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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-27 · Heft 24 (27.6.1890) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 24 (27.6.1890)
Date
1890-06-27
Page
Seite 330 (sequence 10)
Language
German
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330 billige befallt einen Schreck, überschlug in Gedanken die Erlebnisse der letzten Arbeiten und blieb bei einem abermals verunglückten Aufsatz stehen, dessen Thema gelautet: „Ueber die heiligsten Rechte der Menschen". Häuschen, der Kaufmannssohn, hatte mich das Wechselrecht eine Rolle darin spielen lassen; bei den empfangenen Borwürfen war er grob geworden, nun kam gewiß der Oberlehrer deswegen zum Bater. Da klopfte der Gefürchtete schon an. „Herein!" Meyer senior machte ein möglichst erstauntes Gesicht. „Ich wollte mir erlauben, hochverehrtester Herr Meyer, — Ihnen heute meinen Glückwunsch zu dem schönen wichtigen Tage, der vor fünfundzwanzig Jahren unserer lieben Stadt.. .Hier stockte er und drehte den Evlinder verlegen in den Händen. „Schnell Iettchen, Kuchen, Wein," half der freudig Ueberraschte dem Steckengebliel eiten. „O, wie tonnt' ich ahnen, daß Sie, —- nein, wie Sie ntich überrascht haben; Sie sehen mich beglückt, ich danke Ihnen tausendmal.... bitte, bitte, nehmen Sie hier Platz, — schnell Kinder, schnell, Hans, nimm Herrn Oberlehrers Hut." Iettchen holte den Kuchen, Emmchen die Bowle, Hans hatte sich verzogen, die Damen des Hauses arrangirten draußen Alles auf's Zierlichste, Emmchen steckte sich noch schnell eine dunkelrothe Schleife ins schwarze Haar. Den Moment des Alleinseins benutzte der Oberlehrer, um in treuherzigem Tone zu dem glücklichen Jubilar zu sagen: „Wissen Sie, mein hochverehrter Gönner, mich führt eigentlich heute noch eine Privatangelegenheit her, ich kenne Ihre Güte, Ihr prächtiges Herz, und grade am heutigen Tage werden Sie gewiß geneigt sein, mir eine Bitte zu erfüllen. . . ." er stockte. „Ich, Ihnen eine Bitte? Bitte, worin besteht Ihre Bitte?" fragte der ahnungsvolle Jubilar. Der Oberlehrer zog die Finger des Glacehandschuhs immer länger und länger. „Bitte, leihen Sie mir gütigst auf ein Jahr dreihundert Mark," platzte er dann heraus. Meyers Gesicht wurde auch länger mtd länger. In dem Augenblick traten Frau Iettchen und Emmchen mit Wein, Gläsern und Torte ein, Meyer faßte sich, wohlwollend goß er die Gläser voll und das seine mit Eleganz gegen den Oberlehrer hinschwenkend, sagte er gönnerhaft: „Auf die Erfüllung Ihrer Wünsche." Auch die Tarnen stießen an und ließen den Jubilar leben. „Ob noch Jemand von der Bedeutung des heutigen Tages etwas wissen mag?" fragte Meyer so nebenher, als der Oberlehrer Abschied nahm. „Ich habe es wenigstens Keinem gesagt, ich wußte nicht, ob's Ihnen recht wäre," versicherte der Oberlehrer, „aber am Ende machen's mir doch welche nach." „Das wären theure Gratulanten," brummte der Jubilar in den Bart. Uni) Mittag ward's und Nachmittag und Abend, und still blieb es bei Meyers, keine Freunde, keine Deputationen, keine Adressen und keine Spenden. Hans hatte das Beste vom Tage, er durfte sich gütlich thun an beit diversen Kuchen; so schön auch besonders der Butterkuchen war — es hatte doch Niemand sonst rechten Appetit dazu. Am Nachmittag steckte der Schwager, der das Seidel geschenkt hatte, seinen Kopf durch die Thür und fragte, ob viel Besuch dagewesen sei. „Na, es ging," war die Antwort. j Gegen Abend ging der Jubilar erregt aus, nachdem er lange j in seinem Komtoir gesessen hatte, nach einer Stunde kam er noch j viel aufgeregter nach Hause. j „Nun Hab' ich mir mein Jubiläum gefeiert auf meine Art," sagte er glänzenden Auges zu Frau und Kindern, „da seht her die Quittungen, hundert Mark habe ich dem Waisenhaus geschenkte! hundert Mark dem alten Stift und hundert Mark den Stadtarmen ohne Unterschied der Konfession, es sollen wenigstens ein paar Menschen heute glücklich sein auf meine Kosten." „Du Goldmamt," sagte Frau Iettchen, nahm den schon ergrauten Kopf ihres Gatten in ihre fleischigen Hände und küßte ihn gerührt, auch die Kittder küßten dem Bater die Hand. Im dieser Nacht schlief der Stadtverordnete Meyer vortrefflich. Am andern Bormittag war feierliche Stimmung bei Meyers. Der junge Mann aus Berlin machte Visite. Das Familienoberhaupt war „zufällig" nicht im Komtoir und sprach erst eine Weile allein mit dem ganz gewandten jungen Mann, der, feingekleidet, vor ihm fas; ttnb mit den perlgrauen Handschuhen den Chapeau claque, der nur wenig Beulen aufzuweisen hatte, eifrig bearbeitete. Jetzt zeigte sich's eklatant, daß Philipp Meyer eigentlich zum Diplomaten geboren war. Vom Wetter kam er auf die Ernte, von der Ernte auf die Wälder, von den Wäldern auf's Holz, dann auf die Fabrikation, ans die Möbel, ziemlich schnell war er bei Albert Behreuds Möbelgeschäft angelangt. „Na, und was setzen Sie so ungefähr um, junger Mann?" warf er wie beiläufig hin. „Es fehlt nicht viel zu Hunderttausend Mark," log der Berliner der die Beule gern atts dem Chapeau claque herausfrottiren wollte, „und wenn sich mein Kapital vergrößert, so hoffe ich, es bald auf's Doppelte zu bringen, uttb eine fleißige junge Frau." er stockte. „Und ob sie fleißig ist," murmelte Meyer, „doch entschuldigen Sie, ich muß doch mal sehen, wo meine Damen bleibett, die wissen am Ende gar tticht Ta öffnete sich gerade die Thür und Frau Stadtverordnete Meyer rauschte herein im guten Sonntagskleide, noch etwas erhitzt von dem Nudelabkochen. Helenchen' sah noch blasser ans als an den vergangenen Tagen, um die Augen lagert tiefe Ränder. Emmchen durfte zu ihrem Leidwesen ttoch nicht erscheinen, sie hatte aber mehrfach durch die Thür gesehen uttb fand den Berliner sehr nett und hübsch, — so fein angezogen und so chic, sagte sie draußen. Drinnen kam die Unterhaltung bald in Gang, wenn midi Helenchen sich schweigsam verhielt. Der junge Mann gerieth in Feuer, als er vom Berliner Leben uttb Treiben sprach. „Alles Andere ist ja Kaff," meinte er wegwerfend, „die schönen Läden tutb Straßen und die vielen Bierhänser nnb die Lindert und der Thiergarten und die Monumente." „Goethe's Denkmal soll ja so herrlich sein," warf Helenchen schüchtert! ein. „Großartig, gnädiges Fränlein, wirklich großartig." „Wer ist der Erbauer?" fragte Frau Iettchen. „Du meinst den Bildhauer, es ist ja von Marmor," belehrte der Bater. Dem jungen Manu schwebte der Name auf der Zunge, aber er kaut gerade nicht darauf. „Auch Graefe's Denkmal soll so sinnig und schön sein," erzählte Helenchen, „ein junger Mann," sie erröthete tief, „erzählte mir davon." „Das habe ick) noch tticht gesehen, mein Fräulein," sagte aufrichtig der Berliner; „wissen Sie, in diese entlegene Gegend kommt unsereins nicht; am Tage hat man keine Zeit und Abends, na, da geht man in die Kneipe, trinkt sein Bier, spielt seinen Skat. —

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