Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 25 (4.7.1890)
- Date
- 1890-07-04
- Page
- Seite 341 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein erlesener Geschmack, vornehme Daseinsbedingungen, übermiithige Genußsucht und verweichlichte Gewohnheiten mochten diesen Raum ausacstattet haben. Das Zimmer bildete eine Art Halbkreis, der durch einen Erker hergestellt wurde, in dem zwischen herrlichein Blumenflor leise plätschernd eine Zimmerfontaine ihre duftenden Strahlen emportrieb. Ein weißer Smyrnateppich deckte den Boden, und Polsteriliöbel in verschiedenen phantastischen Formen standen zwanglos umher, alle weich und üppig, zu behaglichem Ausruhen und romantischen Träumereien einladend. Die kostbarsten Stoffe waren zur Dekoration dieses Mobiliars verwendet worden, und Decken in bizarren Mustern ,md grellen Farben lagen überall umher. Es war etwas von der Pracht des Orients in diesen: Gemache. Echte, reiche Waffen, vergoldete Palmenwedel und Fächer aus buntschillerndem Vogelgefieder schmückten die Wände, und der Schreibtisch von Palissanderholz mit Perlmuttermosaik war überladen nnt wundervollen Nippes und jenen iicberflüssigkeiten, welche Voltaire einst als clioses necessaires bemchnete. Es wäre aus der Einrichtung des Raumes nicht recht ersichtlich gewesen, ob man sich im Boudoir einer koketten Frau oder im Zimmer lines Mannes befände — vielleicht eines koketten Mannes —, wenn Acht Rauchrequisiten, die auf verschiedenen Tischen und Etageren von reicher Goldbronze umherstanden, darauf hingedeutet hätten, daß hier iiit Mann zu Hause sei. Auch der Bücherschrank, der die ganze Länge der einen Seite einnahm, war nicht von jener Zierlichkeit, die auf die geistige Äcschäftigung einer Frau hingewiesen hätte. Da standen in guten, starken Einbünden die Geistescrzeugnisse aller Zeiten und Nationen. Von den Klassikern des Alterthuins bis zu den i ängsten Erscheinungen der modernen Litteratnr und Wissenschaft; Philosophie, Geschichte und Naturforschungen der letzten Dezennien des Jahrhunderts, in der zugänglichen Darstellung, die man jetzt euch den unzugänglichsten Dingen giebt, waren besonders stark vertreten. Neben Schopenhauer und Hartmann sah man Darwin und Püchner, Baile und Macaulay, Renan, David Strauß und Ludwig Aeuerbach, Rouffeau und Voltaire — eine imposante Schaar moderner Achter, und Niemand, am allerletzten der Besitzer dieser Bibliothek, batte daran gedacht, daß sich dort in einer Ecke, abgegriffen und vergilbt, verstaubt und vergeffen, neben den Werken dieser hohen Weltweisen, ein — Pentateuch versteckte. Es mochte lange, lange Jahre her sein, seit dies Buch berührt worden war oder gar, seit in seine zerlesenen Blätter sich ein menschliches Auge vertieft, ein menschlicher Geist dem geheimnißvollen Inhalt deffelben nachgespürt hatte. Und daß es jener lässig hingestreckte -Rann dort überhaupt jemals gewesen sei, war durchaus nicht anunehmen. Was Hütten die schlanken, weißen, verwöhnten Hönde, was hätte jene, selbst in ihrer Apathie und Schwermuth noch immer ilegante, vornehme, moderne Erscheinung mit diesen alten Urkunden gl schaffen gehabt? Das Werk mochte wohl nur ein Zufall hierher verschlagen haben, ein ironischer Zufall, der in die Bibliothek eines l'lasirten Lebemannes jene eigenthümliche, unvergängliche Offenbarung edler, frommer, jüdischer Geister aus alten, grauen Tagen neben die genialen, welttragenden Kundgebungen einer neuen Zeit der Aufllärung stellte! Trotzdem war es jener Mann, der einst über diesen geheimen Ueberlieferungen einer großen Kulturepoche des Judenthums viele Stunden des Tages und der Nacht versonnen hatte; trotzdem bedeutete dieses Werk einen Theil seiner Kindheit. Henri Marconi, der verwöhnteste Geigenvirtuose des üppigen, eleganten Paris zur Zeit des Kaiserreichs, der Löwe der vornehmen Salons, der übermiithige, launenhafte Liebling der Marquisen und Gräfinnen, das enfant gate et terrible der Pariser Gesellschaft, der ordengeschmückte, bevorzugte Künstler des Hofes hatte einst, als er noch Hirsch Markus hieß, aus Pentateuch und Talmud seine ersten geistigen Anregungen empfangen. Im Ghetto von Venedig, als der Sohn eines armen Vorbeters geboren, wurde er nach der Sitte der Väter, kaum vier Jahre alt, schon im Hebräischen unterrichtet und mit gleichaltrigen Knaben, blaß und kränklich, wie er selbst es war, von jener physischen Verkommenheit, die ein trauriges Merkmal der den Judenvierteln entstammenden Kinder ist, in die Anfangsgründe cingeweiht, die hinüberleiten zum Verständniß der heiligen Lehren seines Volkes. Zwischen dumpfen, lichtlosen, schmutzstarrenden Wänden saß Hirsch acht bis zehn Stunden täglich mit zahlreichen Leidensgefährten und versuchte in monotonem Singsang die Gesetze und Lehren der von den geheimnißvollen Schauern göttlicher Offenbarung umgebenen Bücher Mosis, die Weisheiten und Anordnungen der Priester, Propheten und Kommentatoren Israels seinem schmerzenden Hirn einzuprägen. Es wurde ihm weniger schwer als seinen Altersgenossen, denn er war begabt und begriff leicht, aber eher wie diese war er daher auch zur Auflehnung, zum Widerspruch, ja mehr als das, zum Zweifel geneigt. Während die Anderen wie eine geduldige Hammelheerde mechanisch und gedankenlos die Litaneien des Lehrers wiederkäuten, in Tonfall und Geberde ihm nachahmend, inachte Hirsch erst kleinere, dann immer verwegenere Seitensprünge und mußte die schwere Hand des Lehrers oft auf Antlitz und Rücken fiihlen, odergar noch schlimmern, entehrenderen Züchtigungen ausgcsetzt sein. Aber das beugte den Muth und den Trotz des Knaben nicht, er biß die Lippen zusammen, wenn die Schläge auf ihn niederhagelten. Kein Laut, kein Stöhnen entrang sich seiner gepreßten Brust, und eher heulte die ganze bleichsüchtige, eingeschüchterte Schaar seiner Gefährten aus Mitleid mit dem Gezüchtigten, ehe ihm selbst ein Klageton, - ein Schmerzensschrei entschlüpft wäre. Es waren Stunden wahren Jammers, wenn Hirsch Markus Strafe bekam, denn das einzig lebendige Gefühl, welches diesen gemarterten, verdumpften Kindesseelen innewohnte, war Liebe und Bewunderung für ihren heldenmüthigen Mitschüler. Die Eltern des Knaben waren armselige, bedrückte Juden des Ghetto. An ihnen konnte Hirsch keine Stütze finden gegen die Pein, die er in seelischer und körperlicher Hinsicht erduldete. Anfänglich suchte er im Hause Klage zu führen. Aber als er bemerkte, daß er kein Verständniß fand, den Vater betrübte, der in seiner kümmerlichen beschränkten Denkweise, in seiner demüthigen Unterordnung die Regungen in der Seele seines Sohnes nicht begriff, als er die rothumründerten Augen seiner Mutter, die wortlos und eingeschüchtert, bleich und stumpf, wie es die Frauen des Ghettos waren, Thränen um seinetwillen vergießen sah, da schwieg er still. Er fühlte instinktiv, daß ihm von Seiten dieser unterdrückten, verhetzten, jammerbeladenen Menschen, die in steter Furcht, in stetem Schrecken ihr Leben fristen, und nur in ihrem Gottglauben, in ihrer Lehre die Möglichkeit der Existenz fanden, keine Hilfe, kein Trost kommen könne. Die einzige Entschädigung in dieser Leidenszeit war, wenn er, sobald die Stunden des Lernens vorüber, sich fortschleichen konnte aus den Mauern des Judenstadttheils und mit den Fischerjungen der Pescheria, niit denen er Freundschaft hielt, hinausrudern konnte auf den Kanäle grande, durch die stillen Lagunen oder gar bis an den Lido, wo das blaue