Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 24 (27.6.1890)
- Date
- 1890-06-27
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
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322 spräche zu Dielen, ja dm »leisten Großen seiner Zeit gesprochen, so innig hat er — den Vorschriften seines Glaubens gemäß — sein Vaterland geliebt, trotzdem er keinestvegs als vollberechtigter Bürger desselben angesehen tvnrde. Und nicht allein für den Patriotismus, für die Liebe zu deutschem Wesen und deutscher Sprache, für die Erziehung zu nationaler Selbstachtung hat er nach seinen Kräften auf seine nähere und fernere Umgebung gewirkt; er hat auch der materialistische», leichtfertigen Weltanschauung der Enehklopädisten gegenüber, die in dem deutschen Volke iveite Kreise zu gewinnen drohte, den ernsten, sittlichen, idealen Ton angeschlagen, der in der deutschen Volksseele lauten, begeisterten Widerhall gefunden. Er war der erste — in seiner Zeit der einzige — der die weitesten Kreise durch feine faßliche und klare Sprache für die höchsten und idealsten Begriffe zu intercssiren verstanden, für Glaube, Duldsamkeit und tlnsterblichkeit. Und diese drei Begriffe, tvelche auf unserem Denkmale die Philosophie mit ihrem ewigen Griffel auf ihre Tafeln eingegrabcn, sie hat er verthcidigt mit Innigkeit, Wärme, Begeisterung und auch mit Erfolg. Glaube, Tnldsainkeit und Unsterblichkeit, das sind die Hauptgrundzüge seines Denkens, sie bilden den Inhalt seiner sonnigen LebcuSanschannng, für welche seine Zeitgenossen zu geivinnen er sich hingebungsvoll bemühte. Ter Glaube an Gott ist für ihn das erste Erfordernis; der sittlichen Weltordnnng. Nicht Zufall oder Nothwcndigkcit, sondern die allweise göttliche Vorsehung bestimmt die Geschicke nicht allein der Gesammtheit, sondern auch des Einzelnen. Gott ist der Vater aller Menschen, ivelchem Klaliben sie auch augehören mögen. Dem Glauben au ihn muß sich daher die Duldsamkeit anschließen, wenn man nicht anders gegen seinen höchsten Willen sich auflehnen möchte, da „Mannigfaltigkeit offenbar im Plaue der Vorsehung liege". Wie Gott in seiner Gnade keinen Unterschied macht zwischen Mensch und Mensch, wie er die Sonne seiner Liebe und Gnade auf Alle, Alle scheinen läßt, wie er dieselben auch nicht verschiedenartig nach dem verschiedenen Glauben gestaltet, bewahrt und segnet — sollen auch die Menschen! sich nicht getrennt fühle» durch die Verschiedenheit der religiösen Anschauung. Die religiöse Duldsamkeit, der religiöse Frieden , sollen Platz greifen zwischen den Menschen im Hinblick ans Ihn, den Vater Aller. Der wahrhaft Religiöse halte fest und treu an dem Glauben, dem er angehört durch Geburt und Ueberzeugung, doch er vergesse nicht, daß die verschiedenen Glaubensbekenntnisse vieles Hohe und i Edle gemeinsam haben, und er verurtheile und verdamme Niemanden! wegen seines Glaubens. Wer mit Liebe den Wahrheiten feines Glaubens anhängt, der verdient, da jede Religion Gutes bezweckt,; nicht Zurücksetzung. „In welcher glückseligen Welt ivürden wir leben- > wenn alle Menschen die Wahrheiten annähmen und ausübten, welche; die besten Ehristen und die besten Juden geineiiisam haben." Nicht Glaubenseinheit, sondern Glaubensfreiheit, daß nach dem Worte des! großen Königs Jeder nach feiner Weise selig werden dürfe, das ist! eine Hauptforderung, um die Mendelssohn flehentlich bittet. Jeder schasse in seiner Weise das Gute, — und Gott wird den ehrlichen; Willen und die treue Absicht segnen. Und die Seele, die das Gute gewollt und erstrebt, die den Frieden geliebt und die Wahrheit gej sucht — ihr ist als einem Theile des göttlichen Wesens die Unl sterblichkeit gewiß; sie ist unvergänglich wie die Wahrheit, nach l der z;> ringen die Ausgabe des gottähnlichen Wesens hienieden ist. l Tie Seele, die auf Erden die Annäherung an die Vollkommenheit - Gottes erstrebt, sie wird nicht vergehen, sondern ihre Bestimmung und Sehnsucht wird einst befriedigt werden. Das sind in Kürze die Anschauungen Mendelssohns. Es hat wohl viele gegeben, die Größeres, Gewaltigeres geleistet, aber cs giebt lvohl wenige, die so edel und wahrhaft, voll Dcnuili; und Bescheidenheit ihre Kräfte in den Dienst des Höchsten gestellt, es giebt wenige, die so redlich, so selbstlos sich bemüht für die sittliche und religiöse Erziehung der Menschheit, für die Weckung der edelsten Empfindungen. l Darum sind auch alle — selbst die zeitgenössischen Gegner , Mendelssohns — einig in der Verehrung desselben. Und das Eonüt-! zur Errichtung eines Moses Mendelssohn-Denkmals, zusammengeset!! ans Männern verschiedener Konfessionen und Stände, hat einmüthig j mit vieler Mühe sich beflissen, dem wackeren Sohne dieser Stadt hie-! ei» Denkmal z» weihen. Unter gnädigster Zustimmung des hochedle:; und allverehrten Landesfürsten, der gleich Hochfeinen in Gott ruhenden Ahnen stets Förderer alles Hohen und Guten gewesen — und dnnn! eine allgemeine Theilnahme ist nach verhältnißmäßig kurzer Zeit das i Werk beendet. Und in dieser Stunde, die ihre höhere Weihe uns! Bedeutung durch die huldvolle Anwesenheit unseres gnädigsten : nnd hochverehrten Landesherr», durch die (tiegenwart unserer von : Alt und Jung innig verehrten Frau Herzogin und Hochihres durck | lauchtigsten Hauses erhalten hat, übergebe ich Ihnen, geehrter He; i Oberbürgermeister, als dem Vertreter dieser Stadt, im Namen des : Eomitös zur Errichtung eines Moses Mendelssohn-Denkmals da-! Denkmal und bitte Sie, dasselbe zu übernehmen. Möge cs diese;; Stadt zur Zierde und auch zum Segen gereichen. Möge cs hinein l ragen in die gesegneten Fluren .unseres geliebten Anhaltlaudes, in! die weiten Kreise unseres großen deutschen Vaterlandes als ein Symlw. des Friedens und der wahren Duldsamkeit. Das walte Gott, unsc; Aller Vater! U pllilosemitismns contra Antisemitismus. (Schluß.) Was ist überhaupt Arbeit? Die Antwort lautet: Man wein schon, was Du meinst, auch die geistige Arbeit gehört dazu. Ode; wie Sozialpolitiker und Nationalökouome» es ausdrücken würden; gualisizirte Arbeit d. i. solche, zu lvelcher ein erworbenes höhere Können oder Wissen, ein höherer Grad von Intelligenz erforderlic! istl und unqualifizirte bilden den Gesammtbcgriff: Arbeit. — Indes, ich wollte doch noch auf ein Anderes Hinweisen. Arbeit verrichten auch die mit inenschlicher Leistung tvuturrirenden Kräfte, u. A. als; die Maschinen. Einil Witte berechnet 1885 ihre Arbeitskraft fii Deutschland auf diejenige von lA> Millionen Männern. Zum jüdische Schriftsteller') berechnen die thatiächlichc Leistung der Bla schincn in unserm Vaterlande auf die von -»(>0 Millionen Männern — „eisernen Sklaven". Nach Engel (ehemal. Direktor d. kgl. prcus, Skat. Bür.') kann die erreichbare Maximalleistnng dieser selben Ma schinen auf das Zehnfache gesteigert lverden. Sonach wären schon vor Jahren in diesem Material in Deutschland an 6«ii)0 Millionen! eiserner, arißerordentlich bedürfnißlvser Sklaven vorhanden gewesen d. i. das 7«l- bis Mfache der Gesaimnteiuwohnerzahl an Männern. Weibern und Kindern. Wenn man von Arbeit spricht, sollte man demnach niemals die Mitwirkung außer Betracht lassen, welche von den mit den Menschen konkurrirenden Kräften geleistet wird. Dies; Klarstellung war hier erforderlich. Ich ivünschte zunächst einmal, wenn auch nur ganz oberflächlich zu veranschaulichen, welches ge ') Theodor Hertzka in Wien: Gesetze der soziale;; Entwicklung Seite 46 bis öl. Gustav Tuch: Der erweiterte deutsche Militärstaat n. s. iv. S. 260 und 26k. ") Das Zeitalter des Dampfes, 1881.