Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-27 · Heft 24 (27.6.1890) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 24 (27.6.1890)
Date
1890-06-27
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227850--47161-3268666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

54. Jahrgang. Ar. 24. GerUn, 27. Lmn 1890. Der Gemeindebote. Weilcrge zur „Attgemeinen Zeitung des IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, SO. Jillli. Was wollen eigentlich d i e Konservativen? Diese Frage hörte man in Berlin in letztem Winter oft anfwerfen. Es dürfte vielleicht an der Zeit sein, sie au beleuchten. Bor der letzten Repräsentanten-Wahl nnlrde eine große Agitation in Berlin ills Werk gesetzt, Versammlungen wurden abgehalten, Programme aufgestellt, lange Reden gehalten, und was war das Resultat? Die Repräsentanten-Versammlung wurde um einige bewährte Mitglieder ärmer, und um einige neue Mitglieder reicher, welche noch nicht bei einem jüdischen Gemeindeinstitut thätig waren. Nach wenigen Sitzungen mußten sich die neuen Mitglieder überzeugen, daß die sogenannten liberalen Gemeinde-Vorsteher und Repräsentanten Alles thun, um den Wünschen der Minorität gerecht zu werden, während diese vielleicht zehn Prozent der jüdischen Bevölkerung Berlins betragende Minorität verlangt, daß die neunzig Prozent betragende Majorität sich nach ihr richten solle. Da ist zuerst im Programm die Forderung nach neuen Synagogen aufgestellt. Die eine und eine halbe Million betragende protestantische utib katholische Bevölkerung Berlins hat im Ganzen «‘>8 Kirchen und kleinere Bethäuser, während die ca. 60000 Inden drei Haupt-Synagogen und zahlreiche kleine Synagogen haben, welche von der Hauptgemeinde reichlich s u b v e n t i o n i r t werden. Liegt denn wirklich ein B e d ü r f n i ß für neue Synagogen vor? Am Roschhoschono und Jom Kippur ist allerdings der Begehr nach Synagogenplätzen ein sehr bedeutender, unb die Hauptgemeinde hat diesem Bedürfniß Rechnung getragen, indem sie in großen anständigen Lokalen einen Festgottesdienst (im Jahre 1889 bereits in vier Lokalen) eingerichtet hat. An Sonnabenden und kleineren Feiertagen sind die Synagogen nur schwach besucht, mit Ausnahme derjenigen Tage, an denen die Todtenfeier stattfindet, und auch hier haben die Gemeindebehörden durch Einrichtung eines zweimaligen Gottesdienstes an diesen Tagen dem Bedürfniß Rechnung getragen. Jedes Gemeindemitglied, das es interessirt, kann and) am Freitag in den Zeitungen lesen, daß am Sonnabend Nachmittag ein In g e n d g o t t e s d i e n st in der neuen und die Predigt eines Rabbinatskandidaten in der alten Synagoge stattfindet. Was nun die praktische Seite anbetrifft, so kostet der Synagogenbau in der Lindenstraße ungefähr eine und eine halbe Million Mark, legt der Gemeinde eine jährliche Zinsenlast von M. 60000 auf, während der Gottesdienst mindestens ebenso viel jährlich erfordert. Eine neue! Synagoge belastet das Gemeindebudget um circa M. 120 000 jährlich, und tritt nun aus diesem Grunde die Einschätzungs-Kommission an die Steuerzahler mit einer Erhöhung der Gemeindeabgaben heran, so antworten dieselben gewöhnlich mit unzähligen Reklamationen. Der ersten R e l i g r o n s s ch u l e im Centrum ist jetzt die zweite im Südwesten gefolgt und werden sich Religionsschulen in anderen Stadttheilen anschließen, sobald sich dafür das Bedürfniß herausstellt, was noch nicht vorhanden zu sein scheint, da auch die ersten beiden Religionsschulen nur schwach besucht werden. Die Existenzberechtigung der jüdischen K n a b e n - und M ädchenschule, zu welcher die Gemeinde jährlich ca. M. 100000 znschießt, ist selbst von Konservativen bestritten worden, da ja so viel städtische und staatliche Schulen jeder Art bestehen. Trotzdem hebt sie die Gemeinde Glicht auf, um auch denjenigen eine Lehrstätte zu bieten, welche an Sonnabenden und Festtagen nicht schreiben, eine Stätte, wo der jüdische Religionsunterricht obligatorisch und weil die Knabenschule das Hauptmaterial für die Synagogenchöre bietet. Muß man die Konservativen daran erinnern, daß im Reichenheimschen! Waisenhause, im Krankenhause, im Siechenhause und in der Alter- Versorgungs-Anstalt strengrituelle Kost eingeführt ist und sich sogar in den letzten beiden Haussynagogen befinden? Muß man sie daran erinnern, daß von der Gemeinde die Mikwah erhalten wird, daß su Ostern für M. 6000 Mazzot an arme Leute vertheilt werden unb daß Soldaten, Gefangene und Durchreisende an den Festtagen rituell gespeist werden? Alle Institute die unter den Gemeindebehörden stehen, werden mustergiltig geführt; auch bei den Beerdigungen unb aus den Friedhöfen herrscht eine so musterhafte Ordnung, daß sie selbst von Andersgläubigen anerkannt wird. Die Frage ist also vollkommen berechtigt: „Was wollen eigentlich die Konservativen?" I). IT. x. Berlin, 20. Juni. Am 16. d. M. fand die feierliche Einführung des Herrn Oberlehrers Dr. Adler ans Schneidemühl in fein Amt als Dirigent der Mädchenschule der jüdischen Gemeinde statt. Im blumengeschmückten Klassenraum — in Ermangelung einer Aula — hatten sich um 10 Uhr Mitglieder des Gemeindeunb Schulvorstandes, des Repräsentanten-Kollegiums, die Ehrendamen und andere Gäste eingefnndeu. Nachdem Herr Dr. Adler in den Festraum geleitet und von den dort versammelten Kindern mit einem Liede begrüßt worden war, betrat der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Justizrath Meyer, das Podium, um in einer längeren Ansprache den Hoffnungen Wünschen und Erwartungen Ausdruck zu geben, welche die Gemeindebehörden an den Eintritt einer neuen, frischen, jugendlichen Kraft, wie sie sich in Herrn Dr. Adler darstelle, knüpften. Nach einem kurzen Rückblick auf die mehr als 50jährige Vergangenheit der Schule betonte der Redner besonders, daß derselben als konfessionellen Schule vorzüglich die Aufgabe zufalle, Frieden und Versöhnung in die Gemüther zu pflanzen unb die Kinder auch Achtung gegen Andersdenkende zu lehren. Nachdem er den Handschlag des neuen Dirigenten empfangen, entwickelte dieser in großen Zügen das Programm, nach welchem er diese Mittelschule zu leiten beabsichtige Es sei die Aufgabe der Mädchenerziehung, das Fühlen, in welchem sich vor Allem das Seelenleben des Weibes bekunde, mit dem Denken und Wollen harmonisch zu vereinigen. Wie große Sorgfalt jedem Unterrichtsgegenstande zugewendet werde müsse, so sei doch vor Allem echte Religiosität und wahre Frömmigkeit in der Schule zu pflegen. Als der Redner geendet, brachte Herr Dr. Apolant ihm den Gruß des Lehrer-Kollegiums dar. Wie einst Mosel) seinem jüngeren Nachfolger, rufe er and) ihm zu: Sei nur fest und stark, und es wird gelingen. Mit einem Schlußgesang der Kinder endete die erhebende Feier. § Berlin, 23. Juni. Aus Halle geht uns die erfreuliche Mittheilung zu, daß die Wahl des Professors Dr. Iulius Bernstein zum Rektor der Universität die königliche Bestätigung gefunden hat. Damit erledigen sich die zahlreichen Gerüchte und Mnthmaßungen, welche über die angebliche Nichtbestätigung Bernsteins in Umlauf waren. Bernstein ist uid)t der erste Jude, welcher das Amt eines Redor magnifieus an einer preußischen Universität bekleidet; vielmehr ist schon vor! einigen Jahren Professor Dr. Behrend in Greifswald (jetzt Reichsgerichtsrath in Leipzig) zu dieser Würde erhoben worden. Danach hat die Wahl Bernsteins und ihre Bestätigung insofern eine prinzipielle Bedeutung, als die Universität Halle-Wittenberg den ausgesprochenen Charakter einer evangelischen Universität trägt. Noch bis vor einiger Zeit galt die Bestimmung, daß nur evangelisch-lutherische Gelehrte zur Bekleidung einer Professur in Halle berechtigt wären. Nachdem, wie Bernsteins Ernennung zum ordentlichen Professor und Direktor des physiologischen Instituts der Universität bewiesen, mit diesem Prinzip gebrochen worden, bttrfte die Beförderung zur höchsten akademischen Ehrenstelle, dess' waren wir von vornherein gewiß, der allerhöchsten Bestätignng sicher sein. * Berlin, 23. Juni. Die schon vor einiger Zeit in Aussicht gestellte Volksversammlung, in welcher Herr Pickend ach „frei und offen über seine Person reden" wollte, hat am 18. d. M. stattgefunden. Als Redner waren sämmtliche vier Mitglieder der „antisemitischem Reichstagsfraktiou" angekündigt. Pickenbach, welcher mit stürmischen Beifall empfangen! wurde, führte aus: Er habe alle die Fehler, welche deutsche Männer hätten. Antisemit sei er durch die zu ihm von einem Banguier gemachte Aeußerung geworden: „Der edle Trakehner (Jude) wird sich nie mit dem Ackergaul (Germane, vermengen". (Rufe: Namen nennen!) Weber hieß er. Sein, Pickenbach's Geschäft in der Friedrichstraße sei planmäßig ruinirt worden; er könne nur annehmen, daß die Inden ihn auf eine schwarze Liste gesetzt lind durch Angestellte, die an den Bahnhöfen Allkommenden vor ihm gewarnt hätten!! Er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.