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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-04 · Heft 25 (4.7.1890) · p. Seite 336

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 25 (4.7.1890)
Date
1890-07-04
Page
Seite 336 (sequence 4)
Language
German
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lieber die Frage, welcher denn wirklich gerade der Tag ist, an welchem Gott von seinem Schöpfungswerk geruht, läßt sich übrigens streiten. Herr Prediger Schwalb in Bremen sagte jüngst, daß man nicht wisse, ob Gott gerade an einem Sonntage das Wort gesprochen: „Es werde Licht", da damals der Mond noch nicht geschaffen war, es somit auch noch keinen Kalender ge-! geben habe. j Wird also durch dieses Gesetz es jetzt Jedem ermöglicht werden,! einen Ruhetag zu feiern, so ist die Entrüstung, welche sich in jüdischen l und in judenfeindlichen Blättern über die Betheiligung jüdischer Firmen an der Agitation zu Gunsten der Sonntagsruhe kundgiebt, unberechtigt. Es soll ja damit Niemanden Zwang angethan werden; der gläubige Jude kann und wird nach wie vor seinen j Sabbath mit derselben Weihe feiern wie bisher; nur soll es ermög-! licht werden, daß solche Leute, welche durch die Ungunst der Verj hültnisse, hervorgerufen durch die Konkurrenz, denselben nicht ein-! halten können, wenigstens einen geringen Ersatz haben, einen Rühe-! tag, den die Konkurrenz mit ihnen zu feiern gezwungen ist. Im Uebrigen sind es oft gerade sehr orthodoxe Glaubensgenossen, welche junge Leute, die sich dem kaufmännischen Berufe widmen wollen, dazu zwingen, das Gebot der Sabbathruhe zu übertreten. Es giebt leider sehr viele Fälle, in welchen Juden, welche ihr Geschäft am Sonnabend geschlossen halten, daraus in der Weise Profit schlagen, daß sie ihre jungen Leute bedeutend geringer bezahlen, als diejenigen, welche dasselbe offen halten. Man kann in solchen Füllen häufig die Motivirung hören: Der Zudrang zu den Stelle», in welchen der Sonnabend freigegeben, ist so groß, daß wir nicht nöthig haben, ein größeres Gehalt zu zahlen. Wenn man also auf der einen Seite die Leute durch solche Gründe zwingt, das Gebot der Sabbathruhe zu übertreten, so sollte man sich doch wenigstens darüber freuen, daß ihnen dafür ein gesetzlicher Ersatz durch den freien Sonntag geschaffen wird. N. E.? Entweder — Oder! Von Rabbiner Dr. G. Deutsch. j In meiner Heimath lebt noch hellte ein hochbetagter Rabbiner,! der vor nicht gar zu langer Zeit eine Leichenrede an dem Sarge j eines charaktervollen jungen Mannes hielt, der wohl religiös aber i nicht im Sinne der Orthodoxie fromm war. Diese Rede begann j mit den Worten: „So muß es ihnen ausgehen, die trefa essen und! am Sabbath rauchen." Wie hat dieser Mann gedacht? Er sagte! sich: Der Beweis der Glaubenswahrheit des Judenthums muß daj durch am sichersten erbracht werden, das; derjenige, der nach dem! Genüsse einer Fleischspeise volle sechs Stunden wartet, ehe er Milch j genießt, das große Loos gewinnt, und derjenige, der eine verbotene j Speise ißt, beim ersten Bissen rettungslos erstickt. Nun hatte der betreffende junge Mann das Unglück, ein falsches Gebiß, das er trug,! bei einem heftigen Hustenanfalle zu verschlucken, uild der Rabbiner; hatte also ein vermeintliches Recht, wenn er in diesem Unglücksfalle; die „gerechte Strafe Gottes" erblickte.! Wenn nun ein Mann so denkt, der weder philosophische noch sollst irgend welche allgemeine Bildung besitzt und dessen religiöses Denken überhaupt von Jugeild an sich nur in den Fragen belvegt hat, was man essen nnd was man nicht essen solle, wenn ein solcher Mann eine derartige, dem Fetischismus verwandte Lehre vorträgt, so dient ihm seine Unbildung als Entschuldigung. Wenn aber ein gebildeter deutscher Professor so etwas sagt, so kann das, wenn es überhalipt begreiflich ist, tuir aus einem prinzipiellen Verharren in anerzogenen Vorurtheilen verstanden werden. Und ein solches Stückchen hat Dr. Ludwig Schulze, Professor an der Universität in Rostock, geleistet, indem er erklärt: „Entweder ist Jesus der verheißene Messias, die Kirche hat Recht, und dann erklärt sich die verworfene, verachtete Stellung der Juden in der Welt, welche nun die von Gott nach ihren Schriften gedrohte Strafe erleiden, oder Jesus war nicht der Messias, die Juden hatten Recht, ihn zu krelizigen, woher aber dann dieses furchtbare Strafgericht Gottes?" Es liegt in diesen Worten eine Gesinnung, für die wir kaum das rechte Wort finden, und deren Konsequenzen gar nicht vollkommen ausgedacht werden können. Nach derselben Anschauung könnte ja der Mörder zu dem Opfer, das er grausam zu Tode gemartert hat, sagen: „Entweder hast Tu den Tod nicht verdient, dann wäre es nicht zu begreifen, woher dieses furchtbare Strafgericht Gottes über Dich kam, oder D» hast es verdient, umgebracht zu werden, denn nur dann ist Gottes Gerechtigkeit bewiesen." Weil man den Juden so viele Jahrhunderte die ihnen gebührenden Menschenrechte vorenthalten hat, weil Männer, wie Thomas Torquemada, welche die Kirche heilig gesprochen hat, unter dem Vorwände der Frömmigkeit an Tausenden von Opfern ihre» Blutdurst gestillt haben, weil eine boshafte Pfaffenkoterie noch bis in unser Jahrhundert hinein erklärt hat, der Staat habe das Recht, durch Polizeigewalt zu bestimmen, was zur Seligkeit des Menschen nöthig sei, darum muß der Name Gottes herhalten, um einein so ganz und gar unreligiösen Treiben den Schein eines Rechtes zu geben. Es wird am Ende auch das Verfahren gegen Giordann Bruno und Arnold von Breseia, gegen Johannes Huß und andere MürtNrer der Gewissensfreiheit als ein göttliches Urtheil betrachtet werden, ja, noch mehr, muß nicht ebenso die numerische Uebermacht und die Abgeschlossenheit der katholischen Kirche als ein Beweis, daß der Katholizismus recht hat, auch für den Professor der evangelischen Theologie gelten? Wenn der Besitz der Macht und ihr Mißbrauch der Beweis eines Rechtes wäre, dann stünde es freilich um das Judenthum sehrschlecht. Zu unserm Glück wissen wir aber, daß gerade im Gegentheil Macht und Recht sich sehr selten, ich möchte fast sagen, nie decken. Das ist ebenso in der Wissenschaft, wie in der Kultur und im Leben der Fall. Wenn die mechanische Majorität zu entscheiden gehabt Hütte, dann würde die Erde noch heute im Mittelpunkt des Weltalls fest stehen und die Sonne sich im Kreise um sie herumbewegen, aber der eine Galilei hat mit seinem: „Und sie bewegt sich doch" mehr Recht, als das ganze Kardinalskollegium, welches ihn durch den Anblick des Scheiterhaufens zum Widerrufe zwingen kann. Wenn die Stimmen gezählt werden sollten, so dürste noch heute keine Eisenbahn bestehen, und der Weltverkehr wäre noch immer auf Postkutsche und Frachtwageu angewiesen; denn damals, als die erste Eisenbahn gebaut werden sollte, haben ja auch Männer, von klangvollen Namen unterstützt, behauptet, die Eisenbahn könne im besten Falle den Vergnügungszüglern der großen Städte als Vehikel dienen, niemals aber den Verkehr im großen Maßstab vermitteln. Als Goethe seinen Clavigo und seinen Götz geschrieben hat, stand der große Meister Gottsched auf, der Gegner seines Ruhms, und wenn es bei dem Geschmack der Mehrzahl seiner Zeitgenossen geblieben wäre, so wäre der hölzerne Gottsched noch heute das höchste Muster der Dichtkunst und Goethe ein unreifer Skribent. Als nach den Freiheitskriegen im Jahre 1813 sich unter den jungen Leuten, welche die Größe des Vaterlandes auf den Schlachtfeldern erkämpft hatten, die Meinung verbreitete, das; die Größe des Vaterlandes nur durch freiheitlichen Ausbau geschaffen werden könne, war die Mehrzahl der einflußreichsten Persönlichkeiten auf Seiten der Herren Görres, Gentz und wie diese Kreaturen der

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