Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 24 (27.6.1890)
- Date
- 1890-06-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 habe so viele gemeine Briefe bekommen. In amerikanischen Blättern habe sogar gestanden, das; er Leute mit Messern habe ermorden wollen. Sein Sekretär sei ihm nach Argentinien abgedampft, während er, P., sich auf einer Vergnügnngstvnr befand, welche sich etwas lang ausdehnte; jedenfalls sei der Sekretär „von gewisser Seite" angestiftet, auch mit Geld unterstützt worden. «Zwischenrufe: Juden.) So sei er nicht mehr der reiche Mann geblieben, als der er Berlin verlassen habe. Bei seiner Wiederwahl zum Stadtverordneten habe er, weil die Antisemiten kein Geld hatten, den Wahlkampf auf Pump unternehmen müssen, da habe auch der Parteigenosse Tr. Z. 5000 Mark gegeben. Sein betreffender Wechsel sei dem Besprechen des Dr. Z. zuwider öffentlich ansgeboten worden. Die Sache habe 1885 das Gericht beschäftigt, imb Dr. Z. habe damals gesagt, Herr Pickenbach ist ein Ehrenmann. Er Hütte noch mehr Wechsel ansgestellt, um Geld für die Wahl zu bekommen. Er würde aud) Alles bezahlt haben, wenn er Zeit gehabt und man nicht seinen Kredit vernichtet hätte. Damals habe er manchmal sich lieber eine Kugel durch den Kopf jagen wollen. Herr Pickenbach schildert dann, wie er selbst sagte „interessant", die Geschichte seiner Schuldhaft. Er habe einem Freunde, der ihm Geld schuldete, sein Wort gegeben, ihn nie zu nennen. Nach der Schuldhaft habe ihm der Bankier, welcher die Wechsel getauft hatte, Herausgabe der Wechsel und mehrere tausend Mark hinzu angeboten, mit der Bedingung, daß er die Mitgliederliste des D. A.-B. ansliefere. (Lärm, Bravo.) Rastlos habe er dann gearbeitet, wo er ein ziemlich blühendes Geschäft besessen. Da sei neuerdings während seiner Kandidatur zum Reichstage der Z.'sche Wechsel wieder anfgetaucht imb von dem letzten Inhaber, Bankier Loeser, dem freisinnigen Reichstagsabgeordneten Gutfleisch behufs Ausnützung der Sache im Wahlkampf übersandt worden. Gntsleisch habe ihm versprochen, daß die Sache nicht cuisqcbeutet werden solle; das Versprechen sei nicht gehalten worden. Endlich erzählt Herr Pickenbach n.och, das; ein Attentat auf sein Leben in seinem Wahlkreise geplant gewesen sei, und er wurde nicht am Leben geblieben sein, wenn, er am Wahltage in Gießen gewesen wäre. Die Versammlung hörte diese köstlichen Dinge ernst au, es erschollen auch Zwischenrufe wie: „Kanu so etwas im Staate Preußen Vorkommen?" Zuletzt kam Pickenbach noch einmal auf. die Wechsel-Angelegenheit und Professor Stengel zu sprechen, Letzterer habe einen Brief ohne Erlanbniß des rechtmäßigen Empfängers veröffentlicht; übrigens verkehre mit Stengel kein anständiger Mensch mehr. Großen Jubel erregte es bei den antisemitischen Zuhörern, als Pickenbach erzählte, daß Herr Stengel von ihm eilt „Ehrabschneider" und von Böckel ein „Schuit" genannt worden sei, ohne daß er darauf zu antworten gewagt habe. Von der angekündigten Broschüre gegen ihn meinte Pickeubach: „Sie wird wohl erscheinen, denn das Geld der Inden ist furchtbar mächtig. Aber kein ehrenhafter Antisemit wird sich dazu hergeben, gegen mich zu schreiben." Der Schlußrnf der Pickenbach'scheu Rede: „Im Interesse der Ehre Deutschlands furchtlos und treu" erregte wieder großen Jubel. Nach Pickenbach redeten die übrigen antisemitischen Abgeordneten. Ter Mann ohne Makel, der wackere Böckel — „denn Bocket ist ein ehrenwerther Mann" „das sind sie Alle, Alle ehrenwerth" — nahm gleichfalls zum Hauptziel seiner Angriffe Professor Stengel. Bemerkt sei noch, daß der Vorsitzende, Herr Witte, in einer vorbereitenden Ansprache Stöcker, Böckel und Pickenbach als drei vom Judenthnm verleumdete Männer neben einander stellte und hierbei erwähnte: „Vor ivenigen Tagen hat sich ein Richter gefunden, der endlich frei und offen feststellte: Stöcker hat im Prozeß Bäcker-Stöcker vollkommen korrekt gehandelt, er ist ans dem Prozesse rein hervorgegangen." Diesem Satze folgte ein mächtiger Beifallsjubel, im klebrigen ist er natürlich unwahr, wie alles klebrige, was die beiden Herren vorgebracht haben. * Berlin, 22. Juni. Eine Erbschaft von bedeutendem Umfange ist der hiesigen jüdischen Gemeinde zngefallen. Der praktische Arzt Dr. S i eg - mund Ephraim, welcher vor Kurzem Hierselbst verstorben, hat, nach Aussetzung einiger Legate, darunter 15,000 Akt. für die städtische Armenverwaltnng, 15,000 Alk. für Erhaltung eines Familien-Erbbegräbnisses, die jüdische Gemeinde zu Berlin zur Universalerbin seines Vermögens eingesetzt. Das Testament besagt, daß dieses Vermögen für Wohlthntigkeitszwecke verwandt iverden, jedoch interkonfessionelle Wohlthätigkeit nicht ausgeschlossen sein soll, lieber die Höhe des Nachlasses ist Zuverlässiges noch nicht bekannt. O Berlin, 24. Juni. Fortuna, bie blinde Glücksgöttin, scheint diesmal doch offene Angen bei der Wahl desjenigen Mannes gehabt zu haben, der einen der Haupttreffer in der vielbesprochenen Schloßfreiheit-Lotterie gewonnen hak. Wem wäre Glück und Gut mehr zu gönnen als dem, der einen rechten Gebrauch davon zu machen weiß; Und Herr L., der Pariser Bankier, dessen Vaterstadt Hamburg, weiß mit seinem Gelde Segen zu stiften. Mit dem gemachten Gewinn ha« er nicht etwa sein eigenes sehr großes Vermögen vergrößert, sondern ihn zu gemeinnützigen und wohlthätigen Zwecken verwendet, oder auch, um Freude unter seinen zahlreichen, sämmtlich in Deutschland lebenden Ver wandken zu schaffen; ein echter Zug des jüdischen Herzens! Er ist selbst zu diesem Zwecke von Paris hergekonnnen, hat u. A. auch die jüdische Gemeinde mit reicher Spende (10,000 Mk.) bedacht und ist abgereist, ohne einen Sou davon nach Paris mitzunehmen. 22 Königsberg, 14. Juni. Im israelitischen Waisenhanse hielte«: gestern die.Religionslehrer der Gemeinden Ostpreußens ihre vierte Versammlung statt. Schon am Abend vorher fand eine Besprechung der Mitglieder der Schulinspektion statt behufs Feststellung der Tagesordnung für die folgende Hauptversammlung und Mittheilung einiger interner Angelegenheiten der Schulinspektion. Die Hauptversammlung wurde um 10 Uhr Vormittags von dem Vorsitzenden der Schulinspeklioo Rabbiner Dr. Bamberger eröffnet. Anwesend waren 9 Mitglieder 'btx Schnlinspektion und 20 Lehrer. Als Vertreter des Ausschusses des «Synagogenverbandes Ostpreußens waren Stdtr. Elösser-Insterburg und Simonsohn - Königsberg erschienen. Die Synagogengemeindc Königsberg hatte vom Vorstande ihren ersten Vorsitzenden Prof. Dr, Samuel und S. Magnus entsendet. Vor Eintritt in die Tages ordnung sprach Prediger Tonn-Allenstein ein Gebet. Darauf folgte die Bildung des Büreaus: Rabbiner Dr. Bamberg er, Vorsitzender: Prediger Weinberg - Insterburg, stellvertretender Vorsitzender; Dr. Wolfber g-Königsberg und Peritz-Königsberg, Schriftführer bezw. Stellvertreter desselben; Prediger S che rbel-Gumbinnen und Freyer-Margrabowa, Beisitzende. — Nach dem Bericht des Vorsitzenden über die Aufgabe und die gewonnenen Erfolge der Schnlinspektion gab Lehrer S Inrmann-Osterode den Bericht der Kommission für Umarbeitung des bisherigen Normal-Schul- und -Unterrichtsplanes, lieber Methode, Umfang und Lehrbuch des nachbiblischen Geschichtsunterrichts in der Religionsschule referirte De: Wolfberg-Königsberg. Sekretär Klein gab den Bericht über den Stand der seit 1884 bestehenden Hilfskasse. In der Nachmittagssitzung leitete der Vorsitzende das Referat über die Frage: Ist die Anstellung eines Lehrers für zwei Nachbar gemeinden in unserer Provinz durchführbar und erstrebenswerth? mit einem kurzen Hinweis auf die Bedeutung und Entstehung der bez. Frage ein. Nach längerer Debatte, in welcher Sekretär Klei n - Königsberg, entgegen dem Hauptredner Rabbiner Weinberg-Insterburg, nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Vvrtheilhaftigkeit der Anstellung eines Lehrers für mehrere Gemeinden an Beispielen nachwies, wird eine Resolution angenommen, dahin gehend, daß für jede einzelne Gemeinde ein besonderer Kultusbeamter nothweudig fei, daß aber jede größere und leistungsfähigere Gemeinde verpflichtet sei, sich zur Ertheilung des Religionsunterrichtes einen pädagogisch gebildeten Lehrer zu halten, der dann auch in den kleineren Nachbargemeinden den Schülern Unterricht zu ertheilen habe, lieber die Vorbereitung des Lehrers auf den Unterricht in der biblischen Geschichte referirte der Leiter des israelitischen Waisenhauses, Peritz - Königsberg. Zum Schluffe dankte der Vorsitzende den anwesenden Herren für ihr zahlreiches Erscheinen, im Weiteren dem Vorstande des Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens, dem deutsch-israelitischen Gemeindebunde, dem Vorstande der Gemeinde Königsberg, den Mitgliedern der Schnlinspektion und den freundlichen Wirthen vom Waisenhause für ihre Mitwirkung zum glücklichen Verlauf der Konferenz. Um Uhr fand zu Ehren des Tages ein Festgottesdieust unter Leitung des Kantors der hiesigen Gemeinde Herrn E. Birnbaum in der Synagoge stakt. Darnach waren die Konferenzmitglieder noch bis in die späte Nacht im Waisenhause zur heiteren Abendtafel beisammen. Ernste und launige Toaste würzten die Stunden, und so fehlte nach des Tages Arbeit auch die erheiternde Muße nicht. * Marburg, 20. Juni. Die „Frkf. Ztg." veröffentlicht folgende Erklärung des Professor Dr. Edmund Stengel: Am 6. April habe ich einen Brief des jetzigen Abgeordneten, damaligen Kandidaten zum Reichstag, Herrn Pickenbach veröffentlicht. Es galt mir darum, den Zweifel zu begründen, ob der Schreiber dieses Briefes, der im Kreise Gießen als Vorkämpfer gegen den Mucker empfohlen wurde, sich für diese Aufgabe eigne. Hierauf ist vom Staatsanwalt in Berlin ein Ermittelungsverfahren gegen Herrn Pickenbach wegen Wuchers eingeleitet worden; kürzlich ist aber das Verfahren, weil der Verdacht strafbaren