehörte zu diesem Kreise auch der edle vor vier Jahren in Brüssel verstorbene Ludwig Lnbliner. -’) Band VIII. S. 6. Wortfrciheit, Wählbarkeit zu allen Aemtern und alle Erwerbszweige frei läßt. Das war Mickiewicz's Programm! Dieses Programm ist trotz seiner überaus edlen Tendenz kein einseitiger, träumerischer Idealismus. Jankiel ragt um einen „halben Ton" über die Wirklichkeit hinaus, aber an anderen Stellen läßt Mickiewicz die realen Bedingungen nicht außer Acht. Großer Meister, dein edler Genius ist Deinem Jahrhundert vorausgecilt .... Seine Devise war: „In den Worten sehen wir nur den Willen, in der Leistung die Kraft." Kurz vor dem Tode war es ihm noch einmal vergönnt, aus der Region des Willens in die der That überzugehen. Der Krimkrieg führte ihn nach dem Orient ins Lager bei Burgas zwischen die Kosakenreihen des Michael Czajkowski. Er empfand wieder jugendliches Feuer und Enthusiasmus. Unter anderen Projekten beschäftigte er sich auch mit dem Plan, ein Regiment aus Juden zu bilden, welches gegen Rußland zu kämpfen Hütte, und inmitten der Entbehrungen und Strapazen sich mit den Polen verbinden wiirde. Sadik Pascha — Czajkowski — unterstützte dies, das Faktum a»führend, das; die Juden aus Bcrditschew im Jahre 1831 dem Jnsurgentenführer Karl R'ozycki Hilfe an Geld- und Menschenopfern gebracht haben, daß er selbst Juden im Kvsakenregiment Stelle und Rang verlieh und sic mit den Polen und Kosaken unter den Waffen verbrüdert habe.') Mickiewicz arbeitete für die ottomanische Regierung ein ganzes Memorial aus. Er berief sich auf die Anerkennung, welche sich die jüdischen Soldaten bei Czajkowski erworben haben,") und schreibt, daß ihr Regiment für die Türkei eine neue Macht mehr bilden würde und für den Feind (Rußland) die Quelle großer Gefahre». Die Juden seien im Zarenreich sehr zahlreich und hätten besonders in letzter Zeit dort so viel leiden müssen, daß Rußlands Feinde darauf zählen könnten, bei ihnen Unterstützung zu finden. Als die Juden aus allen Ländern Vertrieben wurden, fanden sie in der Türkei und Polen eine Zufluchtsstätte und Hilfe. Daran hätten sic auch nicht vergessen. Mickiewicz versprach sich viel von diesem Regiment und voll den Bewegungen der Judeil im Lande gegen Rußland, denn in einem Parteigüngerkriege sei dies von großer Wichtigkeit. An Sadik Pascha schrieb er: ") „Bon Herrn Levy wirst Du Nachrichten betreffs der Juden erhalten. Ich bitte Dich, daran zu zu denken, daß unsere Gegner nicht scherzen, für neue Dinge muß man neue Kräfte ans Tageslicht ziehen. Die Angelegenheit der Juden beschäftigt in den letzten Jahren viel die Geister. Sie unterstützen unsere Nationalität im Lande und werden als ein mächtiges Element betrachtet." Diesen Brief schrieb er am 8. November, und am 18. d. M. urgirtc er:* * * 4) „Ich empfehle Dir sehr die jüdische Angelegenheit." Er verbürgte sich, daß Karl Rozycki das Kommando über dieses Regiment annchmcn werde... Zehn Tage später hatte Mickiewicz aufgehört zu leben. Sein treuer Genosse und Freund, der Jude Armand Levy, drückte ihm die Augen zu und führte seinen Leichnam nach Paris.5) -) Chmielowski II. 450. -) Mickiewicz's Werke VIII. 128. ■’) M's. Werke VIII, 130. J) Daselbst 138. 5) Wl. Belza: Die letzten Momente und das Leichenbegängniß Mickiewicz's S. 14. Um 9 Uhr hauchte er bei voller Geistesgegenwart traurigen Blickes, ohne ein Wort zu sprechen, seine Seele aus. Ein Geistlicher versah ihn mit der letzten Oelung, und Levy schloß ihm die Angen. Und als Alle auseinandergehen sollten, fragte man, was bleibt noch zu thun? Levy sagte: „Ich werde ihn einbalsaniiren lassen und