Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 25 (4.7.1890)
- Date
- 1890-07-04
- Page
- Seite 337 (sequence 5)
- Language
- German
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337 Reaktion alle hießen; und diese hatten die Macht, alle diejenigen, welche eine gegentheilige Ansicht vertraten, in die Gefängnisse zu schicken. War aber der Kerker ein Beweis dafür, das; die armen Märtyrer der Freiheit Recht hatten? Das ist der Fall des Judenthums. Wenn man mit Hilfe ererbter Norurtheile die herrschende Kirche ist, kann man sich nicht nur für seine Konfession Vortheile sichern, sondern inan kaim auch behaupten, das; diese Vortheile ein Beweis des eigenen Rechtes seien. So konnte auch in der guten alten Zeit der Junker, welcher den vorüberfahrenden Kaufmann zu einem hohen Wegzoll zwang, behaupten, das; das gute Recht seines Schwertes von Gott stamme. Aber wissen Sie, Herr Professor, was der von Ihnen gewiß auf Christus bezogene zweite Psalm sagt? „Der im Himmel sitzt, lacht, der Herr spottet ihrer!" Wie aber stellt sich zu diesen Anschauungen die so viel gelästerte Moral des Talmud, welche nach den Reden unserer Bekehrer eigentlich schuld daran ist, daß das Judenthum in geistiger Finsternis; beharren muß? Der Talmud sagt: „Man darf einem, der Unglück erlitten hat, nicht die Worte sagen, welche die Freunde Hiobs zu ihm sprachen: denke doch, wenn ein Unschuldiger untergegangen ist und wir sind ungerecht vernichtet worden." Der Talmud verbietet also, den Unglücklichen dadurch zu kränken, daß man sein Leiden als gerechte Strafe Gottes bezeichne. Die moderne christliche Professorenmoral aber lehrt, das; man den Unglücklichen dadurch noch elender mache, das; inan in dem Leid einen Beweis für seine Sündhaftigkeit erblicke. Und mit einem solchen Glauben allein soll man sich die wahre Gerechtigkeit erwerben können. Wir trösten uns mit den Worten des Talmuds: „Wer geschmäht wird, ohne geschmäht zu haben, von ihm sagt die heilige Schrift: die Gott lieben, gleichen der Sonne in ihrer Siegesmacht." U Sabiiath und Sabbathlieder. Von Dr. D. Cassel. „Gott sprach zu Moses: Eine köstliche Gabe habe ich in meiner Schatzkammer; „Sabbath" heißt sie; ich möchte sie Israel geben; geh' und thue es ihnen kund." Sabbath 101>. In einer Zeit, da Kaiser und Könige, Herzöge und Fürsten mit und ohne „Gottes Gnaden" sich genöthigt sehen, von ihren Thronen zu steigen und sich zu gewöhnlichen Menschen degradiren zu lassen, dürfte es nicht auffällig sein, wenn auch innerhalb des Jndenthums eine „Prinzessin" das Schicksal der Entthronten hat erfahren müssen; um so weniger auffällig, als dieselbe einst als „Königin" begrüßt worden ') und sich jetzt mit dem schon in; Hohenlieds") gebrauchten, vielleicht süßeren Kosenamen „Braut" begnügen muß?) Wem wäre das reizende Gedicht H. Heines „Prinzessin Sabbath" unbekannt geblieben; des Dichters, dem es vergönnt war, in die Tiefen des Herzens niederzusteigen und das Wohlgefühl zu schildern, das dem gedrückten Juden mit dem Eintritt des Sabbath Erholung und Erhebung brachte. Freilich hat Heine den Sabbath, den er so reizvoll schildert, nicht selbst gelebt; 1212 “TW1 22'!2 des Liedes Schmuck ist das Ideal, wie die Alten sagen. Wer den altjüdischen Sabbath, natürlich einschließlich des Freitag Abend, nicht selbst dmchgelebt hat, dem wird keine Beschreibung das längst Vergangene wieder heranfbeschwören; den Aeltcren unter den Zeitgenoffen können wohl Reminiscenzen vorschwebcn, die ihnen vielleicht 1) Sabbath 119a. Baba Kamma 32b. 2) 4, 8. 9 u. s. w. 3) Sabbath 119a, der bekannten Quelle des Sabbathliedes: „Lecha Dodi" u. s, w. von der lieblichen Erinnerung verschönert erscheinen. Aber eine solche Beschreibung wäre ja selbst ein Zeichen davon, daß diese eigenthümliche Sabbathfeier etwas Gegenständliches, der Reflexion Unterliegendes geworden, daß sie nicht mehr aus dem unbewußten Gefühle hervorgegangen, dem der Sabbath ein Vorgeschmack der ewigen Seligkeit, ist'). Bei der lebendigsten Ueberzeugung, daß der Sabbath im Judenthum eine dominirende Stellung einnimmt, das; diese Institution an Bedeutung hinter keiner andern zurücksteht, und wenn man auch einem alten Dichterphilosophen * 2) beistimmt, daß eine Nachbildung dieser Institution in anderen Religionskreisen von; Original so fern bleibt, wie die gelungenste Statue vom lebendigen Menschen; darf man sich doch nicht verhehlen, daß, seitdem der Jude nicht mehr der „Hund" ist, auch die gewissenhafteste Beobachtung aller den Sabbath betreffenden Vorschriften dem jüdischen Hause nicht mehr den Schimmer des von der feindlichen Außenwelt abschließenden Asyles wiedergebcn kann. Der Schmerz über die Entweihung des Sabbath, die bis zur gänzlichen Entfremdung von dieser gottgeweihten Institution führt; die lebhafteste Anhänglichkeit an das Große und Herrliche, was das alte Judenthum bietet; das krampfhafte Festhalten an dem, was in überlieferten Vorschriften wurzelt, alles das bleibt machtlos gegenüber dem nicht abzuweisenden Eindringen moderner Kultur. Eine wissenschaftliche Darstellung der Entwicklung der religiösen Ideen im Judenthum, also auch des Sabbath, gehört nicht an diesen Ort; es wäre nichts überflüssiger, als wenn man die Stellen in den pentateuchischen Gesetzen und die in den übrigen biblischen Büchern, in denen von der Feier des Sabbath gesprochen wird, zusammenstellen wollte. Auch das ist bekannt und genugsam erörtert, daß — wie es scheint — am Sabbath, dem der Neumond gern zur Seite gestellt wird, Belehrungen oder Vortrüge, über die wir gar nichts wissen, auch wohl für Frauen gehalten wurden, wie sie ja auch dem pentateuchischen Gesetze nicht ganz fremd sind.") Nur folgende Bemerkung darf gestattet werden: das Gesetz kann für die Feier des Sabbath bestimmte Normen geben; es kann die Uebertretung solcher Porschristen mit strengen Strafen rügen; es kann den Sabbath „heiligen und segnen", ihn als Denkzeichen für die von Gott nach seiner freien Bestimmung ausgeführte Weltschöpsung hinstellen. Aber es kann den Sabbath nicht in das Gefühlsleben der Juden einführen. Wir sagen mit Bedacht: „der Juden", weil das Judenthum sich nicht das Gefühl an sich anbefehlen ließ, sondern die praktischen Folgen, welche ein solches Gebot nach sich zieht, ins Auge faßt. Das edelste Gefühl, das der Liebe zu den Eltern, wird im Gesetz vermißt, aber „Du sollst Vater und Mutter ehren"''), „ein Jeder soll Mutter und Vater ehrfürchten""); daran knüpft sich sofort die Frage: Welche Pflichten folgen aus der „Ehre", welche aus der „Ehrfurcht"?") Die Liebe zu den Kindern braucht das Gesetz gar nicht zu enthalten; das überläßt es der Natur, da ja auch das Thier seine Jungen liebt; wohl aber legt cs den Eltern die Pflicht auf, den Kindern Unterricht angedeihen zn lassen.ff „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst" ff, heißt (nach Hillel 3) ') Berachot 571). Die Seligkeit ist — nach dem Spruche am Ende des sabbathlichen Tischgebetes — ein ununterbrochener Sabbath, eine Zeit dauernder Ruhe. s) Inda Ha-Lebi im Kusari II, 30—32. ff 5. Mos. 31, 10. ff 2. Mos. 20, 12. 5. Mos. 5, 16. ff 3. Mos. 19, 3. ff Sifra u. Raschi zum angef. Orte, ff 2. Mos. 13, 8. 14. 5. Mos. 4, 10; 6, 7. 20; 11. 19, ff 3. Mos. 19, 18. ff Sabbath 31».