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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-04 · Heft 25 (4.7.1890) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 25 (4.7.1890)
Date
1890-07-04
Page
Seite 334 (sequence 2)
Language
German
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334 seliger Hang zum Müßiggang, Mißtrauen in seine Kraft, Vorschützen von allerlei Hindernissen, Sorge für die möglicherweise kommenden eigenen Bedürfnisse, all dergleichen darf nicht Hand nnd Fuß fesseln; dann muß man nicht glauben, den Wunsch zum Guten durch Mitleid erfüllen zu können. Wie oft aber ist solch ein frommer Wunsch mit Hartherzigkeit gepaart, nnd wie oft läßt diese und allerlei Sophistik die Idee des Gute» sich noch nicht einmal zum Wunsche des Guten erheben, indem sie ihr alle Triebkraft abschneidet. Darum das Gebot: »volle das Gute, laß die Idee aus ihrem behaglichen Müßiggänge heraustreten und den Wunsch seine Kraft auch nach außen in der That knnd geben. Das sind die sogenannten frommen Wünsche; nnd tvie nun die unfrommen? Die Gelüste? Die Leidenschaften? woher stammen sie? woher haben sie ihre überwältigende Kraft, sich zu bethätigeu? sich sogar gegen alle Hindernisse,;u bethätigeu? ihre unselige Kraft, alle Ideen und frommen Wünsche zu überrennen, alle guten Vorsätze u»izustoßen? Sv obenhin, und das heißt für das praktische Leben durchaus geniigend, weiß ja das Jeder. Und wer wüßte nicht auch das, daß sie ihren Einfluß sogar rückwärts auf die religiös-sittliche Phantasie mit ihren Ideen von Gott nnd dem Guten üben? daß sie cs sind, „welche das Böse gut nnd das Gute böse, das Bittere süß und das Süße bitter nennen" (Jes. 5, 20)? daß sie unser innerstes Wesen verdrehen? Uns ist gesagt: „Gottesfurcht ist der beste Theil der Weisheit" ft, Jene lassen unsere Weisheit als Thorheit erscheinen; und das nennt man klug sein. Sind die frommen Wünsche wie ein kaltes Fieber, so sind die nnfronnnen wie ein hitziges, Wahnvorstellungen erzeugendes: daher die Rücksichtslosigkeit, mit der sie jede Pietät höhnen, jedes welterhaltende Gesetz übertreten und dadurch die eigene Kraft vergeuden und zerstören. Daher das Gebot: wähle das Leben, auf daß die Lüsternheit dich nicht tödtc, das; du nicht die Uuseligkeit und den Fluch erntest statt des Segens. Was ist nun Leben? oder was ist das Gute? was ist Weisheit? Ich habe es soeben gesagt: „Gottesfurcht ist der beste Theil der Weisheit", denn sie erzeugt und ernährt Weisheit. Man fragt nach dem Zwecke des Lebens. Schon unsere Stamm-Mutter Rebekka, lieblich und hilfreich, gut und klug, aber ungeduldig nnd schnell fertig mit hem Wort (so sind ja wohl alle ihre Töchter gewesen und sind es bis heute!), fragt zweimal: „wozu bin ich?" „wozu soll mir das Leben?" Nun freilich: da man von Lebens-Mitteln spricht, warum nicht auch vom Lebens-Zweck? — Was bleibt denn aber vom Leben übrig, wenn man von den Mitteln nnd dem Zwecke absieht? was soll es denn außer diesen beiden noch sein? Verlieren wir uns nicht bei unserem ebenso wichtigen als tvciteu Thema in feinen Unterscheidungen und stellen wir lieber die Frage so: was ist der Zweck des Menschen? Fragen wir, wie Rebekka: wozu bin ich? das soll heißen: welchen Inha lt sollen wir unserem Leben geben? was soll ich thun? Man vergleicht jetzt gern den Menschen mit einer Maschine. Das hat vielleicht für manchen der geehrten Leser etwas Abstoßendes. Indessen eine Vergleichung, eine Parallele, ist doch keine Gleichstellung. Und ich möchte an dieser Stelle gern so recht trocken sein, ohne jede Färbung sprechen. Ich will nicht überrumpeln und überreden; sondern der Leser sehe zu, ob er mir mit Ueberzeugung folgen kan». 0 Ps. 111, 10. Sprüche 1, 7. Tie oben gegebene Uebersetzung ist lexikalisch unanfechtbar; sachlich geboten wird sie durch Hiob 28, 28: Nur bei Gott ist die Weisheit; „zum Menschen aber spricht Gott: siehe, Gottesfurcht ist Weisheit, und Böses meiden ist Vernunft". So kann ich mich auch durch Spr. 9, 10 nicht beirren lassen, wo zu übersetzen sein wird: „Prinzip (<’(<//,'), Ziel, Zweck", was auch durch den Parallelismns des Verses gefordert wird. Der Mensch gleicht einer Maschine insofern, als diese gewisser Mittel bedarf, um in Bewegung gesetzt zu werden, wie Oel, Wasser, Kohle, und auch er der Speisung bedarf, namentlich auch der Kohle in Brod rmd Fleisch. Der Unterschied besteht aber wesentlich darin, das; der Mensch die Speisung, Hunger und Sättigung, in Lust und Unlust fühlt, was die Maschine nicht thnt: er fühlt den Hunger schmerzhaft als Mangel, und fühlt die Speisung lustvoll. Das bloße Einathmen reiner, frischer nnd milder Luft wird mit Behagen vollzogen. Ich brauche ja nicht aufzuzühlen, was alles zur Erhaltung und Fortpflanzung des Lebens nöthig ist, und daran zu erinnern, wie viel Lust das alles erregt. An das sinnliche Leben nun schließt sich das geistige. Dadurch soll Alles verfeinert werden. Die Beschaffung der Speisen entwickelt sich zur Kochkunst, der Geschmack verfeinert sick zur Kastrologie. Die Nothwendigkeit, sich vor den Wechselfnlten de? Wetters zu schützen, erzeugt die Baukunst und die Webekunst mit allen Stickereien und Putz jeder Art. Dazu kommen allerlei Schaustellungen, die man sieht rmd die man bietet, Spiele und spezielle Genüsse nnd rvas weiß ich alles noch: das ist alles Lust nnd Zeitvertreib! Und dazu also lebt man? Das ist der Zweck, der Inhalt de? Lebens? Die Zeit vertreiben! So sehr hassest du dein Leben, daß d» nur daran denkst, die Zeit zu verjagen? Damit du nur so schnell wie möglich ans Ende, zum Tode gelangst? Wenn du nur auf die Mittel zum Leben denkst, nur auf den Genuß dieser Mittel bedacht bist: dairn verfliegen die Tage, nnd d» verfliegst selbst mit den Tagen. Es ist doch seltsam: du hast gearbeitet und sogar viel gearbeitet, dich angestrengt — wozu? um zu den Genüssen der Lebens-Mittel zu gelangen. Und das Leben selbst? möchtest du das nicht auch genießen? Oder sollte nicht in der That Leben noch etwas andere? sein, als tobte Lebensmittel; sollte nicht auch es selbst, das Leben, eine» Genuß bieten, abgesehen von dem Genüsse der tobten Mittel? Die Maschine ist eben todt, und wenn wir ihr einen Genuß andichten, so kann sie nur den Tod genießen. Du aber sollst das Leben wühlen! das Leben, das durch seinen Gehalt eine eigenthümliche Lust gewährt. Wenn die Maschine blos klapperte nnd rasselte, ihre Rüder und Kolben sich lustig bewegten, und sie bei all dem trotz all der verzehrte» Kohlen und des verdampften Wassers nichts hervorbrächte: würdest du sie nicht als unnütz schelten? Oder um das Gleichniß treffender zu machen, gefiele dir die Maschine, welche alle Mittel, welche sie verbrauchte, auch selbst erzeugte, aber auch weiter nichts? Denke dir solche Maschine lebendig — gleicht sie nicht völlig dem Menschen, der sich seinen Lebensunterhalt erwirbt und denselben auch genießt, aber mit seinen Gedanken nicht darüber hinausreicht? Nicht wahr, der lebt den Tod, materielles Leben! Dagegen wäre also der Zweck des Lebens hervorzuheben, der Gehalt oder das Erzeugnis; desselben, das ist Gottesfurcht, Weisheit, edle Ideen und Ideale und deren kräftige Verwirklichung, kurz: geistiges Lebe», oder, wie es oben hieß: „Gott lieben — das ist Dein Leben". Da sind es nun aber die unfronimen Wünsche, die uns treiben, unsere Kraft und Zeit in dem Genüsse der Mittel zu vergeuden, das: wir uns um den Tod mühen und das Streben nach unvergängliche»! Gehalt, die Liebe zu Gott, nicht anfkommen lassen. Wie lieben wir Gott? Der obige Vers antwortet: indem wir seiner Stimme gehorchen und ihm anhangen. Heutzutage könnte es wohl nöthig sein, zu beweisen, daß es eine Stimme Gottes wirklich giebt, daß sie zu uns spricht, nnd daß wir sie hören können. Da nur indessen Niemandem beweisen werden, daß weiß nicht schwarz,

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