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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-11 · Heft 26 (11.7.1890) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 26 (11.7.1890)
Date
1890-07-11
Page
Seite 350 (sequence 6)
Language
German
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350 Während die Armenkommission der Portugiesen mehr Pensionen zahlt und Almosen vertheilt, sucht die Kommission der vereinigten Synagoge die Bedürftigen selbstständig zu machen. Diese Bestrebungen sind von Erfolg begleitet. Unter den Petenten, die sich 1889 an die Kommission gewendet haben, hatten 923 im Ihre 1889, 1868 im Jahre 1888 und nur 191 schon in früheren Jahren die erste Unterstützung erhalten. Man darf nach ähnlichen Erfahrungen in den vorhergehenden Jahren annehmen, daß es durchschnittlich in zwei Jahren gelingt, die Petenten auf eigene Füße zu stellen, und der Pauperismus wäre unter der Londoner Judenschaft wohl gänzlich ausgerottet, wenn die Zahl der bedürftigen Einwohner nicht eine so große wäre. Almosen werden verhültnißmäßig nur in geringem Maße gegeben'), dagegen sorgt das Board of Guardians* 2 * 4 5 6 7) für Ausbildung von Lehrlingen, für Beschaffung von Handwerkszeug, für Beschaffung von Arbeit an bedürftige Frauen '), für die Reisekosten bedürftiger Auswanderer, für Sauberkeit und hygienische Gestaltung der Wohnungen^). Endlich ist als wichtiger Zweig der Gesellschaft eine Darlehnskasse zu erwähnen, welche im letzten Jahre 2800 Pfd. Strl., seit dem Bestehen 28,000 Pfd. Strl. an Darlehen gewährte. Bon diesen wurden 87,5 Prozent zurückgezahlt, gewiß ein erfreuliches Zeichen! ') Auch in anderen Städten hat eine vernünftige Handhabung des Armenwesens zu einer Verminderung des Pauperismus geführt. So ging in Manchester die Zahl der unterstützten jüdischen Familien von 365 Familien mit 1238 Seelen im Jahre 1878 auf 264 Familien mit 1112 Seelen im Jahre 1888 zurück, trotzdem sich in diesen 10 Jahren die Zahl der jüdischen Einwohner verdoppelt hatte.") Besondere Erwähnung verdient, weil ein ähnliches Institut bei uns nicht vorhanden ist, der jüdische Arbeiterklub, der (durch Turn-, Schwimm-, Angel-, Cricket-Abtheilungen?c.) für die körperliche und (durch Bibliothek, Konzertaufführungen, Gesangverein, Debattirklub rc.) für die geistige Ausbildung seiner Mitglieder Sorge trägt. Auch in anderen Städten besteht ein derartiger Klub, so in Manchester mit 500 Mitgliedern. Als Schwesterinstitut der Alliance israelite unterhält und subventionirt die Anglo Jewisli association Schulen für die jüdische Bevölkerung im Orient?) Sie hat einen jährlichen Etat von 2500 Pfd. Strl., außerdem einen Erziehungsfonds von 7000 Pfd. Strl. gesammelt. (Schluß folgt.) 0 Jährlich ca. 40,000 Mark. 2) Das Studium der Jahresberichte dieser Gesellschaft sei allen denjenigen empfohlen, welche sich für Armenpflege interessiren. 0 In besonderen Arbeitsrüumen, in denen außerdem etwa 30 Mädchen mit Arbeiten für die Hospitäler und andere philantropische Institute ständig beschäftigt sind. 4) Ein Architekt nimmt Visitationen vor, stellt etwaige gesundheitsschädliche Einrichtungen fest, und sucht in Verbindung mit dem Sanitäts- Comitö Abhilfe zu schaffen. Im letzten Jahre wurden durch die Bemühungen des Comitös bei 649 von 810 gesundheitsschädlichen Wohnungen ganz oder theilweise die hygienischen Mängel gehoben. Für Sauberkeit der Wohnungen werden Preise gezahlt. 5) Auch Einzelne suchen in verständigerer Weise als durch Almosengeben wohlzuthun. So unterhält Mr. Newgaß unentgeltlich ein Bureau für Arbeitsnachweis, Mr. Raphael gewährt Mittagessen an die Kinder einer Armenschule, ein mir unbekannter Wohlthäter läßt eine Anzahl armer Schulkinder die Sonntage auf seinem Gut verbringen. 6) Die schnelle Vermehrung ist wesentlich durch starke Einwanderung bewirkt, welche eigentlich den Pauperismus unverhältnißmäßig vermehren müßte'. 7) Unter den Schulen ist die von Bombay erwähnenswertst Sie wird von den Kindern der Beni Israel besucht, eines jüdischen Stammes von ungefähr 7000 Seelen, der im Jahre 290 v. Ehr. Geb. nach Indien eingewandert sein soll. An der anglo-jüdischen Ausstellung von 1887 hatten sie sich stark betheiligt. Sie sind seit mehr als 100 Jahren zahlreich — auch als Offiziere — in der indischen Armee vertreten. Aeltere jüdische Kolonien bestehen in Cochin und in Kaifung Fu in China. Adam Mickiewicz und die Juden. Von S. Horowitz. Am 4. dieses Monats hat die dankbare polnische Nation die Gebeine des genialen Dichters Adam Mickiewicz auf der Wawelburg zu Krakau, im polnischen Pantheon, beigesetzt. Die Todtenfeier war eine imponirende, der Manen des großen Mannes würdig, und aus allen Gauen des ehemaligen polnischen Reiches strömten Polens Söhne nach der alten Residenz, um sich an der Leichenfeier zu betheiligen. Es gereicht uns zur Genugthuung, konstatiren zu können, daß auch unsere Judenschaft der erhebenden Feier Interesse und Sympathie entgegenbrachte; ist doch dies ein Beweis, daß sich auch bei unseren hierländischen Glaubensgenossen die soziale Sonderstellung allmälig verwischt, und daß sie ihren Bürgerpflichten eingedenk sind. Aber fürwahr, Adam Mickiewicz verdient unsere Sympathie im vollen Maaße, und es ist nur zu wünschen, daß alle Polen von solch edlen Intentionen beseelt wären, wie er uns gegenüber hegte. Seine irdischen lleberrestc haben die Seinestadt verlassen, ruhen in vaterländischer Erde, in unserer Mitte, und so möge auch sein edler Geist in unserem Lande weilen, auf daß alle Vorurtheilc schwinden und wir einer einträchtigen Zukunft, einem friedlichen Beisammcnleben mit unseren andersgläubigen Landsleuten entgegengehen. . . . In nachstehendem Aufsatz wollen wir es versuchen, Mickiewicz' Ansichten über und sein Verhältniß zu den Juden in knappen Umrissen zu schildern; da eine Kenntniß seiner unsterblichen Werke durch die zahlreichen deutschen Uebersetzungcn auch beim deutschen Publikum vorausgesetzt werden darf, wird dies auch für den deutschen Leser von Interesse sein. Zu diesem Behufe wollen wir eine soeben in polnischer Sprache erschienene Broschüre in ihren Hauptzügen in deutscher Uebersetzung reproduziren. Das Merkchen, welches den Novellisten Wilhelm Feldmann zum Verfasser hat, trägt den Titel: „StosunekAdamaMickiewiczado zydöw“ (Adam Mickiewicz' Verhältniß zu den Juden) und basirt auf einem fleißigen und geschickten Quellenstudium. Äickiewicz's großes Poem „Pan Tadeusz“ (Herr Thaddäus > zeichnet in der polnischen Poesie zum ersten Male einen jüdischen Typus mit getreuen Farben, und der Cymbcl spielende Jankiel ist die erhabene Figur eines jüdisch-polnischen Patrioten. Aber trotz des Idealismus, den diese Gestalt athmet, ist sie kein bloßes Phantasiegebilde. Mit kräftigen, realistischen Linien entworfen und beinahe photographisch treu, ist sie nicht der bloße Ausdruck der Wünsche, ein Muster, wie der Jude sein soll, sondern ein Bild dessen, wie der Jude vor dem Jahre 1812 in der That oft gedacht und gehandelt. Den Beweis hierfür wollen wir gleich erbringen. In der Tragödie des zerstückelten und mit der Macht der Verzweiflung sich wehrenden Polens spielen die Juden keine passive Rolle als Zuschauer, sondern sic greifen aktiv in voller Rüstung mit dem Schwert in der Hand, als Soldaten und Offiziere auf Warschau's Schanzen und an Kosciuszko's Seite ein. Die Geschichtsschreiber der Revolution von 1794 erwähnen ihrer sehr oft und inimer mit großer Anerkennung?) Wenn man die traurige Lage der Juden in damaliger Zeit sowohl in intellektueller wie in sozialer Beziehung in Betracht ') Gazeta rzadowa v. 1.1794. Nr. 78. Wojda: lieber die polnische Revolution 1794. Karpinski: Denkwürdigkeiten, worin von der Heldenmüthigen Vertheidigung Praga's durch eine jüdische Abtheilung die Rede ist.

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