Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 23 (20.6.1890)
- Date
- 1890-06-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 auszuschreiben, und zwar für ein Elementarlehrbuch zum Gebrauch der jüdischen Schuljugend, für ein Handbuch zur Kenntniß der jüdischen Religion und Ethik. Als Preis für die beste Bearbeitung beider Themata hat der Vorsitzende des Vereins, Baron Günzburg, 1000 Rubel gespendet. Sodann wurde beschlossen, Preise für die beste Arbeit über „das jüdische Kriminal- und Civilrecht im Verhältniß zu dem römischen und den späteren Rechtsanschauungen", ferner auf Antrag von Dr. A. Harkavy für eine systematische Sammlung aller auf die russischen, polnischen und litthauischen Juden sich beziehenden Nachrichten in beit Responsen der Rabbiner des 16. und 17. Jahrhunderts auszuschreiben. Zum Schluß wurde noch ein Antrag von Bart angenommen, die Zahl der jüdischen Privatschulen zu vergrößern und bei der Negierung alle Schritte zu thun, um die Erlaubniß zur Begründung eines Rabbinerseminars in Rußland zu erlangen, das bei dem Mangel an gebildeten Rabbinern sich immer mehr als ein dringendes Bedürsniß herausstellt.? Non Nah und Fern. * Zum ehrenden Gedächtniß Moses Mendelssohns brachte die „Vossische Zeitung" am jüngsten Sonntag an leitender Stelle einen Artikel, in welchem besonders das Deutschthum Mendelssohns gerechte Würdigung fand. — Dem Bezirks-Physikus Sanitätsrath Dr. Abraham Baer in Berlin ist der Charakter als Geheimer Sanitätsrath, den praktischen Aerzten Bezirks-Physikus Dr. August Pleßner und Dr. Arnold Lissa in Berlin der Charakter als Sanitätsrath verliehen worden. — Der bisherige Privatdozent und Titularprofessor Dr. Ludwig Brieger ist zum außerordeutlichen Professor der Berliner medizinischen Fakultät ernannt worden. — Die Bannerweihe des Humanitätsvereins Gewul-tow am 19. Mai wurde durch ein von M. A. Wagener verfaßtes und von Frau Ernestine Jonas gesprochenes Gedicht eingeleitet. — An die Direktion des Residenz- Theaters in Berlin ist, wie man erzählt, von Vietorien Sardou ein Schreiben gerichtet worden, in welchem der Dichter sich gegen den ihm von dem bekannten Hofprediger im Landtage gemachten Vorwurf der Jmmoralität verwahrt. (Es handelte sich um Sardous Stück „Marquise".) Sardou schreibt in dem Briefe: „Allerdings sind meine Moralprinzipien nicht diejenigen des Herrn Stöcker, und Herr Stöcker wird mir erlauben, mich hierzu zu beglückwünschen." — Rabbiner Dr. Goldfchmidt, bisher in Pinne, ist auf die neu begründete Rabbinerstelle der Gemeinde Königshütte berufen worden. — Die diesjährige Lehrer-Zusammenkunft des R a b b i n a t s Marburg fand am 1. Juni im Hotel Jsenberg zu Marburg statt. Die Versammlung war gut besucht. Vorträge wurden von den Herren Spier-Gilserberg und Strauß-Marburg über die geeigneten Lehrbücher für biblische Geschichte gehalten. — Eine Art Boycott über diejenigen Ortschaften in Hessen, welche antisemitisch gewählt haben, scheint von den jüdischen Viehhändlern in Hessen verhängt worden zu sein. So schreibt man: Der am 3. Juni in Lang- Göns abgehaltene Viehmarkt ist, wie vorauszusehen war, von jüdischen Händlern nicht besucht worden. Der Lang-Gönser Markt war in Folge dessen recht flau, obgleich man viele Landleute aufgeboten hatte, die an Stelle der ausgebliebenen israelitischen Handelsleute den Handel machen sollten.— Dieser Tage fand in Karlsruhe gelegentlich des fünften badischen Sängerbundfestes ein „Wettsingen" statt, an welchem 160 Vereine mit circa 6000 Sängern aus den verschiedenen Städten und Städtchen Badens theilnahmen. Den ersten Preis für ausgezeichnete Leistungen im „Kunstgesang" erhielt der „Liederkranz", ein Mannheimer Verein, der nur aus Juden besteht und dessen langjähriger Dirigent Herr Hofkapellmeister Langer ist. Das Preisrichterkollegium bestand aus den Herren: Domkapellmeister Kanorlander - Augsburg, Prof. M. Meyer-Albersleben-Würzburg, Komponist Pfeil-Leipzig, Hofkapellmeister Ruzek-Karlsruhe und Musikdirektor Zöllner Köln. — Wie ein französisches Blatt wissen will, soll durch kaiserliche Verfügung die geistliche Oberleitung über ganz Elsaß-Lothringen dem Straßburger Konsistorium übertragen werden. — Zu Bis ch w e iler (Elsaß) starb jüngst der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Herr Schweitzer. Seiner Beerdigung wohnten die sämmtlichen Notabilitäten des Ortes, der Bürgermeister, die evangelische Geistlichkeit u. v. A. bei. — Am 9. Juni hielt in Wien unter dem Vorsitze des Präsidenten David Ritter v. Guttmann die israelitische Allianz ihre (17.)Generalversammlung ab. Der Rechenschaftsbericht konstatirte die erfreulichen Fortschritte, welche unter der Aegide des Vereins das Schulwesen in Galizien zu verzeichnen hat, und betonte mit lebhafter Befriedigung die bevorstehende Eröffnung einer neuen Schule in Boryslaw. Auch in den übrigen Kronländern wurden namhafte Subventionen für Einführung und Erhaltung eines regelrechten Religions-Unterrichtes bewilligt. Ferner wurde der Förderung des Handwerkes unter der israelitischen Jugend besondere Aufmerksamkeit zugewendet und diesem Zwecke namhafte Opfer gebracht. Der Verein zählt4258Mitglieder. — Herr Dr. Samuel Frankfurter wurde zum Amanuensis an der Universitäts-Bibliothek in Wien ernannt. — Die österreichische Regierung hat in diesen Tagen Herrn B aron Hirsch eröffnet, daß sie bereit sei, die ihr vorgelegten Statuten seiner Stiftung für Galizien, Krakau und die Bukowina zu genehmigen, unter der Bedingung, daß ihr das Recht eingeräumt werde, die Hälfte der Kuratoren zu ernennen, während die andere Hälfte durch Kooption sich stets ergänzen soll. — Der neue Oberrabbiner von Prag Dr. Nathan Ehrenseld wurde am 4. Juni Nachmittags in sein Amt eingesührt. — Die philosophische Fakultät der Budapester Universität beschloß, entgegen dem Vorschläge des Universitäts-Senats an ihrem früheren Beschlüsse festzuhalten und dem Unterrichtsminister die Ernennung Dr. Heinrich Marczali's, eines Juden, zum suppl. Professor für die Geschichte des Mittelalters zu empfehlen. — Der Rabbiner und Vorstand von Plojesti, welche unter der Beschuldigung des bekannen Blutmärchens in Untersuchungshaft waren, sind, nachdem ihre Unschuld klar zu Tage getreten, wieder auf freien Fuß gesetzt worden. — Die im Gouvernement Minsk gelegene, größtenteils von Juden bewohnte Stadt Dawid-Grodek ist von einer großen Feuersbrunst heimgesucht worden. 700 Häuser, die katholische Kirche, 2 Synagogen und das Postgebäude sind eingeäschert. Tausende von Menschen brod- und obdachlos. — Nach Berichten der polnischen Blätter sind im littailischen, größtentheils von Juden bewohnten Städtchen Lohojsk antisemitische Exzesse vorgekommen, welche eine große Ausdehnung annahmen. Viele Bauern, welche den Schnaps mehr als nöthig zugesprochen hatten, drangen in Folge von Verhetzungen gewaltsam in Kaufläden und Wirthschasten der Juden ein, vernichteten Alles, was nicht niet- und nagelfest war, und warfen Werthsachen der jüdischen Bewohner auf die Straße. Innerhalb zweier Stunden war das Städtchen fast ganz verheert. Die Sicherheitsorgane, welche dem Vernichtungswerke Einhalt thun wollten, wurden verhöhnt und mit Steinen beworfen; zahlreiche Polizeiwachleute und jüdische Kaufleute sind verwundet. — Die Umstand, daß sich unter den in Paris verhafteten Russen einige Juden befinden, hat der russischen Regierungspresse den willkommenen Anlaß zu einer Judenhetze gegeben. Nur ein Petersburger Blatt, die „Nowosti", glaubt nicht an das „Komplott" und erklärt, daß, wenn auch unter den verhafteten Russen sich einige Juden befinden, ihnen in jedem Falle nicht die Leitung und der Oberbefehl gehörte. — Am Donnerstag nach Pfingsten fand zu Paris, im Tempel Rue de la Victoire, die feierlich e Kon firm ation durch den Rabbiner Mayer und den Großrabbiner Zadoc-Kahn statt. Die Zahl der Eingesegneten beträgt 70, darunter der größere Theil Mädchen. — Ein jüdischer Pianist, Herr Eduard Zeldenrust von Amsterdam, debütirte in einem Konzert des „Königlichen Dilettanten-Orchester-Vereins" in London und rief sein glänzendes Spiel einen hochgradigen Applaus hervor. - Bei dem Festessen zur Hebung des Taubstummen-Unterrichtes in London gedachte der Lord-Mayor Jsaacs der seligen Baronin Mayer Rothschild, die sich große Verdienste um die Verbesserung des alten Unterrichts-Systems erworben hatte. Darauf erwiederte Graf Roseberry, der Präses des Gemeinderaths von London: „Die Metropole von England hat noch nie einen besseren Lord-Mayor besessen, als jetzt, und wäre es auch deswegen, weil noch keiner sich mit solcher Wärme der Armen und Unglücklichen angenommen hat, wie Sir Henry Jsaacs. Der Verein, in dessen Interesse wir hier beisammen sind, verdankt znm größten Theile seine Entstehung und Blüthe der Theilnahme jener Mitglieder, deren Wohlthätigkeitssinn in England und in der ganzen Welt berühmt ist Die Wohlthätigkeit der Juden ist eine Thatsache, welche ihnen die ilnbedingte Anerkennung und Dankbarkeit Großbritanniens sichert." — Herr Avram Effendi Fahrt, Beamter im Ministerium des Aeußeren zu Konstantinopel, ist zum Subdirektor des PreßBureaus ernannt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.