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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-11 · Heft 26 (11.7.1890) · p. Seite 349

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 26 (11.7.1890)
Date
1890-07-11
Page
Seite 349 (sequence 5)
Language
German
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349 Gefährlicher sind dergleichen Experimente mif dem Kontinent, weil dort der historische Takt viel schwächer entwickelt, der Reformeifer deshalb radikaler ist. Wo die Reform zudem nicht dem religiösen Bedürfnisse entspricht, sondern von Indifferenten angeregt wird, welche ihr Judenthum als Biirde tragen, wird sie zu Spaltungen führen, ein Luxus, den die Inden sich gerade in heutiger Zeit nicht erlauben dürfen. Als Beispiel, in welcher Weise mangels einer centralisirten Gemeindevertretung die Konstituirung einer Synagoge vor sich geht, ivill ich die Gründungsgeschichte der im Ball begriffenen Synagoge für die Bezirke Hammersmith und Westkensington erzählen. Ein Anwohner kam auf den Gedanken, daß die Gegend einer Synagoge bedürfe. Durch Umfrage stellte er fest, daß sich 57 Familien der Synagoge anschließen würden. Die jährlichen Beitrüge, welche sic für ihre Plätze in Aussicht stellten, erschienen allsreichend, um die pahreskosten zu decken. Die Vereinigte Synagoge versprach die Hälfte der Baukosten zu tragen, cs waren darnach noch 32,000 Nt. durch Sammlungen anfplbringen. Das Comite konnte schon nach wenigen Tagen— am 5. Juli — über 24,000 M. quittircn, der Rest von 8000 M. lvar kurz daralif gesammelt. Aber bevor man noch an die Ausführung der projektirten Synagoge ging, wurde Anfang Juli eine Religionsschule eröffnet, ivelche nach dortiger Sitte gewisserinaßen Zubehör einer jeden Synagoge ist. Die Schulen sind eben wichtiger als die Synagoge», insofern sic den Bedürfnissen der Zukunft dienen. Dies haben die leitenden Kreise unter den englischen Juden wohl begriffen, und die reichen Mittel, welche sie für den Unterricht ihrer jugendlichen Glaubensgenossen aufwenden, bilden ihren größten Ruhmestitel. Schulen. Es mögen etwa 10,000 Kinder öffentlichen jüdischen Religionsunterricht erhalten. Lediglich religiösen Zwecken dienen: n) Religionsklasscn, welche den Synagogen beigevrdnet sind, b) Rcligionsklassen, welche in Verbindung mit Schulen der Stadt London errichtet sind. ö Für Ertheilung dieses Unterrichts trügt besonders die Gesellschaft zur Verbreitung religiösen Wissens unter den Juden Fürsorge, welche — außer bezahlten Kräften — über 20 freiwillige Lehrkräfte verfügt, darunter 14 junge Mädchen. In diesen Rcligionsklassen mögen etwa 5000 Kinder Unterricht erhalten. Mindestens ebenso viele besuchen die jüdischen Schulen. Der Zweck derselben ist, wie Herr Mocatta in Gegenwart vieler Christen ausführen durfte, ein doppelter: sie sollen die Schüler — meist Kinder von Eingewandcrten — zu guten Engländern erziehen, andrerseits ihnen ihr Judenthum erhalten, welches beim Besuch der Kommunalschulen leicht verloren gehen könnte. An unterster Stelle stehen 3 Kindergärten, daran schließen sich 7 Elementarschulen. Die wichtigste derselben ist Jews free scliool mit etwa 3400 Schulkindern, wahrscheinlich die besuchteste Schulder Welt, von den öffentlichen Schulbehörden wegen ihrer vortrefflichen Disziplin sehr gerühmt. EineMrwähiiung verdient auch die Schule in Stepney, weil sie mit schönem Erfolge den dänischen Handwerksunterricht pflegt. Höhere Knabenschulen bestehen nur als Privatschulen, dagegen giebt es in Verbindung mit der Reformgemeinde eine höhere, öffentliche Töchterschule, die auch von christlichen Schülerinnen besucht wird, darum aber den religiösen Unterricht nicht vernachlässigt. Die Schule dient auch zur Ausbildung jüdischer Lehrerinnen. Endlich mag an dieser Stelle erwähnt werden, daß zwei jüdische Hochschulen bestehen, Jews College, von den Aschkenazim unterhalten, und Judith College in Ramsgate, ein Schwesterinstitut der Sephardim. Tie bedeutenden Summen, welche die Erhaltung der Unterrichtsanstalten erfordert, werden zum größten Theil durch freiwillige Beitrüge, im klebrigen durch Beitrüge der Regierung aufgebracht. Die letzteren richten sich nach den, durch Schulräthe sestzustellenden, Leistungen der Schule. Es spricht deshalb für die jüdischen Unterrichtsanstalten, daß dieselben besonders hohe Subventionen von der Regierung beziehen.') Großer Werth wird auf die körperliche Ausbildung gelegt, namentlich wird die Schwimmkunst und crieket, das nationale Spiel der Engländer, eifrig gepflegt. Selbst in der höheren Töchterschule werden alljährlich Preise für Leistungen im Turnen vertheilt. An Schulfestlichkeiten, namentlich den Preisvertheilungen, nehmen die ersten Persönlichkeiten der Gemeinde Theil. So pflegt bei der Preisvcrtheilung in Jews free school Lord Rothschild den Vorsitz zu führen, Lady Rothschild die Preise an die Schulkinder zu vertheilcn. Institute. Wohlthätigkeit ist, wie selbst unsere Feinde zugeben, ein jüdischer Zug. Sie ist aber auch ein englischer Charakterzug. So kommt die Erziehung zur Anlage. Im letzten Jahr waren 50 Prozent -) der Beerdigungen von Londoner Juden unentgeltlich. Wer kostenlos beerdigt wird, mag kein Almosenempfänger gewesen sein, war aber andrerseits wohl schwerlich im Stande, für gemeinnützige Zwecke wesentlich beizusteuern. Die großen Beitrüge, welche für wohlthätige Zwecke aufzubringcn sind, lasten daher auf den Schultern einer Minorität, welche zudem die Kosten des Kultus und Unterrichts zu tragen hat. Es ist im Rahmen einer kurzen Arbeit nicht möglich, den philantropischen Instituten der Londoner Juden im Einzelnen gerecht zu werden. 0 Sie besitzen zwei Waisenhäuser, Taubstuminenanstalt, zwei Altersversorgungsanstalten, zwei Asyle für Rekonvaleszenten, Siechenhaus, ein Asyl für obdachlose Einwanderer, Blindcnverein, Häuser für Arme, Volksküche re. n\, in ähnlicher Weise, wenn auch in großartigerem Maßstabe als wir. Eiil jüdisches Krankenhaus giebt cs nicht, dagegen in mehreren Krankenhäusern eine besondere Abtheilung mit koscherer Küche. Der Armenkomunssion unserer jüdischen Gemeinde entspricht das Board ol' Guardians, die Armcnkonnuission der Uniled Synagogue, mit einem jährlichen Etat von ca. 350,000 Mark. Die Portugiesen besitzen ein analoges Institut, welches über jährlich 50,000 Mark zu verfügen hat. 0 Zum Beispiel erhielten die beiden Kindergärten der Aschkenazim bei einem Jahresetat von 2600 Lstrl. 910 Lstrl. Subvention von der Regierung. Allerdings ist es in den jüdischen Schulen keine Seltenheit, daß einige 90 Prozent der Schüler den Anforderungen der Schule genügen! 2) Rach Angaben von Lncien Wolff in dem erwähnten Artikel des Graphic nur 46 Prozent, was aber auch sehr erheblich wäre. •') Der jüdische Kalender, welcher im Verlage des Jewish Chronicle erscheint, giebt 34 Gesellschaften bezw. Institute an, ist aber lange nicht vollständig. Da kleinere Gesellschaften, wie die Gesellschaft für Vertheilung von Kohlen re., einen Etat von ca. 30,000 Mark haben, das Waisenhaus in Norwood einen solchen voic 150,000 Mart hat, das Board of Guardians gar von ca. 350,000 Mark, ist die Schätzung eines jährlichen Budgets von 2 Millionen Mark für diese Institute sicher nicht zu hoch. Defizits sind nicht selten (so beim Waisenhaus im letzten Jahre 20,000 Mark Defizit), werden aber durch einen Ball oder ein Diner leicht beseitigt. Der Ball für die Kindergärten brachte im letzten Jahre 35,000 Mark; ein Diner in GroSvenor Gallery 1887 gar 45,000 Mark.

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