Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 24 (27.6.1890)
- Date
- 1890-06-27
- Page
- Seite 328 (sequence 8)
- Language
- German
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328 Nach der Abreise Vcspasians nahm Titus den Krieg gegen die Inden wieder eifrig auf. eroberte und zerstörte Jerusalem. Während der Belagerung schoß er selbst mit Pfeilen nach den Belagerten und verfehlte selten sein Ziel. Eutropius, der uns diese Heldcnthat des Titus erzählt, spricht bei dieser Gelegenheit auch von der außerordentlichen Güte tmi) Milde des Fcldhcrrn; ein dem Titus der Zeit nach aber viel näher stehender römischer Historiker. Suetonius, weis; von der sittenlosen Lebensweise des Titus, von seiner Grausamkeit. Habgier und Bestechlichkeit zu erzählen. Nach der Zerstörung Jerusalems feierten Vespasian und Titus ihre» Triumph in üblicher Weise. De» gefangenen Anführer der Inden, Simon, den Sohn des GioraS, ließen sie an einem Strick durch die Straßen Roms schleifen, mit Ruthen peitschen und dann tödtcn. Als sein Tod gemeldet wurde, erhob das römische Volk ein Jnbclgeschrei und begann den Göttern zu opfern. Bercnike war mit Titus nach Rom gekommen. Welche Gefühle müssen ihre Brust während ihres Triumphznges bewegt haben? Die Hoffnungen auf eine Wiederherstellung des hcrodianischen Reiches unter Agrippa IJ. lagen unter den Trümmern Jerusalems begraben. In der fast unzugänglichen Bergfestung Masnda hielten die letzten Patrioten noch ans und kämpften noch drei Jahre hindurch für ihre Religion und Freiheit, bis sie der römischen Ucbermacht erlagen. Keiner von ihnen fiel lebend in die Hände der Feinde. Was in Judäa von waffenfähigen Inden gewesen, war dem Schwerte, dem Hunger, der Pest erlegen oder in die Sklaverei geschleppt worden. Ein König der Juden hätte kein Volt zuin Beherrschen gesunde». Auch Titus hatte seine phantastischen Pläne eines selbständigen Orientreiches anfgegcben. Wozu sollte er sich in gefährliche Unternehmungen wegen des halben Reiches einlassen, da er nur einige Jahre zu warten brauchte, um als Erbe seines Paters Orient und Occideut zu beherrschen. Auf diese Zeit der Selbstherrschaft scheint er auch Berenikc, derer die Ehe versprochen hatte, vertröstet zu haben. Inzwischen lebte sic in Rom im Kaiserpalaste, wie die Gemahlin des Titus angesehen und mancherlei Auszeichnungen genießend. In ihrem eigenen Prozesse wurde sie selbst als Richterin eingesetzt, und der Rhetor Ouintilian mußte trotz seines Judenhasses vor ihrem Richterstuhle plaidircn. Die allezeit zum Schmeicheln bereiten Athener stellten ihre Büste auf mit einer Inschrift, in der sie „die große Königin Julia Berenikc, die Tochter des Königs Julius Agrippa, die Enkelin großer Könige und Wohlthätcr der Stadt" genannt wird. Auch die Liebe des Titus scheint nicht abgenommcn zu haben, wird doch berichtet, daß er so eifersüchtig war, daß er den Konsular Eaeeina tobten ließ, weil er ihn wegen eines Verhältnisses mit Berenikc im Verdacht hatte. Als Vespasian starb, durfte Berenikc erwarten, öffentlich als Kaiserin und rechtmäßige Gattii; des Titus anerkannt zu werden, aber kaum war er zur Regierung gelangt, als er sie schon fortschickte. Was hatte den Anlaß zu dieser unerwarteten Ungnade gegeben? War cs wirklich der Widerwillen des römischen Volkes gegen die Ausländerin , das Geschrei der Philosophen, wodurch Titus gezwungen wurde, sich von der geliebten Frau zu trennen? Sahen die Römerwirklich in der Ausweisung der Berenikc den Beginn einer sittlichen Lebensführung des Kaisers, wie Sextus AurelinS Victor andeutct? Derselbe Tiv Cassius. welcher uns von den aufreizenden Reden der Cyniker gegen Titus, die übrigens schon unter Vespasian auftauchten, erzählt, berichtet auch, daß Titus den Einen von ihnen geißeln und dem Anderen den Kopf abschlagcn ließ. Es ist also nicht wahrscheinlich, daß er sich von ihren Deklamationen beeinflussen ließ, und wir müssen nach einer anderen Ursache von Berenike's Verstoßung suchen. Wir glauben nun, daß dieses herzlose Benehmen des Titus theils durch die Jntrignen seines Bruders Domitian, theilS durch seine Furcht vor der jüdischen Propaganda veranlaßt wurde. Berenikc war in ihrer Weise froinm und wird vermuthlich mii zunehmendem Alter immer frommer geworden sein. Unter ihrer von Palästina mitgebrachteir Dienerschaft befand sich manch eifriger Jude. Die zahlreiche Judenschaft Roms, die durch die vielen nach der Niederwerfung des Aufstandes dahin gebrachten Gefangenen noch vermehrt wurde, suchte oft Hilfe und Unterstützung bei der reichen und angesehenen jüdischen Königin ini Kaiserpalaste und stand in regem Verkehr mit den „Heiligen von des Kaisers Hause", wie sie der Apostel Paulus nannte. In dem früheren Wohnhause Vcspasians, in dem Häuschen „zum puuischcn Apfel", wo Domitian geboren wurde, in jener Gegend Roms, wo später die Thermen des Dioclctian erbaut wurden und wo sich jetzt der Bahnhof befindet, lebte als römischer Bürger der römischjüdische Geschichtsschreiber Joscphus Flavins, beneidet und gehaßt von den Satirikern und zudringlich unverschämten Schmarotzern, wie Martial und seinesgleichen, deren Werke dem Titus vielleicht minder gefielen, als die ihn verherrlichende Geschichte des Joscphus vom jüdischen Kriege. So hatte sich in und am Kaiserpalaste ein Kern jüdischer oder judenchristlichcr Propaganda gebildet, der die an ihrer Staatsreligion festhaltenden orthodoxen Römer beunruhigte und die um die kaiserliche Gunst buhlenden Höflinge und Hofschmarotzer eifersüchtig machte. Dazu kamen noch die beständigen Jntrignen Domitians. Die zwei früheren Frauen des Titus hatten ihm keinen männliche» Erben geschenkt, und es lag seinem Bruder daher viel daran, eine dritte rechtinäßige Ehe des Kaisers zu verhindern, aus der ein Sohn geboren werden konnte, der Domitian seiner Aussichten auf den Thron beraubt hätte. Ward die Ehe mit Berenikc verhindert, so war zu erwarten, daß Titus, so lange sie lebte, sich nicht zu einer Verbindung mit einer römischeil Bürgerin entschließen würde. Deshalb griff Domitian auch nicht zu den Hilfsmitteln des römischen Kaiserhvfs, den Giften und Dolchen. Titus hätte vielleicht die todte Berenikc vergessen und eine Airdere geheirathet. Domitian erreichte besser seinen Zweck, indem er bas ganze judeufeindlichc Römcrthiim gegen dic Jüdin und Ausländerin hetzte. Vielleicht ging auch von ihm das Gerücht von einem sträflichen Verkehre Berenike's mit Eaeeina auS, vielleicht wlirde in seiner Umgebung die Anekdote von dein Diamantringe erfunden. Die Verleumder im Hause, die klnzufriedenheit der Großen und des Volkes besiegten endlich die Liebe des Titus lind ließen ihn die Dankbarkeit, die er Bercnike schuldete, vergesseil. Er verbannte Berenikc aus Rom, hat aber nach ihr keine Frau mehr geliebt. Wohin Berenikc von Rom ging, wissen wir nicht, doch halten mir jedenfalls die Angabe des Tio Cassius, daß sie noch einmal nach Rom zllrückgckehrt sei, für sehr unwahrscheinlich. Auch über ihr Endc sind wir ganz im Dunkeln, aber wir können mit ziemlicher Sicherheii annehmen, daß sic ihre Verbannung ilicht lange überlebte und unter der Regierung Domitians starb. Joscphus spricht in feiner gegen Ende des Jahrhunderts geschriebenen Autobiographie von allen Verwandten Agrippas als bereits Verstorbenen. So endete Bercnike einsam und vergessen, uild wir können uns denken, daß sie vor ihrem Tode noch einmal Jerusalem besuchte und auf den Ruinen des Tempels ihr eigenes und ihres Volkes Schicksal beweinte. Enthusiastische fromme Juden hatten von einer idealen Weltherrschaft der jüdischen Religion, von einem himmlischen Jerusalem geträumt und konnten nicht einmal ihr eigenes Vaterland vor der Vernichtung durch Römerhand retten. Kühne, das Leben verachtende Patrioten opferten sich für ihr Vaterland; „sich unter den Ruinen des Tempels begraben zu lasten, hielten sic für Sieg, Heil und Glück", sagt ein heidnischer Geschichtsschreiber von ihnen; aber sie konnten das kleine Judäa nicht vor dem Schicksal des großen Galliens bewahren; Jerusalem fiel, wie Alesia gefallen. Das himmlische Jerusalem mit seinen Mauern von Jaspis und Saphir, mit seinen Thoren von Perlen und Smaragden stieg nicht