Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 25 (4.7.1890)
- Date
- 1890-07-04
- Page
- Seite 338 (sequence 6)
- Language
- German
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' 338 „Thue ihm nicht, was Tu nicht willst, daß man Dir thue". „Ihr sollt den Fremden lieben" '), heißt cs an einer anderen Stelle; „den Fremden sollt ihr nicht übervortheilen noch kränken-)". Daß man Gott lieben solle, kann doch nichts anderes sein, als daß man seinem Willen gemäß lebe und in seine Schickungen mit Ergebenheit sich füge. '■') Bei solchen praktischen Anschauungen hat freilich — wie gelegentlich bemerkt werden darf — das Judenthum darauf verzichten müssen, sich als „Religion der Liebe" rühmen zu lassen. Andererseits handelte es sich darum, in den scheinbar blos äußerlichen, körperlichen Vorschriften (bei Späteren 2'12'krN fimn gegenüber den 7i122^N 71121N) den sittlichen Kern nachzuweisen, ohne welche jene Pflichten eine Schale ohne Inhalt geblieben wären. Wie Propheten und Psalmendichter über den rechten Sinn von Opfern, Fasten u. dgl. sich aussprechen, ist bekannt genug und braucht hier nicht wiederholt zu werden. Wohl aber tritt bedeutsam genug, um besonders erwähnt zu werden, derjenige Prophet, dessen Worte denen des großen Jesaia angefügt sind, in den Vordergrund. Es ist hier wiederum nicht der Ort, darauf einzugehen, warum die im Buche Jesaia enthaltenen Kapitel 40—66 dem Jesaia Sohn Amoz abgesprochen werden. Er ist darum nicht geringer geworden und überhaupt ein Vergleich unstatthaft; haben ja die alten Lehrer es deutlich ausgesprochen, daß die Propheten zwar „Gottes Wort" predigen, aber jeder seiner Eigenthümlichkeit gemäß spricht. Und wenn er unseres Lobes überhaupt bedürfte, so würden wrr es hcrvorheben, daß er das, was er über die künftige Mission Israels sagt, in einer Zeit sagt, wo Israels Macht gebrochen, der Tempel zerstört, das Land verwüstet, die Einwohner in die Gefangenschaft geschleppt waren. Bei der Wiederherstellung des jüdischen Gemeindelebens scheint er auch andere Anschauungen vertreten zu haben, als sie zu seiner Zeit den Ausschlag gaben. Als nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil an die Wiedererbauung des Tempels gegangen wurde und benachbarte Stännne, die von dem Assyrerkönig dorthin verpflanzt worden waren, den Anspruch erhoben, an dem Tempelbau sich zu betheiligen, d. h. in die (Gemeinschaft der Juden einzutreten, wurde ihnen dieses Begehr abgeschlagen?) Gründe dafür sind nicht angegeben; bekanntlich war dieser Umstand die Veranlassung zu dem feindseligen Benehmen der Samaritaner gegen die Inden. Wie es scheint, war ein solches Verfahren nicht die Meinung Aller. Derjenige Prophet, dessen Reden das 56. Kapitel des Jesaia bilden, sprach eine andere, mildere Ansicht aus: „Die Söhne der Fremde, die sich Gott anschließen, daß sie Gott lieben und ih>n dienen wollen, die den Sabbath vor Entweihung hüten und an ureinem Bund festhalten, die will ich auf meinen heiligen Berg bringen und in meinem Bethause erfreuen, ihre Ganzopser und Schlachtopfer seien wohlgefällig auf meinem Altäre, denn mein Haus soll Bethaus für alle Völker genannt werden."5) Seine Ansicht drang nicht durch, so wenig wie diejenige über den Bau eines Gotteshauses"», über die Auswahl von Priestern und Leviten'); möglicherweise stand solchen Idealen die Möglichkeit einer praktischen Ausführung entgegen. Nicht ininder, nur mit größerem Erfolge, ist von demselben Propheten der Sabbath, den er neben dem Bunde (wahrscheinlich 6 5. Atos. 10, 19. -) 2. Mos. 22, 20. y 5. Mos. 6, 2. lBerach. 54g) 7, 9; 11, 1. 13. 22; 13, 4 u. s. w. Im Ps. 119 tritt dafür stets die „Liebe zu Gottes Geboten" ein. 4) Esra, 4, 1. Tie Bezeichnung „Feinde Judci's und Benjamin's" haben sie wohl auch erst nach jener Abweisung verdient. -') Jes. 56, 6. >') Jes. 66, 1. ’) Jes. 66, 21. dem Bunde Abrahams) für die Grundsäule des Judenthums hält, vergeistigt worden. Nachdem er sich darüber ausgesprochen , wie ein rechtes Fasten zu halteu sei, fährt er fort: „Wenn du zurückhältst um des Sabbaths »villen deinen Fuß, dein Geschäft zu verrichten an meinem heiligen Tage, und nennst den Sabbath eine Lust, den vom Ewigen geheiligten geehrt, und ehrest ihn, daß du nicht verrichtest deine Wege, nicht nachgehest deinem Geschäfte und eitle Reden führst" u. s. w. Die Tradition konnte 39 Hauptarbeiten aufzählen, die am Sabbath verboten sind, und sie unter die Hut eines strengen Gesetzes stellen; die griechische Zeit konnte, über diese Vorschriften hinaus, dein Sabbath zu Liebe selbst in kriegerischen Verhältnissen das Leben opfern; in das Gefühlsleben hat den Sabbath das prophetische Wort eingeführt und ihn zu dem gemacht, was er dem Juden geworden ist. Und in solchem Lichte hat ihn auch das Judenthum iu sich ausgenommen, wie es sich unter dem Einflüsse der talmudischen Entwickelung gestaltete. Je mehr die Wiederherstellung des Opferdienstes in eine ideale Zukunft gerückt war, desto größere Aufmerksamkeit wurde — wie bekannt — dem Ausbau des Gebet-Gottesdienstes zugewendet, und hier »var es, wo dem Sabbath nicht blos die ihm gebührende, nicht zu versäumende Stellung eingeräumt, sondern auch die wesentliche Bedeutung in kurzem, stets »viederkehrendem Spruch gewährt war: „Es freut sich deines Reiches das Volk, das den Sabbath hütet und ihn eine Lust nennt; das Volk derer, die den Sabbath heiligen, sie sättigen und laben sich mit deiner Güte. Am siebenten Tage hattest du Wohlgefallen und heiligtest ihn; bett köstlichsten der Tage nanntest du ihn, ein Andenken an das Schöpfungswerk." Eine »veitere Ausführung des gedankenvollen Spruches bieten die unzähligen Allssprüche in den hagadischen Schriften, von denen wir nur den einen an die Spitze dieser Skizze gestellt haben. Die strenge Beobachtung des Sabbaths hinderte die Juden nicht, den römischen Legionen ein ilicht zu verachtendes Kontingent zu stellen, inachte aber den römischen Herren den Besitz von Sklaven, die allen Fährlichkeiten trotzend den Sabbath hielten, unangenehm. In den barbarischen Zeiten des Mittelalters war der Sabbath den Juden fast das einzige Licht, das in die grausige Finsterniß hineinstrahlte. Auch hatte die ererbte Sitte, wie sie von erleuchteten Lehrern geleitet wurde, darauf Acht gehabt, daß auch das Haus, die Familie von der „Lust" des Sabbaths ihren Antheil bekamen. Wenn der Hausherr, der vielleicht die ganze Woche für den Sabbath sich abgemüht, wenn er das Beste, das er hatte, für den Sabbath bewahrt, nun in das erleuchtete, von Häuslichkeit und Familienglück erhellte, für das Mahl vorbereitete Zimmer trat, mochte er glauben, von Eilgeln begleitet worden zu sein und ehrfurchtsvoll die Unsichtbaren begrüßen zu sollen. Und wenn, wie es doch schon vorgekommen, unter erschwindelten Vorwänden in das friedliche Haus eine Pöbelrotte eindrang, raubte und schlug, zündete und mordete, sollte der Jude vielleicht auf solche Weise zum Glauben an die „Religion der Liebe" bekehrt werden? An die Begrüßung und freundliche Verabschiedung der Friedensengel schloß sich die Rezitation des letzter! Stückes im Buche Mischte, das von der tugendsamen Ehefrau handelt, und an das Sabbathmahl die Absingung von Sabbathliedern, die freilich hier rnehr als in der Synagoge der größeren oder geringeren Sangfähigkeit des Hausherrn anheiingegeben waren. Solche Lieder, die den in das Gebetritual eingefügten Piutim glichen und auch nicht viel jünger als diese sind, hatten die Aufgabe, den Sabbathabend auszufüllen, wie sie auch am Tage von dem Gottesdienst zur Mittagsmahlzeit hinüber leiten sollten. Denselben Zweck, die Vermeidung zu aller des Sabbath unwürdigen