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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-04 · Heft 25 (4.7.1890) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 25 (4.7.1890)
Date
1890-07-04
Page
Seite 344 (sequence 12)
Language
German
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844 der theoretischen, wie nach der praktischen Seite einen immer festeren Boden sich errangen und auch den Grund zu dem uns vorliegenden Buche legten. Wenn aber auch der Vermuthung Raum gegeben werden darf, dag die lehrende Thätigkeit des Verfassers an der Lehranstalt für das Wissen des Judenthums in Berlin zunächst zur ordnungsmäßigen Fügung der auf die Homiletik bezüglichen Grundsätzen geführt haben dürfte, so ist, selbst die Richtigkeit dieser Vermuthung zugegeben, der Nutzen des Studiums uub der Verwendung der in demselben befindlichen Lehren auch für solche Kreise, die außer jener Lehranstalt stehen, nicht mir nicht ausgeschlossen, sondern sogar als förderlich zu bezeichnen. Mail hört überall die Stimme des Lehrers, eifrig bemüht, dem Lernenden und auch schon dem in die amtliche Wirksamkeit Tretenden den gehörigen Begriff der jüdischen Predigt zu entwickeln, den richtigen Weg zu weisen, den die Thätigkeit des Predigers einzuschlagen habe, uub auf die Irrwege hinzudeuteu, in die sich gerade die Befähigteren zu verliereil in Gefahr sind. In wie weit die christliche Predigt, zu deren Anhörung sich tägliche Gelegenheit bietet, und eben so die christliche Homiletik, die in so vielen Lehrbüchern erörtert wird, sich von der jüdischen Predigt und Homiletik unterscheidet, wird in einem besonderen Abschnitte unserem Buches ausgesührt; eben deswegen muß vor dem nicht millder verbreiteten als gefährlichen Jrrthume gewarnt werden, daß eine irgend wie gestaltete Kenntniß der grundlegenden biblischen und hagadischen Schriftell und eine allgemeine Bekanntschaft mit gehörten oder gelesenen Predigten eine genügende Vorbereitung für den immer mehr in den Vordergrund tretenden Beruf des jüdischen Kanzelredners sein könne. Eine eigentliche Kritik des Maybanm'schen Buches kann hier, obgleich es eine solche zu ertragen im Stande wäre, deshalb nicht gegeben werden, weil die freundschaftliche Beziehung, in welcher der Referent zu dem Verfasser steht, ihm selbst die Bürgschaft für die nöthige Unbefangenheit nicht zu geben vermag. Es darf nur so viel ausgesprochen werden, daß die Ruhe und Klarheit, mit welcher Entwickelung und Darstellung gegeben wird, daß ebenso die Kenntniß älterer und jüngerer hierher gehöriger Arbeiten den Lesenden und Lernenden wohlthuend berühren, und daß angesichts der umfassenden jüdisch-homiletischen Litteratur, welche die letzten Dezennien erzeugt haben, das Erscheinen eines Buches über Homiletik, das — wie gesagt — aus langjähriger Erfahrung und systematischer Durchdringung des Gegenstandes hervorgegangen ist, durchaus freudig begrüßt werden muß. Je weniger aus dem knapp und scharf gehaltenen Buche ein Auszug möglich ist, desto förderlicher erscheint es, von dem Inhalte desselben eine Uebersicht zu geben. Tie Einleitung beschäftigt sich zunächst mit der geschichtlichen Entwickelung der Predigt, die als ein Kind des Midrasch in Anknüpfung an die sehr alte Institution der Thora-Vorlesung sich darstellt. Tie griechisch-jüdische, die talmudische und die geonäische Zeit. Die Form derselben (Transitus, Text, Variation, Schluß). Stellung der Predigt im Gottesdienste; Entwickelung derselben in den europäischen Ländern während des Mittelalters, Einführung derselben in der nachmendelssohnschen Zeit lind deren schnelle Entfaltung. Ein zweiter Theil der Einleitung erörtert Begriff und Zweck der Predigt, die Stellung derselben im Gottesdienst, als Erklärung der Schrift und Anwendung derselben auf die Zustände und Verhältnisse der Gegenwart. Das Gefühl der Erbauung. — Ter Inhalt der Predigt ist zunächst abhängig von dem Tage, an welchem gepredigt wird, also im Allgemeineil', die Sabbathpredigt. Je weniger auf die früher üblichen Arten der Schriftauslegmlg (Remes, Derusch, Sod) jetzt einzugehen ist, so schließt doch die wissenschaftliche Exegese (Peschat) die lehrhafte urtb moralisirende Anwendung nicht aus. An die Sabbathpredigt knüpfen sich sofort bedeutsame Fragen an: In wie fern ist die Kanzel der Ort für die Strafpredigt, für die Kritik, für die Polemik, für die Bezugnahme auf Tagesereignisse? Was ist über die Anlehnung an die Hastara, was über die Hereinziehung der jüdischen Geschichte zu sagen? Wie ist der entsprechende Midrasch zu behandeln und die etwaigen Midrasch-Triebe weiter zu entwickeln? — Mit Hereinziehung des Jdeenkreises der verschiedenen Feste findet auf die Festpredigt das im Allgemeinen bei der Sabbathpredigt Gesagte Anwendung; nicht minder aber auch auf die Kasualpredigt (Traurede, Leichenrede u. s. w.). — Ein zweiter Hauptabschnitt hat sich mit der Form der Predigt zu beschäftigen, mit dem Verhältniß der Homiletik zur Rhetorik, mit der Predigt: A) als einer zu konzipirendeu Rede (Text, Thema, Disposition, Ausführung und Sprache; IIOals einer vor zu tragen den Rede (Memoriren und Extemporiren, Aussprache, Betonung, Stimmaufwand, Pathos, Haltung u. dgl.) — Der Anhang: Der Rabbiner, ist bereits in diesen Blättern (Nr. 14 und ich mitgetheilt. Die „Auswahl von Texten und Themen für alle Sabbathe. Festtage und Kasualien", welche fast die Hälfte des Buches einnimmt, und über welche sich der Verfasser am Schlüsse der Vorrede ausspricht, bürfte besonders denjenigen willkommen seill, die nicht in der glücklichen Lage sind, alle angeführten Predigten und Predigtsammlungen zu besitze,!. Es dürften indeß in Beziehung auf diese Zugabe zwei Bemerkung. ,, ausgesprochen werden. Wenn eben auch Solche in das Auge zu fassen sind, die nicht im Besitz der angeführten Predigten sind, so wäre vielleicht fördersamer gewesen, statt des „Thema" die Disposition der Predigt zu geben. Eine solche dürste doch wohl, da hier nur von Muste, predigtell die Rede sein kann, unschwer zu erkennen sein. Es hätte H gar nicht geschadet, wenn, um den zur Verfügung stehenden Raum nicht zu überschreiten, die Zahl der angeführten Predigten vermindert worden wäre; also es hätte nicht geschadet, wenn weniger als 44 Predigten über Texte aus augeführt worden. Mit einer — wenn auch nicht bedeutenden — Raumüberschreitung hängt auch das zusammen, was wir an zweiter Stelle zu bemerken hätten: die Quellen sind mit einer selbst in bibliographischen Werken nicht nöthigen Umfänglichkeit gegeben und wiederholt. Der Nachweisung: „Sachs Michael, Predigten, heraus gegeben von Dr. David Rosin'), begegnen wir nicht weniger als 59 nun. also 58 mal zu viel. Aehnliche Resultate hätten sich ergeben, luenu wir die so häufigen Anführungen von Salomon, Kley, Jellinek u. s. n\ hätten nachzählen wollen. Das war uns aber zu langweilig, ebcitfo die Berechnung, wie viele Zeilen, resp. Seiten hätten bei ökonomischerrr Einrichtung erspart werden können. Aber vom Umfange hängt doch auch der Preis des (sehr gut ausgestatteten) Buches ab. Der Verfasser weiß so gut wie wir, daß es nicht die Reichen in Israel sind, die der artige Bücher kaufen, und wir wünschten doch, daß die „jüdische Houri letik" viel gekauft werde. David Cassel. □ Die Juden in England vom achten Jahrhundert bi« zur Gegenwart. Ein kulturgeschichtliches Bild von Karl He i inna, Sch aible. IX und 133 S. Karlsruhe, G. Bramsche, Hofbuck Handlung. Verfasser ist ein Deutscher, der lange Zeit in England amtirl hat (er war Examinator der Universität London, Professor an der Militärakademie zu Woolwich u. s/w.), er kann daher über engliscke Verhältnisse aus eigener Anschauung berichten. Der Inhalt seiner „populären" Abhandlung ist, ausweislich der Vorrede, hauptsächlich für Christen bestimmt, um denselben ein einheitliches, übersichtliches Gesammi bild von der Stellung der Juden in England von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart zu geben, und zugleich, wenn auch mit schwache,, Kräften, zur Entfernung der . Reste alter eingewurzelter Vorurthelle gegen die Juden beizutragen. Der Verfasser giebt in anregender Dar stellung eine historische Uebersicht, sodann in einigen Kapiteln interessante Daten über die Juden im heutigen England. Nahezu ein Drittel de,' Werkes (von S. 92—133) behandelt die antisemitische Bewegung in Deutschland. In einem wissenschaftlichen Werke wäre ein so umfang reicher Excurs, trotzdem er sehr wichtiges Material bietet, nicht am Platze. Indessen haben wir es nach den wahrhaft edlen Intentionen des Verfassern mit einer Tendenzschrift zu thun. Einer Tendenzschrift allerdings nur in dem Sinne, daß der Verfasser eine Tendenz verfolgt, als „ein Deutscher allemannischen Stammes, welcher auf der höheren Warte religiöser Toleranz und der Menschenrechte steht", den Antisemitismus zu bekämpfe-,. Nicht in dem schlechten Sinne, daß die Tendenz zum Prokrustebett der Thatsachen gemacht wird. Das thalsächliche Material ist vie! mehr mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit zusammengestellt. Ob das Wert des Verfassers den beabsichtigten Erfolg erzielen wird, wissen wir nicht. Hassende zu bekehren und zu belehren, ist wenig Aussicht, ihr Geschrei wird die Stimme des Verfassers übertönen. Die Schrift wird aber nach anderer Richtung hin Früchte tragen. Obgleich sie nach des Verfasser- Worten für Christen bestimmt ist, wird sie auch auf unsere Glaubens genossen wirken. Sie werden manche Belehrung aus derselben schöpfen. 14. U.-L. l) Wir wählen dieses Beispiel, da es nur eine Ausgabe der Predigten von Sacl>- giebt. Bekanntlich hat derselbe während seines Gebens keine seiner Predigten drucken lasse-?.. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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