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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-20 · Heft 23 (20.6.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 23 (20.6.1890)
Date
1890-06-20
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Heutigen Tag fortgesetzt worden, wenngleich dieselben immer nur einzelne Personen trafen, gewöhnlich solche, bereu Anfenlhaltsfrist abgetanfen nmr. Neuerdings ist auch gegen die hier noch verbliebenen, oben erlvähnten Flachs- und Hanfbracker in dieser Weise vorgegangen worden. Allerdings haben wir auch an dieser Stelle dankbar anznerkennen, daß der Herr Oberpräsident in diesen! ganzen fünfjährigen Zeitraum seine dem Handel wohlwollende Haltung in dieser Frage bewahrt und in sehr vielen Fällen — so auch bezüglich eines Theils jener Bracker — Ansgewiesenen weitere Aufenthaltsfrist gewährt hat. So sehr auch die Nachtheile der Answeisungsmaßregeln hierdurch gemildert wurden, sehr schädlich für unsern Handel sind die Maßnahmen! geblieben. Hinsichtlich mancher Ausgewiesenen konnten die Behörden sich nicht überzeugen, daß dieselben für den Handel in hervorragender Weise nützlich seien, und so verblieb es bei der Ausweisungsverfügung. Aber mit vollem Rechte haben wir schon vor fünf Jahren bemerkt: „Der Einzelne mag vielleicht als wenig bedeutsam für den hiesigen Handel erscheinen, aber das Zusammenwirken aller dieser Personen erzielt bedeutende Resultate/' Der erzwungene Fortgang so mancher kleinerer Händler und das freiwillige Fernbleiben anderer aus Furcht vor der Ausweisung hat sich für unfern Handel sehr fühlbar gemacht und die schädlichen Folgen gehabt, die wir 1885 vorausgesagt haben. Zu einem Sheile dürfen wir den gegenwärtigen Rückgang unseres Getreidehandels mit Rußland auf die Ausweisungen zurückführen. Königsberg ist aber in Folge seiner geographischen Lage auf den Handel mit Rußland angewiesen, und wir halten es für ein billiges Verlangen, daß unsere Staatsregierung uns nicht durch Maßnahmen, welche unseres Erachtens durch kein wesentliches Staatsinteresse geboten sind, in diesem Handel beschränkt. Wir möchten daher den dringenden Wunsch an die königliche Staatsregierung richten, ihre Ausweisungspolitik in Bezug auf die hier lebenden russisch-jüdischen Händler re. zu ändern und die vor 1885 bezüglich der Behandlung dieser Ausländer bestandenen Grundsätze wieder zur Geltung zu bringen. * Tchneidemirhl, 12. Juni. In der Aula der städtischen höheren Mädchenschule fand heute Mittag für den als Leiter der jüdischen (Gemeinde -Mädchenschule nach Berlin berufenen O b e r l e h r e r Dr. Adler eine Abschiedsfeier statt, die sich zu einer ehrenvollen Kundgebung für den scheidenden Lehrer gestaltete. Der Direktor Ernst hob im Anschluß an das Wort des Philosophen Dio Ehrhsostomus: „Für ausgezeichneter als jeden Maler und Bildhauer und alle übrigen, die den bildenden Künsten dienen, halte ich den, der die jugendlichen Gemüther zu bilden versteht" die großen und bleibenden Verdienste hervor, die sich der Scheidende durch treueste Pflichterfüllung, durch seinen musterhaften, geistvollen Unterricht und durch sein liebenswürdiges, humanes Wesen um die Bildung und Erziehung der Mädchen, sowie um das Aufblühen und Gedeihen der Anstalt erworben habe. Aber nicht nur ein vorzüglicher Lehrer, sondern auch ein treuer Freund und Kollege, ein edler, guter Mensch sei Dr. Adler, dessen Abgang zu bedauern die Schule, das Lehrerkollegium und die ganze Stadt volle Ursache hätten. Zum Schluß sprach der Direktor dem scheidenden Kollegen den innigsten Dank für die der Anstalt geleisteten Dienste mit der Versicherung aus, daß Lehrende und Lernende stets mit Hochachtung und Liebe seiner gedenken und sich immer freuen würden, Gutes von ihm zu hören. Er wünsche ihm auch für seinen neuen Wirkungskreis Gottes reichsten Segen. Mit bewegten, tiefempfundenen Worten dankte Dr. Adler dem Direktor, dem Lehrerkollegium und den Schülerinnen für das Vertrauen, das ihm von Anfang seiner Thütigkeit an entgegengebracht, sowie für die ihn hoch ehrende Freundschaft und Liebe, die ihm stets bewiesen worden sei. Er werde die Thätigkeit an der höheren Mädchenschule, die ihm volle Befriedigung gewährt, stets zu den angenehmsten Erinnerungen seines Lebens zählen und wünsche der blüheno.en Anstalt von ganzem Herzen ferneres Gedeihen. Die Schülerinnen, die schon am Morgen durch reiche Blumenspenden und allerlei kleine Andenken ihrer Verehrung für den scheidenden, hochverehrten Lehrer Ausdruck gegeben hatten, traten nun einzeln heran und nahmen bewegten Herzens Abschied.' 8 Thorrr, 12. Juni. Nach kurzem, aber schwerem Krankenlager verschied im Alter von 39 Jahren gm 10. d. M. der praktische Arzt Herr Dr. Sinai. Der Verlust dieses edlen Mannes wird von der Stadt und hauptsächlich Uptt der jüdischen Gemeinde schwer empfunden. Seit 13 Jahren hier ansässig, waltete er mit seltener Pflichttreue und Bernfsfreudigkeit seines Amtes, so daß er sich weit über die Grenzen unserer Stadt den Ruf eines tüchtigen Arztes verschafft hat. Er bekleidete das Amt des städtischen Armenarztes für das Waiseu-Siecheuhaus und Kinderheim. „Allen seinen Pflegebefohlenen war er" — wie es in dem ihn ehrenden Nachrufe des hiesigen Magistrat heißt — „ein ebenso gütiger wie erfolgreicher Helfer. Sein jäher, vorzeitiger Hingang ist aufs Schmerzlichste zu beklagen." * Frankfurt a. M., 10. Juni. Der höhere Schulbesuch der Juden in Frankfurt a. M. bildete kürzlich im Herrenhanse bei Gelegenheit des Antrags Pfeil den Gegenstand einer Kontroverse zwischen dem Antragsteller Grafen Pfeil und dem Oberbürgermeister Frankfurts, Herrn Miguel. Das katholische „Franks. Volksbl." veröffentlicht deshalb folgende genaue Zusammenstellung: i Gelammt^ i Nr. Namen der Schulen zahl der Schüler ev.! > kath. isr. jfreir. 1 Städtisches Gymnasium . . 595 405 73 111 | 6 2 Kaiser * Friedrich' Gymnasium 255 159 57 | 38 1 1 3; Muüerschule...... 335 197 20 j 116 i 2 4 Wöhlerschule. 690 405 j 57 1 219 6 5; Klingerschule. 858 719 | 106! 26 7 <; Aderflychtschiile.! 505 405; 37 63 | — 7 Selektenschule.! 189; —; 189; —! — Zusammen 3427 2290 | 539 i I 573 25 | Demnach waren die Frankfurter höheren Knabenschulen am 1. Februar; 1890 von 3427 Schülern besucht: 2290 evangelischen, 539 katholischen, I 573 israelitischen und 25 Dissidenten. 1889 waren es 3334: 2231 evau-! gelische, 497 katholische, 576 israelitische und 30 Dissidenten. Die Ge-! sammtzahl hat sich um 2,13 pCt. erhöht; die evangelischen haben 2,57 pEt., : die katholischen 7,79 PEt. zugenommen; die Israeliten und Dissidenten haben abgenommen. * Karlsruhe, 10. Juni. Der Großherzog von Baden hat sich nach dem Mannheimer „General-Anzeiger", gelegentlich einer Audienz,! welche er in neuester Zeit einem Beamten gewährte, in höchst bedauernder i und mißbilligender Weise über die antisemitischen Versammlungen, welche in jüngster Zeit in unmittelbarer Umgebung Mannheims stattgesunden und über die Ziele der antisemitischen Partei, welche! sich mit Unrecht eine konservative zu neunen wage, ausgesprochen. Der! Großherzog betonte dabei, daß auf seine persönliche Anregung hin j die Sache bei der grobherzoglichen Regierung zum Gegenstände von I Berathungen gemacht worden sei, und versicherte, daß seine Regierung; dieser Bewegung in unserem Baterlande ihre volle Aufmerksamkeit! schenke und nöthigeufalls die geeigneten Maßregeln zum Schutze des; Friedens unter den Konfessionen ergreifen werde. Hinzugefügt wird! noch, daß der Großherzog den betreffenden Herrn ermächtigt hat, seine! Aeußerungeu auch in weiteren Kreisen bekannt zu geben. Oesterreich - Ungarn. § Budapest, 10. Juni. Der Neu so hl er Bischof Dr. Emerich Bende wurde, wie aus Bars-Simouy berichtet wird, dort in festlicher ' Weise empfangen, als er behufs Ertheilung des Sakralnentes der Firmung eintraf. Es war ein Triumphbogen errichtet und man hatte die Häuser beflaggt; der populäre Kirchenfürst wurde in dem Orte, den seit Meuschengedenken kein Bischof mik seinem Besuche beehrt hat, von den Einwohnern ohne Unterschied der Konfession begrüßt. Auf die Ansprache des Kreisnotars Redl erwiederte der Bischof unter Anderem, daß es auch in Zukunft sein Bestreben sein werde, dahin zu wirken, daß die einzelnen Glaubensbekenntnisse durch Liebe mit einander verbunden seien. Nach der Firmung empfing er die Familie Salzberger, welche in der Gemeinde das Patronatsrecht ausübt; in längerem Gespräche geißelte der Bischof den Antisemitismus. Nußland.! ß. Petersburg, 6. Juni. Der russische Fi» a n 3111 i n i ft e r Hut mm 1 den Handelskammer» in Polen alle Taten verlangt über den Antheil der Inden an der Industrie des Landes. Es ist nicht nnniöglich. daß diese Enquete mit den bereits erwähnten neuen Gesetzen zusammenhangt. - In diesen Tagen hat hier die Generalversammlung der „Gesellschaft zur Verbreitung der Anfklürnng unter Pen Inden in Rußland" stattgefunden. Nachdem die einzelnen Referate über die Verwaltung im Vorjahre erledigt ivaren, fand eine Debatte über einige sehr wichtige neue Anträge statt. Einstimmig ivnrde der Antrag von R. Baxt angenommen, mehrere Preise

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