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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-04 · Heft 25 (4.7.1890) · p. Seite 342

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 25 (4.7.1890)
Date
1890-07-04
Page
Seite 342 (sequence 10)
Language
German
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342 Meer ihn iit ungeahntes Entzücken versetzte und die Qualen, die er erduldete, vergessen ließ. Aber auch nach dem St. Marco kam er und in andere Kirchen, und in der wunderbaren Maria della salnta war es, wo er das erste Mal, hinter einer Säule versteckt, eine hohe Messe hörte. Als der erhabene Orgelton die weite Kirche durchbrauste und sich mit den Stimmen der Sänger vermischte, die das Ave Maria andachtsvoll erschallen ließen, da zog es ihn unwillkürlich auf die Knie nieder und er weinte bitterlich. Von dieser Stunde an regte sich's mächtig in der Seele des Knaben, seine Phantasie wuchs, und er »ahm fortan jede Gelegenheit wahr, dem Gottesdienst in den verschiedenen Kirchen beizuwohnen. Der märchenhafte Glanz, der sinnenbethörende Prunk, das opulente Ceremoniell, der Weihrauch und die Ritualien des Abendmahls, vor Allem aber die hinreißenden seclenbewegenden Harmonien, die rührenden, schlichten a capella= Gesänge, die großen Orgeloratorien nähmen sein Herz völlig gefangen. Er verglich den prunklosen eintönigen Gottesdienst in der Judengemeinde mit jenen imposanten Aeußerungen der Anbetung in den Kirchen. Früher hatte es ihn gerührt, sein Volk am Sabbath und an den hohen Feiertagen so inbrünstig und demüthig ihrem Gotte dienen zu sehen, und wenn die Stimnie seines Vaters, des Vorbeters, klagend durch den kahlen Raum zog, ivenn die uralten Melodien der Gebete in modulationslosen, einfachen Tönen erklangen, so fühlte er sich versöhnt init all den Widersprüchen, den Fragen, die unklar lind formlos, aber doch init deutlicher Stimme in seiner Seele ertönten. Seit er aber das Ceremonielt in den Kirchen kannte, diesen fürstlichen Poinp, die kirchlichen Würdenträger in violetten, reich niit Goldornamentirten Meßgewändern, die weihevolle Haltung der Priester, die andachtsvolle Hingebung der Celebrirenden, die feierlichen Töne des Chors und den Ambrarauch, der leicht wallend ein bläuliches Gewölk durch die Apsis zog, da ging es wie ein Flügelrauschen durch seine Seele, und Frühlingsstürme tobten in seinem Herzen. So war es gekommen. Wenige Tage vor seiner Barmizwah, zur Zeit, als er bereits längst ein Blatt Gcmorah lernen konnte, als er mit einer gewissen Leichtigkeit in die Mysterien des Talmud cinzudringen wußte und das Maftir sür den ersten Tag des SukkotfesteS völlig inue hatte, verschwand er aus der Judenstadt. Er hatte dazu den Kol Ridre- Abend gewählt. Er berechnete klug, daß man an diesem Abende und der dazu gehörigen Nacht, die seine Eltern ohne Unterbrechung in der Synagoge zubrachten, in Buße und Gebet völlig versenkt, seine Abwesenheit nicht bemerken würde. Am darauf folgenden Jom Kippur, der die Andächtigen den ganzen Tag hindurch ebenfalls in völliger Weltabgeschiedenheit, in Fasten, Kasteiungen und inbrünstigem Flehen festhielt — während es Sitte war, das; die Knaben, die noch nicht in die Gemeinde ausgenommen waren, was erst am Tage der Barmizwah geschah, in sonst ungewohnter Freiheit des Tages genossen —, war die Entdeckung seiner Flucht gewiß nicht zu befürchten, und dann ... man machte um das Verschwinden eines armen Judenkindes wenig Aufhebens in damaliger Zeit! Als Hirsch die elterliche Wohnung verließ, um seinen Plan auszuführen, mußte er an der Synagoge vorüber, und gerade als er behutsam an derselben vorbeischleichen wollte, tönte durch die nur halb augelehntc Eingangspforte in den milden Herbstabend hinaus die schwermüthige, ergreifende Weise des uralten Kol Nidre-Gesanges. Lalaala—lala—ah—la, lalaahla, lalaahla, lalaahla—lala, la - la— alah .... Es war seines Vaters Stimine. Heller und bewegter als sonst klang es in die stille Gasse hinaus, in der man vor Lauschern sicher war, denn nur jüdische Seelen beherbergte dieser erbärmlichste Stadttheil der wunderbaren, palastrcichen Lagunenstadt. Vor seine Erinnerung trat plötzlich das Kapitel 14 des Propheten Zacharia, das er zu seiner Barmizwah hatte leinen sollen, und halblaut flüsterte er den fünften Vers desselben vor sich hin: „Wenastem gei horaj ki jagia gei horini el ozal . . .“ Ihr aber fliehet in das Thal meiner Berge, denn das Thal reicht bis Azal — „Lala—ahla ... lala—ah—la" erklingt cs begeistert, andachtsvoll, er murmelt die Worte der Melodie: „Kol nidre — rej...“ sein Fuß zögert, krampfhaft umklammert seine Hand das kleine Pentateuch, das er mitgenommen hatte, fast mechanisch, ein letztes Andenken an das Vaterhaus ... schon nähert er sich der Eingangspforte, da fällt sein Auge hinüber zu dem grauen, neunstöckigen, schmalen Hanse, das die Ecke j des Ghettos bildet. Dort hausen sie übereinander in engen, - luftloseu! Räumen, seine Glaubensgenossen! Ein Schauer kreist trotz der warmen | Lust durch seine Glieder, was mochte dieser fürchterliche Bau mit den i übereinander hängenden, blinden Fenstern ihm zurnfen? Eine Leidensj chronik Israels ist es fürwahr, und von Thränen, Kummer, Siech- I thum und Elend erzählt es qualvolle Kapitel. „Wenastem gei.. j er sieht in diesem Augenblick die Thürmchen und Kuppeln des pha» j tastischen Märchenbaues von St. Marco vor seinem geistigen Auge erstehen, wie die letzten Strahlen der untergehenden Sonne seine goldene Zier rosig beleuchten, und hier hinein fällt fast niemals das Sonne» licht .... von Hirsch Markus war im Ghetto niemals wieder etwas! gehört worden. „Ah, Filippo, Du bist es," sagte Henri mit müder Lässigkeit, seinen Kopf zu dem Eintretenden umwendend. „Eceo-eh .. . theurer Meister," erwiederte der junge Mann und ließ sich auf ein Knie zur Seite der Ottomane nieder, „Jean sagte mir, ich dürfe in das Heiligthum treten, et me voilii, göttlicher | Marconi ..." mit stürmischer Lebendigkeit und Bcgeisterling sprudelte | Filippo diese Worte in einen; Gemisch von Französisch und Italienisch j hervor und streichelte zärtlich die herabhängende Rechte des Ruhende», der mit jetzt sich ein wenig aufhellender Miene den Knieendcn betrachtete. Filippo war ein Jüngling von kaum 29 Jahren, duukelängig und dunkellockig wie ein Neapolitaner, und von der graziöse» Beweglichkeit und dem sonnigen Enthusiasmus eines solchen. Er war ein Schüler Marconis, der einzige, den dieser ausbildete, den er aus freien Stücken sich erwählt und an sich gezogen, als er ihn vor Jahre» in Genf einmal mit der Fidel in der Hand entdeckt hatte. Er hatte den Bettelknaben damals zu sich genommen und für seine Erziehung und seinen Unterricht in einem Pariser Institut Sorge getragen, während er ihn im Geigenspiel selbst unterrichtete. War Marconi auf Knnstreisen, dann unterhielt er einen Briefwechsel mit dem Knaben,! das heißt, dieser schrieb ihm schwärmerische Episteln, etwa wie ei» j genialer, temperamentvoller Jüngling im Stadium seiner ersten Liebe! sic an ein aus der Ferne angcbetetes Wesen richtet. Voll inniger i phantastischer Begeisterung, voll schwärmerischer Hingebung und voll j schwermüthigcr Sehnsucht — in Fühlen und Denken dem j Gegenstand seiner Verehrung ergeben. Kam Marconi, was oft geschah,! zu längerem Aufenthalt nach Paris, dann war Filippo täglich in j seiner Gesellschaft, und ein wirklich herzliches Verhältniß, wie es bei bevorzugten Naturen in einer Freundschaft zwischen reifen Männern und Jünglingen sich nicht selten offenbart, herrschte zwischen dem Lehrer und dem Schüler, der seinen väterliche;; Beschützer vergötterte. Das Geigcnspiel Marconis, das ihm zu einer merkwürdigen Herrschasl über die Herzen der Menschen, zu Ruhm, Ehre und Reichthum verholfen hatte, sollte nach seinem Willen auf Filippo übergehen, soweit es in seiner Macht lag, diesem seine göttliche Kunst zu lehren ... was der Jüngling selbst für diese Kunst besaß, war der verwandte Zug, die seelische Uebereinstimmung, die ihn den; großen Künstler nahegebracht hatten. Es Jilippo welche i aus Ar Gebens, blickte, , Erinner verstand gebettet müthig ichwolle den Sai positiow stilippo ergreife; durchleb 3 unterdr iindet. nicht, v ihre Wi Herz, § des Gev Bölker, sernt al Eurer ( Euer h -»den, qhr bec full, Jh und bei eine Zr und Ei gemacht und Ar redlich und G> bängnij seine F verschlü lräftige Leute, iür ein O Herzen; den sch lüften, Jahre mrd in zu erhc landes sie, schc Ihr sic das hc mit ih;

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