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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-27 · Heft 24 (27.6.1890) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 24 (27.6.1890)
Date
1890-06-27
Page
Seite 332 (sequence 12)
Language
German
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332 Bald waren sie auch von Gott Morpheus mit allen Sorgen liebevoll in den Arm genommen, nur Mutter Jettchen wachte. - Bor ihrem geistigen Auge standen ihr kummervolles, ältestes Kind und die frische Emma, die das Leben so ganz anders auffaßte; und bald war es der Berliner Möbelhändler, der sie umarmte und Mutter nannte, bald sah sic den fein gebildeten Referendar, der ihr immer so gefallen, bittend vor sich stehen, daztvischen spielte das Menu des morgenden Tages eine wichtige Rolle und die Frage, ob nach dem Zander in Parmesan noch Gemüse kommen müsse, und was wohl Müller'» nebenan sagen würden, wenn erst die Jüngste, und wenn vielleicht später — doch das hatte noch Zeit, und dann fiel ihr die eigene Brautzeit wieder ein und sie hörte die Berse ans Heines „Brich der Lieder" Seite neun. Endlich schlief sie aber doch ein, nachdem sie die Entwirrung der vcrhüngnißvvllen Angelegenheit dem lieben Gott noch recht ans Herz gelegt. Diesmal war Philipp Meyer der liebe Gott. Früh am andern Tage war er im Hotel bei dem jungen Möbelhändler und hatte mit diesem eine kurze, ernste Unterredung. Mit empor gehobcncm Haupte verlies; er dcir jungen Mann, der sich sehr taktvoll benommen rind Herrn Meyer bis auf die Straße! brachte. Diesmal war er auch ohne Frau Lehmann fertig geworden. Um zehn Uhr kam ein prachtvolles Bouquet für Fräulein Emma Meyer, um elf Uhr küßte der galante Geber der jungen Dame die Hand, um halb zwölf küßte er ihren Mund, natürlich mit ihrer Einwilligung. Eine große Rührfzcne folgte, das Brautpaar weinte, die Eltern weinten, Hans tvar empört, daß man ihn nicht ins Gcheimuiß gezogen hatte. Hclcnchen ging stillbeseligt herum; bei der Gratulation hatte sie die Schwester nicht aus den Armen gelassen, auch dein Bräutigam hatte sie resolut ihr Mündchen geboten. Dem Referendar durfte sic schreiben, er solle nur fleißig auf den Assessor arbeiten, aber bis dahin wünsche der Bater keine Korrespondenz. Mittags konnte Niemand vor Erregung etivas essen, dem Bräutigam schmeckte jedoch der Rothwein des Schwiegerpapas vortrefflich, er stieß mehrmals mit Jedem an und sagte immer dabei: „Pröstchen". Das klang sehr gcmüthlich. Nachmittags kamen die Berwandten und Freundinnen und fragten, wie lange sic sich denn kennen. Darüber besann sich das Brautpaar eine Weile, dann aber log der glückliche Bräutigam ganz unverschämt, das; er seinen „süßen Schatz" schon lange im Herzen trage. Die Bekannten erfuhren das frohe Ereignis; auf dreierlei Art. Erst lies; man cs ihnen ansageu, dann stand cs in der Zeitung und schließlich schickte man Karten. Das gehörte sich so, und Albert Behrcnd schickte noch besondere Karten, in denen er anzeigtc, das; er sich mit Fräulein Emma Meyer, Tochter des Stadtverordneten und Bangniers Herrn Philipp Meyer und seiner Frau Gemahlin Henriette geborenen Musach, verlobt habe. Frau Henriette geborene Musach, tonnte sich nicht satt sehen an diesen Karten, eine davon legte sic in ihr Gebetbuch. Das Rothbranuscidcnc wurde übrigens für Emmchen umgcarbeitet. Helene verzichtete sehr gern darauf. Die Präliminarien haben zum guten Ende geführt. Bier Monate später wurde die Hochzeit gefeiert. Es war Alles sehr schön. Diesmal war die Kochfrau für acht Tage bestellt, Körbe voll Kuchen wurden gebacken, selbst der Oberlehrer bekam sein Theil geschickt. Er wurde auch zur Hochzeit eingeladen, es klang so gut, wenn man den hergercisten Gästen vorstellen konnte: „unser Freund, der Herr Oberlehrer". Emmchen hatte natürlich weißen Atlas an, sie war eine hübsche, fröhliche Braut, die viel Sodawasser trank, da sie sehr echausfirt war. Der Bräutigam stieß wohl mit jedem der Gäste im, wobei er jedes Rial sein beliebtes „Pröstchen" sagte. Seine Mutter war auch zur Hochzeit gekommen, eine alte Dame im changeant seidenen Kleide, einem weißen CröPe-de-chinc-Tnch und einer Haube mit weißen Bändern. Der Hochzeitsvater war ihr Kavalier und erzählte ihr bei Tisch viel von den Stadtverordneten-Sitzungen. Sie lächelte krampfhaft dazu und nickte nur immer mit dem Kopfe. Auch eine verheirathete Schwester des Bräutigams war erschienen, die während des ganzen Festes tief beleidigt aussah, aber eine Unmenge Lachs verzehrte, so daß sic unwohl wurde und für längere Zeit verschwand. Biele Depeschen kamen, eine darunter wurde mit Enthusiasmus ausgenommen, sic war unterschrieben: „Assessor Gustav Neumann". Hclcnchen strahlte vor Seligkeit, das war einmal eine Ueberraschung, und nun gerade am Hochzeitstage. Bei der Tafel brachte, wie üblich, der Seelsorger den ersten Toast auf das junge Paar aus und verglich sie in demselben mil Jakob und Rahcl. „Es paßt zivar nicht ganz," sagte Meyer zu seiner Frau, „aber was schadt's." Mit seinem beabsichtigten Toast blieb er stecken, er konnte vor Bewegung nicht reden. Im Nebenzimmer waren wunderschöne Geschenke ausgestellt, viele praktische Sachen: drei Bowlen, vier Bicrservice und etwa sieben Etuis mit Alfenide-Kompotgabeln. Der Bräutigam war entzückt, namentlich von den Geschenken seiner Familie. Am andern Morgen fuhren die Neuvermählten ab. Am Bahnhof war viel Geleit, viel Weinen, viel Tücherwehen, die alte Cousine schwenkte schon immer mit dem Tuche, als der Zug noch hielt. „Ach Philipp," seufzte Frau Jettchen beim Nachhausegehen, „wie mir zu Muthe ist, ich fühl' mich so beschwert." „Jettchen," versetzte der Gatte bedeutungsvoll, „ich kann Dir sagen, ich fühl' mich sehr — erleichtert; aber was soll man thun, das lickt doch in der Natur der Sache. Jedenfalls wird Helencheu gefälligst noch ein Jahr warten können, erstens sind sie Beide noch jung, und zweitens muß man sich doch auch erholen." „Mir schon recht," sagte Frau Jettchen innig, „behalte ich doch lvenigstens die Eine noch ein Jahr! Es wäre ja auch sonst zu einsam." „Jettchen, mir füllt eben noch ganz ivas anderes ein. So Gott will, in anderthalb Jahren haben wir silberne Hochzeit, da kann sich Leuchen präsentircn, vielleicht als Frau Amtsrichter oder so was Aehnliches, und Emmchen, nun —" hier schmunzelte er ganz gewaltig — „die kann vielleicht dann schon . ..." „Aber Philipp, ich bitte Dich —" „Na, liebes Jettchen, was wäre dabei Besonderes, das liest doch in der Natur der Sache." Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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