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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-11 · Heft 26 (11.7.1890) · p. Seite 347

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 26 (11.7.1890)
Date
1890-07-11
Page
Seite 347 (sequence 3)
Language
German
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347 Weisheit, die kleinliche Gesetzesdiskussion ab. Bald sehen wir denn auch wie einen feinen Staub das griechische Wesen allenthalben eindringen. Esra's Sopherim, eine echt nationale Schöpfung, lediglich dem Gesetz, seiner Erforschung und Erläuterung gewidmet, zeigen von der Mitte des HI. Jahrhunderts ab ein etwas anderes Gesicht. Man empfiehlt den Mitgliedern dieser Versammlung, auch in der Fremde allerlei Erfahrungen zu sammeln (Sirach 39, 4), in schwierige Sinnsprüche einzndringen und allerlei gehemmißvolles Wissen sich zu erwerben. So wird die Bersammlung der D'HSD allmälig zu einem 2'L2N^N2, zu einer Weisheitsschule (Sirach 38, 33), in welcher natürlich die fremdländische Weisheit mit dem Judenthum in Verbindung gebracht wird. Weit verbreitet waren in Kleinasien von den griechischen Philosophenschulen vorzugsweise die stoische und die epikuräische. Unter diesen mußte zunächst die stoische das israelitische Denken aussprechen. Die Lehre von der Alles beherrschenden göttlichen Vernunft stinnnte vortrefflich zu der jüdischen Anschauung von der göttlichen Leitung aller Dinge. Kein Wunder war es daher, daß nian den stoischen Beobachtungen über das Walten dieser Regel, über den wohlgeordneten Kreislauf der Dinge ein geneigtes Ohr lieh. Wie Marc Aurel (IV, 32) sagt, daß Heirathen, Kinderaufziehen, Kranksein, Sterben, Kriegführen, Handeltreiben, Festefeiern, Pflügen, Ränkeschmieden, Lieben, Schätzesammeln, Machterwerben und dergl. seine feste, bestinnnte Zeit habe, so lesen wir in dem alttestamentlichen Buche Kohelet (Kapitel 3, 2 ff.) das Gleiche vom Geborenwerden, Sterben, Pflanzen, Ausgäten, Tödten, Heilen, Einreißen, Bauen, Weinen, Lachen, Klagen, Tanzen u. s. w/) — Auch das bei den Stoikern beliebte Bild eines Rades, welches sie gebrauchten, um die regelmäßige Wiederkehr der Erscheinungen zu bezeichnen, begegnet uns Kohelet 3, 15, E'nSxm . .. (Gott sucht das Vorübergejagte, d. h. er läßt es wieder anftreten), und der allgemeine Gedanke, daß nichts Neues sei unter der Sonne, Kap. 1, 4—10. Aus dieser unabänderlichen Ordnung der Dinge ergiebt sich mit Nothwendigkeit die Vergeblichkeit jedes menschlichen Strebens (inania liumana Cic. divin. II, 62, 127); auch diese stoische Konseguenz zog Ecclesiastcs in seinem Sdh ^2,1. womit er sein Buch von Kapitel 1, 2 bis Kapitel 12, 8 einrahmte. Aus der Naturbetrachtung der Stoiker folgte ihre Ethik. Herrscht im Universum die göttliche Vernunft, so wird der wahrhaft Weise danach streben, sein eigenes Leben mit diesem göttlich geordneten Gang der Dinge in Einklang zu bringen. So sagt Kohelet (Kapitel 3, 14:) „Ich erkannte, daß Alles, was Gott thut, auf ewig ist, nichts ist hinznzusetzen, noch hinwegzunehmen"; Vers 11: „Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, ja die Welt hat er in ihr (in der Menschen) Herz gegeben, d. h. die ersten Triebe der menschlichen Natur stimmen mit der göttlichen Weltregel überein, nur daß der Mensch nicht findet das Werk, das Gott thut von Anfang dis zu Ende", will sagen: er glaubt in Freiheit zu handeln, ist aber ein Werk in der Hand des Höchsten. — Darum, wer ein eigenes Streben wider Gott versucht, handelt thöricht, und alle Thörichten sind wahnsinnig. Doch auch die entgegengesetzten epikuräischen Lehren drangen in osrael ein. Während der Stoizismus dem Menschen eine höhere Seele zuschrieb, leugnete der Epikuräismus den Unterschied zwischen Mensch und Thier. So sagt Kohelet (Kap. 3, 19 ff.): „Das Loos der Menschenkinder und das Loos des Viehes sind gleich, ein Loos ist ihnen; tote der Tod des einen so ist auch der Tod des andern, rmd ein Geist ist allen und ein Vorzug des Menschen vor dem Thier ist nicht vorhanden." Damit hängt zusammen die epikuräische Leugnung 9 Vgl. hier und im Folgenden Thl o r, Leelsslastes ste. London, 1874. S. 10 ff. der Unsterblichkeit der Seele, welche Kohel. (3, 21) ausspricht: „Wer weiß etwas davon, wer kann es behaupten, daß des Menschen Geist aufwärts steigt, und daß des Thieres Geist niederwärts führt!" — Der stoischen Behauptung einer göttlichen Leitung der Dinge entgegen läßt Epikur seine Götter in den inlerniundiis ein unbekümmertes, freudereiches Leben führen, die irdischen Dinge überlassen sie sich selbst. So sagte der epikuräische Israelit Kohelet (Kap. 2, 14): „Unterschied ist wohl zwischen Weisen und Thoren, aber ein Zufall trifft sie alle"; Kap. 7, 15: „Unterschied ist wohl zwischen Gerechten und Frevlern, doch mancher Gerechte kommt in seiner Gerechtigkeit um, und mancher Frevler verlängert seine Tage in seiner Bosheit." Was bleibt unter diesen Umständen dem Menschen als wirkliches Gut? Doch nur der Genuß des heitern Augenblickes. „Kein Gut", sagt Kohelet (Kap. 2, 24), „ist dem Menschen, als daß er esse und trinke und zeige seiner Seele Gutes in seiner Lcbensmühe", dies sah ich, daß es von Gottes Hand ist, d. h. das ist gewissermaßen das einzige Reelle, vgl. Kap. 3, 12. Wohl dem darum, der es zu jener glücklichen c(TapagUt bringt, daß er, nicht gedenkend der Vergänglichkeit des Lebens, sich zu jener göttergleichen Freudestimmung erhebt, gewissermaßen mit cinstimmend in den Freudengesang der Himmlischen (vgl. Kohelet 5, 19.) Das Buch Kohelet zeigt aber zugleich, wie israelitische Denker bei allein unbefangenen Eingehen auf das philosophische Denken, auf die Wege des Menschen zu Gott, doch mit großer Energie den Weg Gottes zu den Menschen, im Glauben fcstzuhalten weißten, denn der Verfasser schließt damit ab, dein Denken Freiheiten auf dem Gebiete menschlichen Forschens zuzugestehen, aber die Beherrschung des Lebens durch Gottesfurcht und göttliches Gesetz zu fordern. Aber nicht jeder Israelit hatte soviel edles Metall des väterliche» Glaubens in seiner Seele. Manchem galt bald das Griechische als das Vornehmere und Feinere, sie nahmen griechische Rainen an oder verhunzten ihren ehrlichen jüdischen Namen diirch griechelnde Endungen oder Umlautungen, sic fingen all, griechische Leibesübungen in den Gymnasien mitzumachen und um deswillen ihre Beschneidung zu verdecken (1. Makkab. 1, 15. 10). Auch die Priester erwiesen sich nicht als Schützer des Heiligthums, im Gegentheil Jason führte im zweiten Jahrhundert v. Ehr. griechische Sitte ein, die heilige Stadt selbst sah den Grund der Gymnasien. So fand Antiochus Epiphanes viele Juden, welche bereit waren, den Sabbat zu brechen und den Götzen zu opfern (1. Makkab. 1, 45 Josephus antiquit. 12, 5, 1). — Wenn die griechische Strömung im heiligen Lande zu dieser Stärke gedieh, so mußte sie in der Diaspora noch ganz andere Wirkungen haben. Die durch die Bewegung innerhalb des makedonischen Weltreichs nach Syrien, Kleinasien, Nordafrika und den europäischen Küstenländern des Mittelmeeres geworfenen jüdischen Massen athmeten die griechischen Bildungseinflüsse wie Luft ein. Trotz aller Anhänglichkeit an Religion und Nationalität und trotz alles Selbstgefühls, welches sich mit dieser Anhänglichkeit verband, dauerte es doch nicht lange, daß sie die aramäische Landessprache über der griechischen Verkehrssprache vergaßen und daß ihnen das Hebräische der heiligen Schrift gänzlich zu einer Hieroglyphe ward. Mit einer fremden Sprache nimmt aber ein Volk auch ein Stück der fremden Volkssitte in sich auf, der hellenistische Jude lernte griechisch denken und empfinden. Und wie zog diese griechischen Juden nun erst die Schönheit und der Reichthum der griechischen Bildung an! Die Philosophen und Dichter wurden die Welt, in welcher ihr Geist sich wahrhaft heimisch fühlte. Sie nannten den Heraklit den Großen und Vielbesungenen, sprachen vom ruhmvollen Honier und Hesiod, vom großen Plato, vom heiligen Ehor des

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