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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-20 · Heft 23 (20.6.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 23 (20.6.1890)
Date
1890-06-20
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 20. Juni 1890. K4. Jahrgang. Nr. 23. Werktage zur „AkLgemeinen Zeitung öes Iuöenlhurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. X Berlin, 16. Juni. Auch in die Kolonialdebatte, die der deutsche Reichstag am 12. Juni führte, spielte das Judenthum hinein. Der konservative sächsische Abgeordnete v. Fr ege hatte in seiner Rede ausgeführt: „Wir haben eine höhere Meinung von dem Kaufmannsstand, dem der Junggeselle Herr Bamberger Profitwuth als Triebfeder alles Handelns zuschreibt. Ich spreche allerdings von dem christlichen Kaufmann, der ja vielleicht nicht so viel mehr bedeuten mag." Hierauf bemerkte der Abg. Dr. Dohrn in seiner Rede: „In einem Punkte bin ich — und das freut mich, dem Herrn Vorredner gegenüber zum Schlüsse bemerken zu können — in der angenehmen Lage, mich mit ihm in Uebereiustimmung zu wissen. In Ostafrika ist bisher nichts von der Abneigung gegen die Semiten und der Hetze gegen dieselben vorhanden; an dieser Stelle scheint Herr Dr. von Frege vollständig frei von allen Anwandlungen von Antisemitismus und, wie der lebhafte Beifall der Herren auf jener Seite gezeigt hat, auch seine konservativen Freunde. Man darf also wohl annehmen, daß Emin Pascha und Konsul Vohsen, welche beide Herren dem semitischen Elemente angehören, und deren Bedeutung für die ganze wirthschaftliche Entwickelung in Ostafrika leinen Augenblick verkannt werden kann, in erster Linie wegen ihrer großen Kenntniß der dortigen Verhältnisse berufen sind, ihre Thätigkeit erfolgreich fortzusetzen imb vielleicht das zu erzielen, was meines Erachtens nothwendig ist als die Prämisse für weitere Bewilligungen: nämlich die wirklich wirthschaftliche Leistung zu setzen an Stelle der Versprechungen und schönen Aussichten, mit welchen wir heutzutage abgespeist werden." Zum Schlüsse sprach in folgender persönlichen Bemerkung der Abg. Dr. Bamberger: „Herr Frege hat, wie schon früher häufig, in Ermangelung von wirklichen Thatsachen sich wieder einmal in sein engeres Gebiet des Antisemitismus zurückgezogen und eine antisemitische Rede zum Besten gegeben. Wenn aber einer der Herren in Zukunft sich mit meiner Person beschäftigt und gegen mich Vorwürfe ethischer, moralischer und nationaler Art richtet, so soll er sie nicht darin eintleiden, daß ich nicht als Christ geboren bin, denn bekanntlich haben auch solche Leute, die nicht als Christen geboren sind, gute Eigenschaften aller Art; und andererseits, wenn Jemand seine Relrgion wechselt, so wechselt er damit nicht sein Gemüth und seinen Charakter. Ich bin doch nicht hier im Aufträge meiner Mandanten wegen einer konfessionellen Qualifikation. Wenn man mir also Vorwürfe machen will, so soll man es direkt thun, indem man die Mangelhaftigkeit meines Charakters und meines Geistes angreift, nicht aber, indem man es in Sätze und Formen einkleidet, die sich in antisemitischen Hetzreden bewegen. Ich stehe seit 22 Jahren als Vertreter meiner Wähler vor dem deutschen Reichstag, unb ich kann es ruhig meinen Kollegeil und Landsleuten überlassen, darüber zu urtheilen, ob ich meiner Konfession wegell weniger meille Pflicht gethan, weniger anständig gewesen, mit weniger Anstrengung nub Arbeitskraft hier gearbeitet, und ob ich mit irgend einem eigennützigen Zweck verbunden meinen Aufgaben nachgekommen bin. (Beifall links.) Wer mir etwas vorzuwerfen hat, soll das in direkter Form und nicht in verblümten Sticheleien thun, auf welche ich direkt nicht eingehen kann, und auf die indirekt einzngehen ich unter meiner Würde halte. (Lebhafter Beifall links.) Herr v. Frege ist sogar so weit gegangen, daß er rnir auch vorgeworfen hat, ich sei ein Junggeselle; ich war 22 Jahre verheirathet. Wenn daher Herr v. Frege konsequent in seinen Anschauungen sein will, so muß er nicht nur Erbieten wollen, daß Juden in den Reichstag kommen, sondern er muß auch verlangen, daß Jeder, der Wittwer geworden ist, sich zum zweiten Mal verheirathet, wenn er Reichstagsabgeordneter sein will." (Große Heiterkeit.) Abg. v. Frege erwiederte hierauf: „Ich habe dllrchaus keine konfessionellen Gegensätze in die Debatte bringen wollen. Ich habe nur von der Kenntniß der kaufmännischen Verhältnisse gesprochen, die ich mir selbst erworben habe, und da ich zufällig keine Beziehungen zu semitischen Kaufleuten habe, sprach ich vom christlichen Kaufmann. Auch ich würde beklagen, wenn Herr Bamberger nicht mehr hier wäre, da hier der beste Boden ist, um unsere gegensätzlichen Anschauungen zur Sprache zu bringen." Schließlich sprach auch noch der Abg. Liebermann v. Sonnenberg: „Leider kann ich nicht im Rahmen einer persönlichen Bemerkung meiner Verwunderung über die Ausführullgen des Herrn Bamberger Ausdruck geben." Präsident v. Levetzow macht den Redner hierbei unter allgemeiner Heiterkeit darauf aufmerksam, daß, da er nicht persönlich erwähnt sei, er auch nicht das Recht habe, in einer persönlichen Bemerkung zu erwiedern. Damit hatte die Debatte ihren Abschluß erreicht. * Berlin, 17. Juli. Die Antisemiten im Reichstage haben sich feierlich zu vier Mann als antisemitische Fraktion konstituirt. Böckel ist Vorsitzender, Werner Stellvertreter, Zimmer mann Schriftführer und Pickenbach — — Schatzmeister! Liebermann von Sonnenberg aber hat es abgelehnt, der Fraktion beizutreten. □ Berlin, 15. Juni. Vor einem zahlreichen Auditorium hielt gestern Herr Rabbiner Dr. Stier aus Steinamanger eine Gastpredigt in der neuen Synagoge. Anknüpfend an den dem Wochenabschnitte entnommenen Ausspruch des Kaleb: „Lasset im§ hinaufziehen" (4. B. Ai. XIII. 30.) sprach der Redner über den Beruf Israels. Eine Kritik an der Rede 51t üben, müssen wir uns aus den bei den früheren Gastpredigten bereits dargelegten Gründen enthalten. Auf jüdischwissenschaftlichem Gebiete hat sich Herr Dr. Stier, ein Schüler des Breslauer Seminars, durch einige bebeuteubere Arbeiten rühmlich bekannt gemacht. Die Gastpredigt des Herrn Dr. Neumann aus Groß-Kanisza wird itid)t am kommenden Sabbath, sondern erst am 28. Juni stattfinden, während am nächsten Sabbath Herr Dr. Stier noch einmal, und zwar in der alten Synagoge in der Heydereutergasse sprechen wird. n. Berlin, 13. Juni. Der bekannte hebräische Publizist Samuel Fuchs hielt vorgestern in einem hiesigen wissenschaftlichen Verein einen Vortrag über „Das Leben und Wirken der jüdischen Aerzte im Mittelalter", dessen reichhaltiger Inhalt von Interesse sein dürfte. Zunächst wies Redner in seinem Vortrag darauf hin, wie die Juden trotz der Unterdrückungen und Verfolgungen im Mittelaller hervorragenden Antheil an der Verbreitung und Erhaltung der Wissenschaften genommen, wie sie besonders aber auf dem Gebiete der Heilkunde eine bedeutende theoretische und praktische Thätigkeit entfaltet haben. Vom Orient ausgehend, entwarf sodann Redner ein interessantes Bild der ausgezeichnetsten jüdischen Aerzte in den verschiedenen europäischen Ländern, welche nicht nur unter den Bekennern des Judenthums, sondern auch unter den Andersgläubigen Anerkennung und Dankbarkeit sich erworben haben. In begeisterten Worten schilderte Redner das Leben und Wirken jedes einzelnen jüdischen Arztes und schloß mit den Worten, daß die edle Gesinnung und reine Humanität der jüdischen Aerzte im Mittelalter den jüdischen Aerzten der Gegenwart zum Muster und zur Nachahmung werden möge. L Berlin, 16.Juni. Die gestrige Sitzung der Repräsentantenv ersammlu ng war in ihrem ersten Theile der Entgegennahme geschäftlicher Mittheilungen 1111b der Ergänzung der ständigen Deputationen, deren eine — die für das Schulwesen — durch den Tod des Kommerzienraths Friedländer eine Lücke aufwies, gewidmet. Die Versammlung beschloß sodann, zur Enthüllung des Denkmals für Moses Mendelssohn in Dessau Herrn Justizrath Makower als offiziellen Vertreter der jüdischen Gemeinde Berlin zu deputiren. Für die Veranstaltung von Nebengottesdiensten an den hohen Feiertagen war bisher im Gemeindeetat die Summe von 6000 Mk. ausgesetzt. Die Erfahrrrng des vorigen Jahres hat gelehrt, daß dieser Betrag dem tatsächlichen Bedürfniß nicht gerecht wird, und daß sich die Einbringung von nachträglichen Bewilligungen als nöthig erwies. Es wurde daher für dieses Jahr der betreffende Etatstitel auf 12,000 Mk., also um das Doppelte, erhöht und außerdem auch beschlossen, wegen des Mangels an geeigneten Lokalen in den Hörsälen der Gemeinde-Knabenschule und des Reichenheim'schen Waisenhauses Gottesdienst 31t veranstalten. Ein fernerer Beschluß, welcher nicht verfehlen wird, in allen Kreisen nuferer Gemeinde Beifall zu erwecken, galt der Einsetzung einer Petitions-

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