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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-27 · Heft 24 (27.6.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 24 (27.6.1890)
Date
1890-06-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Expedition: Gertin, Jernsatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. Inhalt. Leitartikel: Festrede bei der Uebergabe des Mendelssohnlentmals in Tessan. Bon Landesrabbiner Dr. S. Weiße. — Phitvsemitismus ontra Antisemitismus (Schluß). — Das Bekenntnis eines katholischen Priesters.!>on Dr. Julius David. — Wissenschaft und Litteratnr: Eine jüdische Königin. Von Dr. MarcnS Landau. — Feuilleton: Präliminarien. Von H. Herwi (Schluß). Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg. Marburg, Karlsruhe, Bildape'^, Teplih, Bordeaux, Jerusalem. — Von Nah und Fern. — Bei der Redaktion eirrqeaangerre Bücher. — Miscetten. Festrede oei der Uebergabe des Mendelssohn-Denkmals in Dessau, gehalten von Landesrabbiner Dr. S. Weiße. Tie Hülle ist gefallen, in dauerndem Erz gebildet leuchten die nilden Züge des Mannes dem neuen Geschlechte entgegen. Mehr enn hundert Jahre nach Moses Mendelssohns Tode hat eine dankbare Zeit seine stillen, darin» aber nicht »linder bedenkenden Bcrdienste ach vergegenwärtigt. Man wollte dein Weltweisen, der in seinem Leben so wunderbar anfklärend, versöhnend und nusgleichend gewirkt, aen ihm lange versagten, gerechteii Zoll der Dankbarkeit darbringen. Nit den Besten hat er in gemeinsamer treuer Arbeit an den höchsten Aufgaben thätigen Antheil genommen. Aus kleinen, bescheidenen Verhältnissen hervorgegangen, einer Gemeinsamkeit angehörend, die iberall Zurücksetzung erdulden mußte, ward er allein ans diesem -kreise ausgenommen und wurde durch seinen Geist, seine Gelehramkeit, besonders aber durch seine hohe und edle Auffassung alles wessen, was ihm nahe kam, den Großen seiner Zeit nahe gerückt. Alle Helden des Geistes hatten für Mendelssohn nur Worte der Anerkennung, Hochachtung und Bewunderung. Er bergaß jedoch bei em Berkehr mit der Welt der Großen nie seiner danrals noch schwer bedrückten Glaubensgenossen; er ivard für die Nahen und Fernen Berather in der Noth. Er wurde der Lehrer seiner Glaubensbrüder, er führte diese Berstoßenen der deutschen Kultur entgegen, er gab hnen vor Allem das Bibelwort, die Psalmen in der deutschen Mntterwrache. Und wie beherrschte er die deutsche Muttersprache, er, der im Ghetto ausgewachsen? — Kant, der größte deutsche Philosoph sagte: Wenn sich die Muse der Philosophie eine Sprache erkiesen sollte, so würde sie die Mendelssohns wühlen. Herder sagt: Sokrates führte die Weltweisheit unter die Menschen, Mendelssohn ist der philosophische Schriftsteller unserer Nation, der sie mit der Schönheit des Ttils vermählt. Menschen, die ans der Tiefe des Lebens in die Höhe versetzt werden, verlieren oft ihre Bescheidenheit; sie werden in der Höhe nicht gern daran erinnert, daß sie einst nicht so hoch gestanden, einst in einer geringeren Umgebung sich befunden. Mendelssohn ist ans der Höhe seines Lebens stets ebenso bescheiden gewesen »nd geblieben, als an dein Tage, da er als 14 jähriger, armer jüdischer Jünger schüchtern durch das Rosenthaler Thor in Berlin einzog — da er als Jude nur durch dieses Thor einziehen durfte. — Mit dem Eintritt in Berlin öffneten sich ihm auch die Thore der Wissenschaft und deutscher Kultur, in die er auch seine weitab stehenden Glaubensbrüder hineinznziehen sich bemühte. Jahre der Arbeit und des Fleißes vergehen, sein schwacher, zarter Körper ertrug alle Entbehrungen, um der starken Seele, dem hochaufstrebenden Geiste Befriedigung zu schaffen; und sein gutes, edles Herz gewann ihm bald einen Kreis geistig hochstehender lind bedeutender Frermde, die den schönsten Einfluß auf ihn geübt und die auch bald gern sein mildes und dabei durchdringendes und gerechtes Urtheil hörten. In dieser Umgebung wuchsen sichtbar die Schwingen seines Geistes; seine Werke und Briefe athinen bei der Innigkeit und Tiefe der Anschauung auch Zufriedenheit und Gliick. Doch auch manche Zurücksetzung ist ihin wiederfahren, um der treuen Angehörigkeit willen, die ihn mit seinem Glauben verband. Doch selten dringt ein Wort der Erbitterung über seine Lippen; er beklagt^ich nicht über Gesetz und Vaterland, die ihn noch lange nicht als gleichberechtigt anerkennen. Nein, es ist vielmehr rührend — und das ist einer der herrlichsten Züge in seinem Charakter — wie er die reinsten Herzenstöne findet, wenn er von der deutschen Sprache, vom deutschen Baterlande spricht. Es war das in damaliger Zeit sehrgewagt, >vo französische Sprache, Litteratnr und Philosophie in fast allen gebildeten und selbst den höchsten Kreisen des deutschen Vaterlandes bevorzugt wurde, wo selbst die klassischen Geister des deutschen Bolkes mit Vorliebe als Kosmopoliten, nur selten als Patrioten deutscher Erde redeten. Mendelssohn weist auf die Völker des Alterthums mit der Frage zurück: Wie es denn komme, daß die Geschichte des Alterthums noch immer interessanter sei als die neuere Geschichte, obgleich diese unseren Zeiten näher angrenzt? Er findet eine der wichtigsten Ursachen für diese Wahrnehmung darin, daß bei den Griechen und Römern die Vaterlandsliebe der Grund, die Seele ihrer Kümpfe, Kriege und Bestrebungen gewesen, während der neueren Zeit die Liebe zum Baterlande — und dieser Borwurf war damals sehrberechtigt — als Vorurtheil erscheine. Unterwürfigkeit ist an Stelle wahrer Liebe getreten. Nur wenn die Liebe zum Vaterlande wieder die Gemüther der Nation beleben werde, würde auch eine neue, edlere Tenknngsweise in dieselbe einziehen. So hat Mendelssohn im Widcr-

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