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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-04 · Heft 25 (4.7.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 25 (4.7.1890)
Date
1890-07-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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54. Jahrgang. Nr. 25. Berlin. 4. Juli 1890. eitmg des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson in Äonn. GrpeLition: Berlin, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Verlm SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Inhalt. Leitartikel: Ein Wort über den Lebenszweck. Von Pros. 5teinthal. - Sonntagsruhe und Sabbathheiligung. Von M. E. — Entweder -Oder. Von Dr. G. Deutsch. - Wissenschaft und Litteratnrr Sabbath and Sabbathlieder. Von Dr. D. Cassel. — Die Juden in Palästina. Von Alex Braun. — Feuilleton; Kol Nidre. Von Ulrich Frank. — Aus dem lagebuch eines edlen Russen. Uebersetzt von Albert Katz. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Uatow, Gleiwitz. Aus Westfalen. Darmstadt, Wien, Lemberg. Czernowitz, Rom. Üaris. Sofia. Beirut. Caifa, New-Bork. — Von Rah und Fern. — Miseetten. Ein Wort über den Lebenszweck. Von Prof. Steinthal. „Siehe, ich lege dir vor Leben und Tod, Heil und Verderben, regen und Flllch: wähle aber das Leben, auf daß du lebest, du und dein Same, indem du den Ewigen deinen Gott liebst, seiner Stimme gehorchst und ihm anhängst; denn das ist dein Leben." Das sind leltsame Sätze unseres heiligen Buches — nicht schtver, sondern sogar recht leicht zu fasten, recht klar und deutlich, aber eben allzu deutlich. Wählen zwischen Leben und Tod, Heil und Verderben, Segen und fluch — giebt es da eine Wahl? Oder könnte man sich hier verseifen? Sehen sich denn Leben und Tod so zum Verwechseln ähnlich? Trotzdem wird geboten: wähle das Leben, das Heil und len Segen! — Aber fragt nur die Geschichte und blicket ins Leben der Menschen: die rechte Wahl muß doch recht schwer sein; denn man bat so oft den Tod, das Verderben und den Fluch gewählt. Hat sch denn der Mensch so gehaßt, daß er sich selbst sein denkbar hefugster Feind ward? Das giebt zu denken, viel zu denken. Hier kann nur Weniges darüber gesagt werden. Wir unterscheiden Wollen, Wünschen und Phantasiren. Unsere Phantasie führt uns manches Reizende recht lebhaft vor die Augen; aber kein Trieb regt sich, dieses Gebilde zu verwirklichen oder es sich;u erwerben, sei es, weil wir uns damit begnügen, dasselbe zu schauen, sei es auch, daß wir die Verwirklichung nicht einmal wünschen dürfen, weil diese verboten ist. Denn die Phantasie führt uns sowohl Edles als auch Niedriges vor: die hohen Ideen und Ideale sollten freilich die treibende Kraft haben, welche uns zur That zwingt; schmutzige wilder aber diirsen wir nicht in uns beherbergen, sondern sollen sie ichnell verwischen. — Manches wünschen wir; denn der Trieb danach ist vielleicht sogar sehr rege, nur sagen wir uns, daß unsere 'kraft nicht ausreicht. Der Zufall könnte es uns in den Schooß chütten; aber den beherrschen wir eben nicht. So gewöhnen wir uns, mit bloßem Phantasiren und inüßigem Wünschen zufrieden zu sein und begnügen uns damit auch in solchen Füllen, wo es uns wirklich gegeben und auch erlaubt, ja sogar geboten ist, den Wunsch, sei es unfern eigenen, sei es den eines Anderen, zu erfüllen, wenn wir nur wollten, uns entschlössen anzugreifen, unsere Kraft zu bethätigen. Die Phantasie ergötzt sich am Schauen: ist sie philosophisch, so schafft sie Ideen; ist sie poetisch und künstlerisch, so schafft sie Ideale. Der Philosoph kann meinen, seine Ideen wären eine That; und in gewiffer Beziehung sind sie es doch auch. Der Künstler und Dichter kann meinen, seine Ideale wären Schöpfungen; und wir gestehen es ihnen ja in gewiffer Hinsicht gern zu. Wünsche aber, edle wie gemeine, wälzen sich blos im Bewußtsein urüßig hin und her, und wer sie lebhaft mit Vorliebe hegt, zehrt sich ab; seine Kräfte verstechen immer mehr und mehr in demselben Maaße, als jene lebhafter, heftiger werden. Wünsche sind allemal ein Fieber. — Thaten endlich erzeugt nur der entschlossene Wille; der schafft Wirklichkeiten — freilich auch der böse, wie der gute. Ideen und Ideale schätzen wir als Führer und Lehrer des Lebens; müßige Wünsche nach Erlaubtem wie nach Verbotenem belachen und verspotten wir; gute Thaten fordern wir, weil sie allein Leben bekunden und belebend wirken. Darum ergeht an uns das Gebot: wähle das Leben, d. h. wolle es, entschließe dich; und verharre nicht bei der Schönheit der Idee und des Ideals; und versumpfe nicht in Wünschen. Tu wünschest ohne Zweifel das Leben; die Idee zeigt dir, wie es wirklich zu erlangen ist: so wolle nun auch diesen Weg thätig und kräftig wandeln, auf daß du zum Ziele kommst, zur guten That. Woher stammen denn Wünsche? Ist es denn nicht thöricht, sein Gemüth mit dem zu füllen und zu beschäftigen, was man doch in Wirklichkeit nicht erreichen kann? Und wenn es nur immer fromme Wünsche wären! Die darf, die soll man hegen, wie man auch die idealen Phantasien pflegen soll, wenn man hoffen kann, die Möglichkeit, den Wunsch zmn Willen um,zugestalten und zur That werden zu lasten, werde schon einmal kommen. Der Wunsch, die Ideen zu verwirklichen, darf uns nie abhanden kommen und muß uns immer beseelen; denn er bildet den nothwendigen Durchgangspunkt der Idee zum Willen. Immer müssen wir z. B. wünschen, Wohlwollen und Liebe zu üben, damit, so oft die Gelegenheit dazu geboten ist, wir auch willens und bereit sind, jene zu bethätigen. Dann, wenn wir den Hilfsbediirftigen erblicken, dann muß der allgemeine Wunsch zu helfen auch zur bestimmten That führen; dann darf nicht diese und jene inhaltslose Rücksicht, Unlust sich zu regen und zu rühren, un-

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