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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-27 · Heft 24 (27.6.1890) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 24 (27.6.1890)
Date
1890-06-27
Page
Seite 324 (sequence 4)
Language
German
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324 mit sittlichem Bewußtsein rein erhalten geblieben ist, die Nothwendigkeit des historischen Prinzips, d. i. des Zusammenhangs zwischen früheren und bestehenden Zuständen mit künftigen. — Wir werden nur dann und nur so weit als Vorposten bei historischen Erschütterungen fallen, als wir es nicht verstehen sollten, das Lebenswürdigc im Gefchichtlich- Gewordenen der Zukunft zu erhalten. rnl II bedeutet ein Stamm, welcher nach Jahrtausenden die Erinnerungen an die Befreiung aus Knechtschaft mit unversiegbarer Energie festlich begeht, die Anerkennung des echten individualistischen Prinzips, d. h. des Rechtsstaats, der Rechte des Individuums, soweit diese nicht durch die Existenz- >l»d Fortschrittsbedingungen der Gesammthcit ihre natürliche Begrenzung finden. ml kll hat ein Stamm, welcher ans seiner Staatsgeschichte auf eine Sozialgesetzgebung Hinweisen kann, deren hervorragende Bedeutung selbst der „bekannte" Hofprediger in seinen Reden anerkennt, die Berufung, den großen Zielen sozial-ethischen Fortschritts sich dienstbar zu erweisen. Sonach gipfelt unsere Mission in der Vermittlung zwischen Individualismus und Sozialismus. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß die Sorge um das Ganzc der Sorge um das Glied vvrangeht. So wird denn schon ans Gründen der Selbsterhaltung die Gesellschaft die Pflege des Wohlergehens der Einzelnen niemals vernachlässigen dürfen. — Dieses Programm schließt die Mittel des Sozialoeinotratismus und Sozialanarchismus aus. Wohl soll der Antisemitismus zu unserer Läuterung, Besserung, Veredlung, Verbrüderung dienen. Allein wir sind nicht lediglich auf eine Märtyrerrolle angewiesen, wir haben auch eine positive Aufgabe. Es ist die höchste, welche in der Hingebung an die Menschheit überhaupt geübt werden kann. Einige wenige Striche zu ihrer Skizziruug sind im Vorstehenden gegeben. Ihre Uebung bedeutet in Wahrheit „praktisches Judenthum", und ihr Banner ist: „Du sollst ein Segen sein." Wie vermag — und hiermit sei an die Bemerkungen zu Eingang dieses Aufsatzes wieder angeknüpft — wie vermag ein solches Programm verwirklicht zu werden? Durch Beschränkung auf uns selbst wirken wir nicht für die Gesannntheit. Weshalb jedoch sollten wir nicht zur Bildung eines Philoseiniten-Bundes schreiten? Wir haben die Pflicht, unsere Freunde zu sammeln, einen Bund zu gründen unter den Angehörigen unserer Rasse nicht allein, sondern auch in Gemeinschaft mit allen klebrigen, welche sich mit uns in Menschenliebe, ivetteifernd in edelster Pflichterfüllung, verbinden wollen. Ter Philosemiten sind, dessen dürfen wir gewiß sein, recht viele. Gelingt es uns, sic zu sammeln, so werden wir in erster Linie den Antisemitismus besiegen. Denn dann werden wir endlich in der Lage sein, über unseren engen Kreis Hinalls weithin Licht und Wahrheit über Jndenthum und Judenheit zu verbreiten. Vor einer starken, nicht auf uns selbst beschränkten Gemeinschaft lverden die starken Nebel verschwinden, welche gegenwärtig die Geister lunnachtet halten. Mit anderen Worten, wir werden dadurch dauernd die Böswilligkeit, den Frevel und das Vorurtheil bannen, welche gar zu lange unsere Beziehungen zu anderen Menschen in überaus hohem Maße beeinträchtigten. — Dabei wird und soll cs dann aber nicht sein Bewenden haben. Vielmehr lvird gerade dadurch ans richtiger Mittelstraße der Weg geebnet werden zwischen freier Bethätignug der individuellen Rechte und der Hebung der Menschheit im Lichte der Kultur und lm Geiste sozial-ethischen Fortschritts. U ins Vekermtniß eines katholischen Priesters. Von Rabbiner Dr. Julius David. Preßburg, 20. Juni. Die jüdische Publizistik sollte es nie verabsäumen, die toleranten Lehren und humanen Worte eines Kirchenvertreters zu veröffentliche;; und zu verbreiten; erstens, um dadurch die Unparteilichkeit zu zeigen, daß >vir nämlich nicht nur die Intoleranz bekämpfen und verurtheileu. sondern daß lvir auch die Toleranz, die Menschenfreundlichkeit mm friedliche Gesinnung von christlicher Seite anzuerkennen und zu würdigen verstehen. In unserem Kampfe ums Dasein sollen wir nicht mir die schärfsten geistigen Waffen handhaben gegen diejenigen, die unfeindlich angreifen und das Judenthum schmähen, sondern sollen gleichsam, während wir in der einen Hand die Waffen halten, uiit der andern die Palme reichen denjenigen, die bezüglich des religiösen Bekenntnisses die Gewissensfreiheit Hochhalten, den religiösen Wahl heilen des Judenthuins ihr Recht widerfahren lassen und auf dein Boden der Religion kein stetes Auklagematerial suchen und kein ewig fungirendes Gerichtstribunal errichten wollen. Dann sollen humane Ermahnungeu christlicher (Geistlicher midi darum nicht schnell verhallen, weil durch derartige Aenßerungen von berufener Stelle denn doch mancher Judenfeind, mancher Antisemit auf dessen Seelengrund neben dem blassen Neid vielleicht doch aiuii etwas Fanatismus und Religionshaß lauert, sich belehren ließe, de;; Eindruck des Gehörten und Gelesenen in sich aufnähme und auf di- Bahn der Menschenfreundlichkeit zurückkehren würde. Die groß Menge der christlichen Bekenner giebt noch etwas auf die Lehren. Worte und Warnungen ihrer geistlichen Hirten und der Träger des kirchlichen Glaubens. Und wenn auch nur ein Antisemit in Folge priesterlicher Aenßerungen darüber, wie die Religionen gegeneinander sich zu benehmen haben, sich besserte und diesen Namen, der schv; an und für sich einen gegnerischen lind feindlichen Begriff in fiu; trägt, von sich werfen würde, so wären diese Aeußerungeu schon der Verbreitung werth und die jüdischen Journale für die aufmerksam Beobachtung und Verfolgung solcher Worte des Verdienstes voä und des Dankes der Leser sicher. Thatsüchlich giebt es auch eine Anzahl katholischer rmd protc stantischer Priester, die ihren Gläubigen Liebe und Duldsamken predigen und die antisemitischen Schädiger und Zerstörer abzuwehren suchen. Deutschland z. B. hat seinen gewissenhaften, aufrichtigen tun wahrheitsliebenden Schwalb, obwohl es eigentlich viele solche: Schwalben geben sollte, da ja bekanntlich eine noch keinen Somme; bringt. Befände sich aber in Wien ein solcher hoher Kirchenvertrete;. der momentan den Antisemitismus in scharfen Worten rügte mm verurtheilte, so hätte wohl der Abgeordnete Dr. Exner im öfter reichischen Reichsrathe gelegentlich der Exzesse und Plünderungen, die fast nur gegen jüdische Kaufleute gerichtet sind, jüngst Hiel t fragen können, ob das Programm der Antisemiten das Evangelium der Liebe sei und ob die Ausführungen der Antisemiten in ihren Reden und Blättern die Ziele vor Augen Hütten, die gemeinschasi lichen Bande des Wohlwollens, der Humanität, der Menschlichkeit um uns Alle zu schlingen? Es war peinlich rmd niederschmetternd, von diesem Manne in der öffentlichen gesetzgebenden Versammlung den Ausspruch zu hören: die Juden sind heute leider eine sozial gedrückte und vervehmte Klasse. Alle Ausführungen, sagte er, welche die Antisemiten machen, sind mit ihrer Spitze schari und verletzend und sogar drohend, und sie können durchaus nicht den Zusammenhang mit den argen Ausschreitungen, wie sie in Wien. Wagstadt, Biala und Proßnitz stattfanden, ableugnen, da sie ja nie vor dem Tone des Hasses, der Verachtung und der Aufwiegelung

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