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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-04 · Heft 25 (4.7.1890) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 25 (4.7.1890)
Date
1890-07-04
Page
Seite 343 (sequence 11)
Language
German
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Er winkte mit der Hand, und Filippo, der ihn verstand, sprang empor, ergriff eine Geige, die auf seidener Decke gebettet in einem geöffneten Kasten lag, und begann zu spielen. Weh- ’ miithig und leise zogen die Töne durch den Raum, aber allmalig schwollen sie an, und eine jener wunderbaren Melodien rauschte aus den Saiten empor, die Henri Marconi zum Motiv verschiedener Kompositionen benutzt hatte, die zuerst seinen Weltruf begründeten. — siilippo hatte das Rechte erwählt, um das Herz seines Meisters zu ergreifen. Und bei diesen bald jubelnden, bald klagenden Tönen durchlebte dieser sein Leben noch einmal. (Schluß folgt.) * Aus dem Tagebuch eines edlen Nüssen. Uebersetzt von Albert Katz. „. . . Schlaget, schlaget die Juden ohne Erbarmen! Verfolget, unterdrückt und quälet sie, bis Ihr sie auf den Straßen als Leichen midet. Oder vertreibet sie gänzlich aus Eurem Lande. Fraget nicht, was für Böses die Juden Euch gethan, vergesset, daß auch ihre Wiege auf russischem Boden gestanden, daß sie Menschen mit verz, Seele und Gefühl sind, wie Ihr, höret nicht auf die Stimme des Gewissens und des Mitleids, verachtet das Gebot aller civilisirten Völker, das Gebot: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst"; entfernt alle menschlichen Gefühle aus Eurem Herzen und löschet in Eurer Seele die letzten Funken der Humanität aus; verwandelt Euer Herz in Stein und Eure Faust in Eisen und quälet die qnden, bis Ihr sie vernichtet habt. O, bedenket doch, Russen, was öhr begehet! Versetzt Euch nur einen Moment in den Möglichkeitsfull, Ihr selbst wäret das unglückliche, aus seiner Heimath vertriebene und bei fremden Völkern Zuflucht suchende Volk gewesen. Ihr hättet eine Zufluchtsstätte gefunden, Euch nach und nach an die Sitten »nd Einrichtungen des Landes gewöhnt und mit denselben vertraut gemacht, die Fürsten und Gesetze des Landes respektirt, durch Fleiß >md Arbeit das Wohl des Landes fördernd, Euren Lebensunterhalt redlich erivorben, mit dem Blute Eures Herzens das Land in Noth und Gefahr vertheidigt, und plötzlich sähet Ihr über Euch das Berliongniß herein gebrochen: Das ehemalig gastfreundliche Volk balle 'fine Faust, um Euch zu vernichten, cs mißhandle Eure Greise, es verschließe Euren Kindern die Pforten der Lehranstalten, es ent- Iraftige durch Bedrückung und Verfolgung allerlei Art Eure jungen Leute. Was würdet Ihr über so ein grausames Volk denken, was für einen Namen ihm verleihen? O, könnte ich mich beruhigen, könnte ich die Stimme in meines : Herzens Tiefe unterdrücken und meine Hände zurück halten, daß sie den schwarzen Schleier dieser traurigen, schaucrerregenden Zeit nicht j lüften, ich thcite es; aber ein gräßliches Bild, das meine Augen im ' Jahre 1881 in Balta zu sehen bekamen, brachte mich außer Fassung, »nd indem es mir die Sinne raubte, zwang es mich, meine Stimme;» erheben, um gemeinschaftlich mit den Judenfressern meines Vater-; landes zu rufen: Schlaget, schlaget die Juden, ohne Erbarmen schlaget sie, scheuet keine Anstrengung, wendet Eure ganze Kraft an, damit i Ihr sie endlich tödtet, und damit die seelenerschütternden Seufzer und! das herzzerreißende Gestöhn dieser Unglücklichsten der Unglücklichen! mit ihrem Tode endlich aufhören. i Den Vater einer aus drei Seelen bestehenden Familie, festen Entschlusses, sein grausames Vaterland, wo sein Haar grau geworden, mit seinen Angehörigen auf immer zu verlassen und nach Amerika auszuwanderu, sah ich in Balta fünf Minuten vor Abgang des Zuges an einen wohlsituirten, ihm von früher her gut bekannten Russen sich wenden, um eine kleine Unterstützung von ihm zu erlangen. „Stirb vor meinen Augen, verfluchter Jude," war die Antwort des engherzigen, durch denselben Juden reich gewordenen Rüsten. Beschämt kehrte der Alte zu seiner kranken Frau und zu seiner sechzehnjährigen Tochter, die ihren Schmerz durch Thränen zu erleichtern suchten, zurück. Ein jüdischer Solvat, der Bräutigam dieses jungen Mädchens, reichte betrübten Herzens seiner Braut die Hand, mit dem Worte: „Auf Wiedersehen" zum Abschiedsgruß. „Ja, oben im Himmel," — antwortete das arme, vom Strom der Verfolgung weggerissene Mädchen — „dort, dort in jenen lichten Höhen, werden wir uns Wiedersehen." Die anwesenden Russen brachen in ein betäubendes, ironisches Lachen aus . . . „Die verfluchten Juden" — schrieen sic alle wirr durcheinander — „sind verdammt, für sie giebt's eine Hölle, aber keinen Himmel . . ." O, ich lebe unter Wilden, die kein Mitleid kennen, die keine Thräne rührt, die schlimmer denn die wilden Thiere sind. All unser Bemühen, die Lage der Juden zu verbestern, ist vergebens, unsere Regierung ist furchtbar grausam, und Rußland ist das leibhaftige Ebenbild des blutdürstigen Spaniens unter Philipp 11. geworden. Es bleibt uns daher nichts Anderes übrig, als mit lauter Stimme zu rufen: „Schlaget, schlaget die Juden; ja, tödtet sie Alle an einem Tage — unsere Augen können ihr Elend nicht mehr mit ansehcu."? Litterarische Mittheilungen. Jüdische Homiletik nebst einer Auswahl von Texten und Themen von Dr. S. Maybaum. Berlin 1890. Ferd. Dümmler's Verlagsbuchhandlung?) Die Genugthuung über das Erscheinen des lange erwarteten Buches gipfelt in der Wahrnehmung, daß uns hier die Frucht langjähriger Erfahrung und denkender Thätigkeit geboten wird. Die Sammlungen von Kanzelredeu gefeierter Namen, wie Salomon, Manheimer, Sachs, Jellinek u. s. w., stellen an den Lernenden und Strebenden die Aufgaben, die Wege ausfindig zu machen, auf denen man sich den hohen Vorbildern zu nahen habe. Daß hierbei nicht immer die zweckentsprechenden Wege eingeschlagen werden, daß selbst da, wo natürliche Anlage zum Kanzelredner vorhanden war, selbst da, wo man sich lticht scheute, berühmten Vorbildern sich anzuschließen, nicht immer die gewünschten Ziele erreicht wurden, steht nicht nur erfahrungsmäßig fest, sondern ist auch im Wesen der Sache begründet. So wie das Studium einer Poetik allein nicht den Poeten macht, so ist auch andererseits nicht bezweifelt worden, daß auch die ausgesprochenste Anlage zum Musiker, Maler u. s. w. einer schulgemäßen Behandlung bedarf, wenn nicht die Anlage sich in unwegbare Verirrungen verlaufen sollte. In den ersten Dezennien des gegenwärtigen Jahrhunderts, mit der allmäligen Wegschaffung der Hindernisse, welche dem Eintritte der Juden in die europäische Kultur entgegenstanden, fingen die jüdischen Gemeinden an, sich darauf zu besinnen, daß die Predigt nicht blos ein wesentlicher Bestandtheil des öffentlichen Gottesdienstes sei, sondern daß sie als solcher von den ältesten Zeiten her bestanden habe. Der Nachweis solcher geschichtlichen Wahrheit war bekanntlich die erste Veranlassung zu dem grundlegenden Buche von Zunz: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden". — Nicht über ein Menschenalter hinaus datirt die Gründung von Lehranstalten zur Ausbildung von Rabbinen und Predigern; Anstalten, in denen die Vorträge über Homiletik sowohl nach *) Bei der Bedeutung des hier angezeigten Werkes für Wissenschaft und Leben des Judenthurns halten wir es für gut, auch noch eine andere Besprechung desselben zu veröffentlichen, damit das Werk in unserer Zeitung sowohl vorn theoretischen wie vorn praktischen Gesichtspunkte aus zur Bcurtl;eilung gelange. D. Red.

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