Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 26 (11.7.1890)
- Date
- 1890-07-11
- Page
- Seite 346 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227852--47184-3268691- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
346 bewährten Persönlichkeit die Mittel hat, sich, soweit dies nach menschlicher Voraussicht überhaupt möglich ist, ihre würdige Vertretung durch ihn zu sichern, so übertragt sie ihre Rechte ebenso an ihn als ein Exekutivorgan, wie dies bei dem Vorstande geschieht, darum wird gerade sie aus der Regelung des gegenseitigen Verhältnisses den größten Vortheil ziehen, da weniger charakterfeste Männer es unter den heutigen Verhältnissen am leichtesten haben, sich stets obenanf zu halten, und darum mit dazu beitragen, bessere Elemente von dem Eintreten in diesen Beruf zurückzuschrecken oder ihnen denselben zu verleiden, wenn sie ihn ergriffen haben. Unsere Gemeinden sollten sich ganz besonders das schöne Wort des Talmud merken: Man fragte König Salomo: „Wer erwirbt sich das wahre und dauernde Heil?" und er antwortete mit den Worten Jesaias: „Wer seine Aeltesten ehrt." 0. ¥ Der jüdische Hellenismus. Von Prof. Dr. Carl Siegfried in Jena. Die erste Berührung Israels mit der griechischen Welt fand statt, als Alexander des Großen Eroberungszug die alte Welt des Morgenlandes in Trümmer warf und die bisher einander so fremden Völker des Morgen- und Abendlandes in Verbindung brachte. Es würde sehr falsch sein zu behaupten, daß vorher Asien und Europa einander nicht gekannt hätten, denn, um von Anderem zu schweigen, so hatten die Handelsfahrten und Kolonisationen der Phönizier den Sauren morgenländischer Kunst hinreichend weit durch die Welt verstreut. Aber man war sich doch innerlich meist fremd und feindlich geblieben. Jetzt dagegen begann man sich einigermaßen zu verstehen, weil man sich verstehen mußte. Die Einheit des makedonischen Weltreichs riß die Schranken der Jahrhunderte nieder, und wenn das Reich als Ganzes auch bald genug zerfiel, die aus ihm hervorgegangenen Neubildungen hielten die Völker- und Sprachenmischung aufrecht. Da das erobernde Volk ein griechisches war, so bildete natürlicherweise die griechische Sprache das Band der Verständigung zwischen Siegern und Unterworfenen, und zwar war es der makedonische Dialekt, welcher, da er einen Alexander den seinen nennen konnte, diese welthistorische Stellung eroberte, freilich nicht ohne mancherlei Beisatz des Barbarischen in sich aufzunehmen. Je nach der Empfänglichkeit der unterworfenen Völkerschaften folgte der griechischen Sprache die griechische Bildung in größerem oder geringerem Umfang nach, und diese griechische Sprnch- und Bildungsatmosphäre, welche Kleinasien, Syrien und Aegypten zu bedecken begann, ist es, welche man mit dem Namen des Hellenismus belegt: die erste Erscheinung der Weltgeschichte, in welcher uns eine Bildung entgegentritt, die nicht Eigenthum einer bestimmten Nation ist, sondern einer geistigen Gemeinde der Gebildeten aus verschiedenen Nationen angehört. Wir verfolgen hier nicht die eigenthümlichen Bildungen, welche das wort- und formenfrohe Griechisch unter diesen Barbaren hervortrieb, noch betrachten wir die Nachblüthe, welche der griechischen Litteratur hier beschieden war. Wir fragen nur nach den Einwirkungen dieser neuen Sprach- und Bildungswelt auf Israel. Israel war von Natur keineswegs das abgeschlossene Volk, als welches man es unter dem Einfluß feiner späteren Physiognomie anzusehen sich gewöhnt hat. In der alten Zeit sehen wir es im eifrigen Verkehr mit Babyloniern, Kanaanitern und Aegypteru. Den Aegyptern verdankt es den Uebergang vom Nomadenleben zum Ackerbau und den Besitz mannigfacher Kulturgüter und Sitten. Wie viel es den Babyloniern auf dem geistigen, insonderheit dem religiösen Gebiete schulde, beginnt die neueste Forschung immer mehr zu enthüllen. Den Höhepunkt kanaanitischen Einflusses, dem nebenbei bemerkt, „die heilige Sprache" zuzuschreiben ist, bezeichnet der Tempelbau. Und wie es im Guten war, so auch im Schlimmen. Von ägyptischen Kulten sehen wir Israel hinüberschwanken zu altarabischen und später zu allen Arten kanaanitischen und babylonischen Götzendienstes. — Und doch arbeitete im innersten Kern dieses Volkes ein energischer religiöser Geist, welchem ein unvergleichliches Gut von ewig strahlendem Glanze anvertraut ward, der Glaube an einen lebendigen Gott. Dieses Gut von unersetzlichein Werthe in seiner Unversehrtheit zu behaupten, schien den prophetischen Geistern in Israel kein Opfer zu groß und kein Mittel zu streng. Gerade weil sie die beweglich sinnliche Natur ihres Volks kannten, drangen sie immer wieder auf Reinigung des heiligen Landes von allen Götzendienern durch das Cherem, kämpften sie insonderheit unter Salomo und Ahab gegen jede Verbindung mit den Fremden. Aber sie erreichten ihr Ziel nur unvollkommen; abgesehen von einzelnen theokratisch eifrigen Monarchen und vorübergehenden bußfertigen Wallungen des Volkes, fielen Könige und Volk immer wieder in den fremdländischen Unglauben, bis das babylonische Exil hereinbrach. Die Spannung dieser Gegensätze in Israels Volkscharakter geht durch seine ganze Geschichte, sie wird uns auch den Verlauf der hellenistischen Bewegung verständlich machen. Auch hier werden wir sehen, wie jene Empfänglichkeit für das Fremde und die Energie des ■ religiösen Selbstgefühls einander abwechselnd den Boden streitig! machen, bis zuletzt dieses den dauernden Sieg gewinnt und den , Hellenismus verschwinden macht. j Als Alexander den Orient unterwarf, fand er Israel dieser Polii tischen Veränderung gegenüber so gleichgiltig, als er es nur wünschen! konnte. Ob der Herrscher ein Babylonier, ein Perser oder ein Makej donier war: Israel schätzte ihn nach seinem Verhalten gegen seine! religiösen Forderungen. Denn in dieser Beziehung war während der j Dauer des Exils ein Umschwung eingetreten. Die Leiden der Ver-! bannuug hatten in Israel eine bußfertige Stimmung hervorgerufen, welche den Einfluß der prophetischen Partei mächtig steigerte. „Der Rest" hatte sich bekehrt und unter Kyros' Herrschaft die Neugründuug des „Reichs" in Angriff genommen. In Jerusalem und den jüdischen! Distrikten hatte sich der Kern einer gesetzestreuen und religionseifrigen! Judenschaft angesiedelt, deren innerer Einfluß weit in die Diaspora! hineinreichte. „Das Heil kam von den Juden." Der Tempel Gottes, j das rechte Opfer, die rechte Gesetzeskunde — davon war man atlj gemein überzeugt — seien nirgend anders als in Jerusalem lind Judäa j zu finden. Alexander der Große, welcher wenig Zeit hatte, sich über! diese Fragen den Kopf zu zerbrechen, war diesem jüdischen Bedücfj niste gegenüber schonend und freundlich. Aber eS traten Folgen! seiner weltumgestaltenden Reichsgründnng ein, welche dem Judenthum j gefährlicher zu werden schienen als ein äußerer Druck. Fassen wir zunächst das heilige Land ins Auge, so überströmte die griechische Betriebsamkeit dasselbe ganz anders, als es die früheren assyrisch-babylonischen Kolonisationen gethan hatten. Bald war Palästina wie übersät von Gründungen neuer griechischer Städte und griechischer Einsiedelungen in den älteren Orten. Dem griechischen Handel und Gewerbfleiß folgten bald die höheren Bedürfnisse des Hellenen, die Kunst und die Philosophie, und die nationalen, die Gymnasien und Schulen. Was sollte aus den Reinlichkeits- und den Speisegesetzen werden, wenn man auf Schritt und Tritt den Berührungen mit den Heiden ausgesetzt war und die Masse jüdischer Bevölkerung allseitig von Griechischredenden umfluthet und vielfach sogar von ihnen durchströmt ward? Und wenn man nun gar erst die griechische Weltbilduug kennen lernte: wie stach doch gegen ihren Glanz und Reichthum die altväterliche