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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-11 · Heft 26 (11.7.1890) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 26 (11.7.1890)
Date
1890-07-11
Page
Seite 351 (sequence 7)
Language
German
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351 zieht'), so legen die Thatsachcn ein rühmliches Zeugniß dafür ab, wie ihr patriotischer Sinne schon damals im Erwachen begriffen war. Das leichte Kavallerieregiment, welches Berek Joselowicz") aus Israeliten formirte, hatte so viel patriotische Bedeutung wie die Sensenmänner-Bataillone, und sein tapferer Oberst kann dem Anführer Bartoszewicz gleichgestellt werden. Wir können auf ihn mit Recht stolz sein. Mickiewicz, der die Kosciuszko-Bewegung und den Sturm auf Prag« gut kannte, wußte auch von diesen Kundgebungen und konnte sie nicht ignoriren. Er stand im Engpässe „zwischen dem verschwindenden Geschlechte und zwischen uns" sagt von ihm Krasinski, und so machte er all die Typen dieses „verschwindenden Geschlechtes" unsterblich, und also auch die Juden im polnischen Kaftan, in der Schänke, mit einem für Polen schlagenden Herzen. Genug, daß der jüdische Patriot existirt hat; seine Gestalt verschmolz sich mit anderen Juden, deren in Lithauen so viel sind, welche der Wilnaer Student gut kannte, und zwar von einer sympathischen Seite''); sie verschmolz sich mit dem in Petersburg beliebten Cymbelschlägcr Jankiel Libermann ') und in Polens Epopöe — „Herr Thaddäus" — ') Smolensk: Der Zustand und die Angelegenheiten der polnischen Juden im 18. Jahrhundert. -) Siehe: Kosciuszko's und Joselowicz's Manifest in der „Regierungszeitung" vom Oktober 1794. Falkenheius Denkwürdigkeiten, Wilnaer Journal vom Jahre 1817, und schließlich die im vorigen Jahre im Verlage der Zeitschrift „Swiat" unter dem Titel: „Syu Berka" (Berel's Sohn) erschienene Broschüre. 3) Odyniec erzählt auch Folgendes in seinen Reisebriefen: Anfangs September reiste der 17jährige Mickiewicz von Nowogrodek nach Wilna um die Universität zu beziehen; er unternahm zum ersten Male eine für die damaligen Kommunikationsverhältnisse so weite, beinahe zwanzig Meilen betragende Reise nach einer ihm unbekannten und nach seinen Begriffen großen Stadt. Nach den Fütterungs- und Haltstationen, für welche die jüdischen Fuhrleute so eingenommen waren und sind, hätte die Reise drei Tage währen können. Adam befand sich in einer ihm unbekannten Gegend und unter fremden Personen — er fuhr nämlich mit drei Juden - und er war wegen seiner elf Dukaten, die ihm die Mutter ans den Weg mitgegeben hatte, sehr besorgt, umsomehr als er vorher wahrscheinlich noch nie solch einen Betrag sein eigen genannt hatte. Er zog also eine alte, vor der Abreise gereinigte und mit Schrot geladene Pistole hervor, und legte sie vor sich aufs Knie hin. Die Feuerwaffe des Studenten beunruhigte Jankiel. einen alten Kaufmann aus Mira; er begann ihn deshalb zu überreden, daß er die Waffe einstecke. Dies aber steigerte noch den Argwohn des Jünglings. Jankiel merkte das und fragte ihn geradewegs: „Nun, wie viel Geld haben Sie junger Herr?" Der Gefragte gerieth außer sich vor Schreck und glaubte bestimmt, daß er einen Räuber vor sich habe. Da zog der Jude einen großmächtigen Lederbeutel voll Gold- Silbermünzen und Banknoten von hinten aus seinem Ueberwurfe hervor, und all dies dem Studenten zeigend, sprach er: „Nun sehen Sie, ich habe mehr; und wenn ich Sie morden wollte, dann würde nian mir all dies wegnehmen und ich selbst müßte nach Sibirien wandern." Dieses Argument überzeugte und beschämte so unfern Mickiewicz, daß er nicht nur die Pistole einsteckte, sondern auch das Pulver von der Pfanne blies. Dadurch war der Alte gewonnen, und während der ganzen weiten Fahrt schenkte er dem Studenten viel Aufmerksamkeit, traktirte ihn mit Kaffee und Eier», und als er mit ihm schließlich ein längeres Gespräch anknüpfte, ertheilte er ihm mehrere kluge Rathschläge und Warnungen betreffs einer praktischen Lebensweise und wie er in der Jugend seine Gesundheit schonen solle. Im Krakauer „Czas" v. I. 1859 Nr. 117 erzählt der Feuilletonist L., daß er aus Mickiwicz's Mund Folgendes gehört habe: „Während der Ferien fuhr ich, von Wilna immer nach Jvas. Dort lernte ich Michael Wereszczaka, seine Schwester Maryla und ihre Mutter Anna, eine Frau voll Leben, der ich viel zu verdanken habe, kennen. Ich hörte oft ihren Unterredungen mit einem Rabbiner, einem gelehrten und stattlichen Inden, zu, und dessen Andenken wollte ich in Jankiels Figur bewahren." 4) W. Nehring: Literarische Studien S. 316. Jankiel ist ein Porträt. In Petersburg lebte ein vorzüglicher Cymbelschläger, Jankiel Libermann, dessen Spiel Mickiwicz hörte und ans dessen Wunsch er sich in dessen Buch einschrieb. fand sie eine ideale und meisterhafte Verkörperung. Mickiewicz, der „mit seinen Armen die ganze Nation umfaßte", all' ihre vergangene und zukünftige Geschlechter, schenkte auch Jenen seine Liebe, die durch einige Jahrhunderte isolirt und ausgeschlossen, dennoch viele Vorzüge hatten, und als das Vaterland rief, zum Appell erschienen. Der Patriotismus im „Herrn Thaddäus" ist also nicht blos Mickiewicz' frommer Wunsch, sondern das Echo der Wirklichkeit, und daß er ihn unsterblich machte, ist ein Beweis mehr, wie groß sein Herz und wie erhaben seine Denkart war. Die Juden nehmen in Mickiewicz' Geist keine untergeordnete Stelle ein. Und das nicht nur vom poetischen Standpunkte, sondern auch vom patriotischen aus. Mickiewicz gehörte nicht zu jenen Poeten, die sich im Monde bewegen. Selbst in den Momenten des höchsten Schwunges, wo er den Flügelschlag der göttlichen Inspiration verspürte, sagte er: „Ich bin ein Mensch, mein Körper ist auf der Erde." Und auf dieser polnischen Erde, inmitten der Fehler und Trümmer der Vergangenheit, inmitten der Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft, befand sich ein Volk, welches, seit Jahrhunderten ansässig, dennoch größtentheils in Sprache und Tracht, in Konfession und Leben der Nation fremd war. Was mit solch einem Volke beginnen? Darauf hatte Mickiewicz eine bestimmte Antwort. Als ein universeller und synthetischer Geist umfaßte er alle j Lebenserscheinnngen mit einem Grundgedanken, mit einem System. : Und auch den Juden wies er dort eine Stelle an. Betrachten wir dieses System näher. Krasinski's „Nichtgöttliche Komödie" — Nieboska Komedya — analysirend, sagte er im Angesicht von ganz Europa'): „Der Verfasser (Krasinski) hat das israelitische, das slavische Volk, den Adel und die Geistlichkeit auf die Bühne gebracht, aber er hat jedem dieser Typen Unrecht zugefügt. Hinsichtlich der Israeliten hat er vor Allem gegen seine Nation — kann man sagen — gesündigt, indem er elftere so darstelltc, als lauere sie nur auf die Vernichtung des Adels und der Bauern, auf den Untergang des Christenthums. Den durch ihn geschaffenen Repräsentanten Israels legte er Worte in den Mund, die nur von Haß, Verachtung und Verrath gegen das Christeuthum beseelt sind. Ohne Zweifel sind noch jüdische Sekten in Borurtheilen und Obskurantismus versunken, aber daraus darf man nicht auf die israelitische Gesammtheit schließen, und es geziemt sich nicht, der Fügung der Vorsehung so vorzugreifeu; denn es ist nicht ohne Grund, daß dieses Volk seit Jahrhunderten in Polen ansässig ist, und daß sein Schicksal mit dem der polnischen Nation eng verflochten ist."! Ja, nicht ohne Grund . . . Und wie ist die Rolle beschaffen, welche ihnen die geschichtliche Vorsehung angewiesen hat? „Ich möchte nicht," sagt Mickiewicz zu Armand Levy"), „daß die Juden Polen verlassen, denn Polens Union mit den Israeliten ist dazu bestimmt, die Republik zu stärken, so wie dies mit der militärischen mit Lithauen der Fall war." Auf welche Weise läßt sich das bewerkstelligen? „Vor Allem sind sie dem nationalen Organismus einzuverleiben, sie müssen Polen werden. Der Bauer und der Jude sind uns gleich nöthig. Jeden von ihnen muß man zum Polen umgestalten")." Das war Mickiewicz' System, das die Aufgabe, die er sich gestellt. Dieses System war bei ihm keine bloße Theorie, sondern wurde auch zur That. ') Slavische Litteratur. Posen, 1865. III., 111. 2) Siehe Armand Levy's französische Vorrede zur hebräischen Ausgabe der: „Bücher der Nation und der polnischen Pilgerschast. Paris, 1881. 3) Aus dem Artikel: „An die galizischeu Freunde".

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