Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 24 (27.6.1890)
- Date
- 1890-06-27
- Page
- Seite 326 (sequence 6)
- Language
- German
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326 Aber das verleumderische Gerücht drang auch nach Rom, wo inan sich seiner wahrscheinlich bediente, als die Anhänger und Freunde Domitians gegen die Verbindung Berenitc's mit Titus ihre Ränke spannen, und der satirische boshafte Juvenal wußte schon von dem Diamant zu erzählen, den der „Barbar Agrippa aus dem Lande, wo man die Schweine schont, seiner geliebten Schwester schenkte." Auch die Ehe Berenitc's mit dem Könige von Eilicien dauerte nicht lange. Sic ließ sich von ihm wegen seiner Sittenlosigkeit scheiden, und er gab mit der Frau auch sein Judenthum auf. Die Scheidung erfolgte wahrscheinlich kurz vor Beginn des jüdischen Aufstandes; denn im Mai des Jahres 00 finden wir Bcrenike wieder in; Jerusalem, wohin sic als fromme Jüdin gekommen war, um ei»; Gelübde zu erfüllen. Sie hatte, wie cs bei den Juden in Füllen von Krankheit oder großer Bedrängnis; üblich war, gelobt, sich dreißig Tage lang aller geistigen Getränke zu enthalten, sich das Haar nicht zu scheeren und überhaupt während dieser Zeit ein heiliges reines Leben zu führen. Entsprechend der Borschrift im sechsten Kapitel des vierten Buches Mose, zu dessen Erläuterung im Talmud ein Traktat von nicht weniger als 130 Jolioseiten gewidmet ist, kam sic z nach Jerusalem, um das nach Ablauf dieser Heiligkcitspcriode vorgeschriebcne Dpfer von einem jährigen Lamm, einem jährigen Schaf, einem Widder und einem Korb mit ungesäuerten Kuchen zu bringen lind sich das Haar scheeren zu lassen. Wir wissen nicht, ob Bcrenike dieses Gelübde gethan hatte, als sie den cilicischcn Gatten losgeworden, aber cs gehörte zu den Traditionen der Familie Agrippa's, sich drirch die Schaustellung besonderer Frömmigkeit die Neigung des Volkes zu erhalten, rmd dazu war eine solche Eeremonie besonders geeignet. Ungefähr zehn Jahre früher hatte der Apostel Paulus ähnlicher Weise sein Festhalten am Gesetz öffentlich dargethan. Während Berenike sich in Jerusalem nufhiclt, vollzog die römische Tyrannei dort eine ihrer wildesten Thaten. Ter Statthalter Florus hatte unter nichtigcin Vorwand 17 Talente (ungefähr 70,000 Mark) ans dem Tcmpelschatze geraubt, was den Unwillen rmd die Bestürzung der Juden erregte. Das Volk lief in den Tempel und flehte I um Befreiung von der Gcwaltthütigkeit des Statthalters. Einige stießen gegen ihn die ärgsten Schmähungen aus und trugen Sammelbüchsen herum, um ein Almosen für den armen Florus bittend. Dieser Spott reizte die stolzen Römer noch mehr, als die Schmähungen der aufgeregten Menge. Er ließ drirch seine Reiter das Volk auseinandertrcibcu und befahl am folgenden Tage den Repräsentanten der Juden, ihn: die, welche ihn beleidigt hatten, auszuliefern. Ta die jüdischeil Behörden die Schuldigen nicht herausfindcn konnten oder wollten, so beschloß Florus, die Unschuldigen mit den Schuldigen zu strafen. Er gab seinen Soldaten den oberen Marktplatz zu plündern und Alle, die ihnen in den Weg kämen, niederzumachen. Sein Befehl wurde ausgeführt. Tie Soldaten plünderten nicht blos diesen einen Stadtthcil, sondern erbrachen auch anderwärts die Häuserplüudcrtcn und mordcteil. Viele unschuldige Bürger wurden ergriffen lind vor Florus geschleppt, der sie geißeln und dann ans Krcuzschlageu ließ. Selbst Männer, die das römische Bürgerrecht, ja sogar die Rittcrivürde hatten, ließ er geißeln und kreuzigen. Im Ganze» kamen an diesem Tage 30<>o Juden um, darunter auch viele Kinder und Frauen. Wiederholt ließ Berenike durch ihre Dffizicre uild Trabanten den Statthalter ersuchen, dem Morde Einhalt zu thun; aber erachtete ilicht auf ihre Botschafter. Ja, die Wuth der römischen Soldaten kehrte sich gegen die königliche Fürsprecherin. Vor ihren Augen marterten und mordeten sie die Gefangenen, und sie würden auch Berenike getödtct haben, wenn sie sich nicht durch die Flucht in den Palast gerettet hätte. Selbst als sie barfuß, als Hilfeflchende vor Florus erschien, konnte sie den gransamcn Römer nicht milder stinlincu; aber sie hatte damit besser als durch Gelübde und Dpfer bewiesen, daß sic sich noch als Jüdin fühlte. Von dieser muthwilligen Metzelei auf Befehl des Gesfius Florus kann inan den Anfang des jüdischen Unabhüngigkeitskampfes datiren. Berenike und ihr bald darauf von Alexandrien zurückgekommencr Bruder hatten eine sehr schwierige Stellung in der unruhigen Haupt stadt. Sie kannten besser als die Bevölkerung Jerusalems die ungeheure Macht der Römer und waren durch ihre liberale Erziehung dem griechisch-römischen Wesen geneigter, als die streng orthodoxen Juden; aber sie liebten dabei ihr Volk und ihr Vaterland und fürch tetcn wie alle Reichen jede Ruhestörung, jede gewaltsame Aendcrung der bestehenden Verhältnisse; nach Kräften suchten sie zwischen den feindlichen Gegensätzen zu vermitteln. Bcrenike Unterzeichnete die Beschwerdcschrift der Einwohner Jerusalems, mit der sic Florus bei seinem Vorgesetzten, dem Prokonsul von Syrien, EcstiuS Gallus vcrklagten, und Agrippa hielt lange Reden vor dem Volke der Hauptstadt, in denen er ihm zu beweisen suchte, welch' wahnsinniges Unternehmen cs wäre, sich den Römern zu widersetzen, welche die mächtigsten Völker besiegt und uuterlvorfe» hätten. Er machte ans die Folgen des Krieges auflncrksam, die nothwendigc Verletzung der Sabbathvorschriften, den Ruin von Stadt und Tempel, die Verfolgungen, welche ihre Glaubensgenossen in der Diaspora erleiden tvürden. Agrippa's Reden, welche Berenike mit ihren Thrünen unterstützte, machten zwar einigen Eindruä auf das Volk; als er sich aber nicht begnügte, zun« Gehorsam gegen den Kaiser zri ermahnen, sondern auch verlangte, daß es dein verhaßten Florus gehorchen solle, da begann das erbitterte Volk ihn zu schmähen, und er mußte, um Schlimmerem zu entgehen, die Hauptstadt verlasse». Er kehrte in sein Königreich zurück, und der Aufstand brach aus. Die römische Besatzung von Masada am Tobten Meer ward überfallen und niedergemctzclt; in Jerusalem kam es zu Kümpfen zwischen den Ultras, welche die Tempelopfer für den Kaiser darzubringcu verhinderten und den Gemäßigten, welchen Agrippa 3000 Reiter aus seinem Gebiete zu Hilfe schickte. Damit hatte er aber seine Vermittlerrolle aufgcgebcn und ward von den Aufständischen fortan als Feind betrachtet. Sein und Berenike's Paläste wurden in Brand gesteckt und bald darauf ein ihnen gehörender Transport von Geld, Kleidungsstücken und silberne» Gcräthschaften in Galiläa mit Beschlag belegt. Als dann Bespasian den Krieg gegen die Juden begann, mußte» ihm die syrischen Vasallenfürsten der Römer Hilfstruppen liefern, und auch Agrippa fand sich mit 21X10 Bogenschützen und 1000 Reitern im Anfänge des Jahres 07 im römischen Lager ein. Bald daran' lud er die römischen Heerführer zum Besuche seiner Hauptstadt Nero nias (Eaesarca Philippi) ein und bcwirthctc sie und ihre Soldaten auf das Prächtigste. Er nahm im römischen Heere an dem Kriege gegen seine Glaubensgenossen Theil und ward bei der Belagerung von Gamala verwundet. Als aber nach dem Tode Ncro's Vespasia» seinen Sohn Titus nach Rom schickte, um dem neuen Imperator Galba 311 huldigen und von ihm Berhaltungsbefehlc wegen des jüdi scheu Krieges entgegenzunchmen, begleitete ihn Agrippa. An der Küste von Achaja erfuhren sie die Ermordung Galba's und dar sich Dtho der Regierung bemächtigt hatte, woraus Titus zu seinen' Vater nach Palästina zurückkehrte, während Agrippa die Reise midi Rom allein fortsetzte. Wenige Jahre früher hatten die Wellen des mittelländischen Meeres einen anderen Juden von Eaesarca nach Rom getragen; ihn begleitete nicht der Sohn des Feldherr», nur ein einfacher Centurio schiffte sich mit ihm ein. Der König Agrippa dachte wohl nicht an den armen Juden aus Tarsus, den er einmal verhört hatte, und ahnte nicht, daß dessen Wirken in Rom gewaltigere Folgen haben würde, als die Herrschaft der Flavier, die er initbcgrüuden half.