Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-04 · Heft 25 (4.7.1890) · p. Seite 335

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 25 (4.7.1890)
Date
1890-07-04
Page
Seite 335 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227851--47168-3268674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

335 sondern weiß ist, da wir ihm bei Allem, was zu sehen ist, nur sogen werden: mache das Auge auf, so wollen wir auch zu Jedem, der sich der Stimme Gottes gegenüber als Zweifler stellt, blos sagen: verschließe nur das Ohr nicht, so wirst du Gottes Gebot hören. Verbietet etwa Gott, daß wir uns freuen? Gewiß nicht. Wie Er uns die Sinne anerschaffen hat, daß wir uns der Natur, des Werkes seiner Hände, freuen: so hat Er uns seine Gebote ins Herz gesenkt, daß wir sie in inniger Liebeslust üben, und daß wir Ihm für diese Lust, die Er uns geschaffen hat, danken, d. h. „ihm anhangen". Die Stimme Gottes herrscht uns nicht an, sie droht nicht, sie bittet uns und verlangt so wenig, nämlich nur das, was unsere eigene Natur ist, unser wahres Leben; sie verlangt, daß wir unser Wesen auslrben. Wenn wir so recht das sind, was unser Wesen ist, dann fühlen wir Lust. Das geistige Leben fordert Aufopferung, so sagt die Predigt, und das klingt hart. So und so viel ist verboten, und man soll es nicht thun, wie heftig auch die Sehnsucht danach sei; so und so viel ist geboten, wie schwer es uns auch ankommen mag. Das klingt hart; aber es klingt auch nur so. Der Liebe wird Vieles, was dem, der nicht liebt, kaum möglich wäre, nicht nur leicht, sondern zur Freude. Du mußt eben Gott lieben, ihn mehr lieben als Alles; dann wirst dn gern seiner Stimme gehorchen und darin deine Lust finden. Frage doch einen Liebenden: warum thust du das für deinen Geliebten? Die Antwort wird sein: weil es ihm und weil es mir selbst Freude macht; wenn ich für ihn lebe, lebe ich für mich. — Also liebe Gott, wähle das Leben für ihn: so lebst du für dich. Immer noch bleibt die Frage: Wie liebt man Gott, und wie werde ich wahrhaft für mich leben? wie werde ich Gottes Stimme gehorchen und damit zugleich mein innerstes, eigenstes Wesen ausleben? Tie Antwort ist längst gegeben: wenn du die Menschen liebst, jeden so, wie ihn Gott liebt. Damit giebst du deinem Leben Inhalt, werthvollen Gehalt, und du gewinnst festen Halt. Der Zweck des Lebens sind also nicht die Lebensmittel und nicht die an dieselbe geknüpfte Lebenslust, sondern das Leben selbst, die Thütigkeit in hilfreicher Liebe und die daraus erfolgende Erhebung in ein Reich des Geistes, ein Reich der Unsterblichkeit. Ich hoffe, du habest noch niemals gefühlt, wie dn nach einer solchen oder solchen Handlung dir selbst erniedrigt vorkamst, daß dir der Gewinn, den solche Handlung brachte, ein Verlust zu sein schien, so daß du diesen Gewinn lieber nicht erlangt haben mochtest — ich hoffe, du habest das niemals gefühlt, weil du dergleichen niemals gethan habest. Dagegen hoffe ich, du hast schon Manches hingegeben oder erarbeitet, wonach du dir erhöht zu sein schienest und werthvoller geworden: du hattest das Gefühl, echtes Leben gelebt, des Lebens Zweck erfüllt zu haben, in ein höheres Geistesreich gerückt worden zu sein — ein Gefühl, das dir sagte, daß du Theil habest an der Unsterblichkeit. Dieses Gefühl schwindet auch nicht und schwächt sich nicht; sondern, so oft du an diese That zurückdenkst, ist auch dieses Gefühl wieder wach in ursprünglicher Stärke. Daran hast du den Prüfstein für jede That, die dir geboten oder verboten, für jede Lust, die dir gestattet oder versagt ist, nämlich: woran du denken darfst, ohne vor dir selbst zu erröthen, die That, in deren bloßen Gedanken bu dich erhoben fühlst, und der Genuß, der dich zu allem Guten bereitwillig stimmt: dergleichen suche, und du wirst fühlen, daß du lebest. Erheiterung ist unserer Gesundheit so nothwendig, wie Speise und Trank; aber wer davon mehr genießt, als nöthig ist, erkrankt. Wissenschaft und Kunst sind auch nur Spiel; aber wenn sie echt sind, mit wahrhaftem Sinne aufgenommen werden, so sind sie ein Spiel, das, indem es die Ideen inehrt und klärt, den Willen reinigt, kräftigt, hebt. So suche das edle Spiel in der edlen Absicht, um immer Kraft und Willfährigkeit zu allem Edlen zu haben, und du wirst leben; meide aber das Vergnügen, das dir die Zeit vertreibt, so daß du dir sagen mußt: ich habe die Zeit verloren. Also endlich kurz: Erhebung rmseres Wesens durch den Idealismus unserer Phantasie und unserer Gedanken, unseres Wollens und Handelns ist Leben, ist Zweck des Lebens; und Idealismus ist nichts Anderes als Anähnlichung des Menschen an Gott, und das ist liebevoller Gehorsam gegen Gott. Wähle nicht das Leben in der Unterwelt, sondern das ideale Leben, das Leben in der Höhe, in der Unsterblichkeit! So viel hierüber für heute. In späteren Artikeln wollen wir die Anwendung von den aufgestellten Sätzen machen, wobei diese noch weitere Aufklärung finden können. ¥ Sonntagsruhe und Sabbathheiligung. Frankfurt a. M., im Juni. Die dem Reichstage vorliegende Novelle zur Gewerbeordnung, durch welche die Sonntagsruhe obligatorisch eingeführt wird, sollte nirgends so freudige Zustimmung finden, als in allen jüdischen Kreisen. Wird doch durch dieselbe das Prinzip anerkannt, welches schon vor Vierthalbtausend Jahren von dem großen Gesetzgeber des israelitischen Volkes aufgestellt wurde, daß auf sechs Arbeitstage ein Ruhetag zu folgen habe, ebenso wie für das Feld nach sechsjähriger Bebauung ein Brachjahr eingeführt wurde. Der Grundzweck dieses siebenten Tages als Ruhetag erhellt aus 2. Buch Moses 23, 12, wo es heißt: „Sechs Tage sollst du dein Tagewerk verrichten, aber am siebenten sollst du feiern, damit dein Ochs und dein Esel ruhe und auch der Sohn deiner Magd und der Fremden wieder zu sich konnnen." Die Einrichtung des Ruhetages geschah also, wie aus dem ganzen Zusammenhang der Stelle hervorgeht, ans denselben Gründen der Humanität, aus welchen auch der jetzt dem Reichstage vorliegende Gesetzentwurf hervorgegangen ist. Wenn außerdem zur Begründung des Gebots der Sabbathfeier im Deka log und an anderen Stellen noch der historische Grund angegeben ist: „Denn in sechs Tagen hat Gott den Himmel, die Erde, das Meer sammt allein, was darin ist, geschaffen und am siebente» Tag hat er geruht", so hat das nicht mehr und nicht weniger Be-! deutung als die historische Begründung, die deni Gebote der Feier aller übrigeii Feste neben der ethischen und allgemein sittlichen hinzugefügt wiirde. Es läßt sich daher leicht erklären, daß gerade viele jiidische Firmen sich an der Agitation zu Gunsten der kaufmännischen Sonntagsruhe betheiligen, und gerade solche, denen es durch die Ungunst der Verhältnisse, durch die Konkurrenz u. s. w. nicht ermöglicht schien, ihren eigenen Ruhetag, den Sonnabend, zu feiern. Ist es auch tief zu beklagen, daß gerade durch diese Verhältnisse nicht der eigentliche israelitische Sabbath als Ruhetag gefeiert werden kanii, der in erster Linie immerdar als historischer Feiertag von uns betrachtet werden muß, insofern als gerade dieser Tag seit den ältesten Zeiten als solcher gefeiert wurde, sondern der von einem judenfeindlichen Konzil eingesetzte Sonntag, so ist doch mit der Feier des Sonntags als Ruhetag immerhin wenigstens das biblische Prinzip aufrecht erhalten, was gegenüber den gegenwärtigen Umständen doch entschieden als Fortschritt zu betrachten ist, da jetzt in weitesten Kreisen überhaupt kein Ruhetag innegehalten wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.