Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 23 (20.6.1890)
- Date
- 1890-06-20
- Page
- Seite 320 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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320 mir doch in einigen Worten zn sogen, wos wir unter unserm Gesichtswinkel in dem Gefeierten zn besitzen glauben. Zwar trennt uns nur ein Jahrhundert von dem Tode Mendelssohns, und ein halbes Jahrhundert mehr von seiner Geburt, aber die Politischen und sozialen Verhältnisse haben gerade in den Beziehungen, von welchen ich hier zu sprechen habe, sich so verändert, als lügen viele Jahrhunderte zwischen damals und jetzt. Es ist kaum möglich, sich ganz in die Lage zu versetzen, in welcher die Juden in Deutschland sich befanden, als die Morgenröthe einer besseren Zeit für sie anbrach. Dennoch kann eine gerechte Würdigung Mendelssohns nicht anders gefunden werden, als wenn man die Zeit betrachtet, in welcher er empor kam. Nicht abstract darf gefragt werden, welcher Rang gebührt Mendelssohn unter den besten Denkern deutscher Nation; welcher Rang ist ihm in der Litteratur und unter den Sprächreinigern anzuweisen; hat er mehr oder weniger als Andere zur Belebung und Erstarkung des Nationalgefühls beigetragen? Vielmehr ist zu fragen: welche Leistung hat Mendelssohn aufzuiveisen unter den Umstünden, in welchen er heranwuchs und bei der damaligen allgemeinen Lage der Juden? Von unscheinbarem Herkommen, arm und hilflos, nicht ausgestattet mit dein Empfehlungsbrief, welchen die gütige Natur so manchen Menschen als ein Geschenk in die Wiege legt, der gefälligen Erscheinung, herangebildet in der frühesten Jugend nur auf einem einzigen, den Juden eigenthümlichen Lerngcbicte, abgewiesen von den Schulen des Landes, beengt einerseits durch die hergebrachten Satzungen und Gebräuche einer strengen, abgeschlossenen Richtung und andererseits durch die hemmenden Gesetze, die Sitten und Vorurtheile aller anderen Kreise, ringt sich dieser Mann in wenigen Jahren zu einer Bedeutung durch, welche dauernde, heilsame Spuren seiner Wirksamkeit hinterlüßt. Dies ist eine Leistung, welche Sie durch Errichtung eines Denkmals anerkannt haben. Um diese Leistung zu vollbringen, war nicht nur eine hohe natürliche Begabung, sondern auch eine eiserne Willenskraft und Ausdauer erforderlich, wie sie wenigen Menschen beiwohnt. Es ist doch wahrlich etwas Außergewöhnliches, daß Jemand, dessen Glaubensgenossen seiner Zeit noch das Lesen eines deutschen Buches als etwas Unhciliges erachteten, seine Werke über schwierige Gegenstände in einem untadeligen, wissenschaftlichen und doch gemeinverständlichen Deutsch schrieb. Es ist ungewöhnlich, daß Jemand, der fast bis an sein Lebensende noch keine gesicherte Heimstätte in Deutschland hatte, dem jeder Beruf außer dem Kleinhandel versagt war, und der als Fremder behandelt wurde, im Verein mit seinen Freunden das deutsche Nationalgefühl wach rief. Amnuthend vor Allem in seinem ganzen Wesen will mir die Ruhe und der Gleichmuth erscheinen, welche er in seiner Lage bewahrte. Freilich mag ihn die Religion und die Philosophie, wie es bei vielen Anderen geschehen, über das Drückende seiner Lage erhoben haben, aber schön bleibt es doch, daß er weder in Streitsucht noch in Bitterkeit verfiel, daß er sein Urtheil nicht durch Leidenschaft beirren ließ, daß er bescheiden und nachsichtig verblieb. Hierdurch ist er für alle Zeiten einVorbild für seine Glaubensgenossen geworden. Gewiß haben sich die Verhältnisse sehr geändert, seit Mendelssohn lebte, und so Manches, das er herbeisehnte, zeigt sich bei der praktischen Durchführung im Leben schwieriger, als es dem Philosophen erschienen sein mag. Jndeß, wenn Mendelssohn die Schwierigkeiten zu beseitigen suchte, welche in seiner Zeit bestanden, so bleibt späteren Geschlechtern die Aufgabe, die neu hervortauchenden Schwierigkeiten zu überwinden. Nachdem die rechtlichen Hindernisse, welche die Juden verhinderten, nützliche Mitglieder des Staates zu sein, durch das freiwillige Entgegenkommen und die bessere Einsicht ihrer Mitbürger, sage ich gerade heraus der Christen beseitigt sind, nachdem die trennende Scheidewand gefallen ist, bleibt uns Juden übrig, den Beweis zu führen, daß dieser Schritt nicht nur von der Gerechtigkeit geboten war, sondern auch dem Vaterlande frommt. Dies können wir nur herbeiführeu, wenn wir in dem Geiste der Verträglichkeit und Ruhe wirken, mit dein Ernste, der Selbstbeherrschung, der Zurückhaltung und der Bescheidenheit, für welche Mendelssohn ein Vorbild bietet. Die Berliner Gemeindebehörden sind sich dessen bewußt und werden sich bemühen, ihm in diesen Wegen zu folgen. Meinen Trinkspruch fasse ich in die Worte zusammen: Wir haben ein gemeinsames Vaterland, dessen Wohlergehen wir Gut und Blut und unser Liebstes zu opfern haben. Lassen Sie uns wie Brüder, jeder in seiner Eigenart, zu dessen Blüthe und Verherrlichung beitragen. Das Vaterland, das deutsche Vaterland es lebe hoch!" Und keinen würdigeren Abschluß weiß ich für meinen Festbericht, als diese warmen und eindringlichen Worte des verehrten Mannes. Mögen sie noch lange in den Gemüthern nachklingcn, und mögen die Stimmungen dieses Festes fortwirken auch im Getriebe des Alltags! Das ist ja der Segen, der aus der Lebenssaat großer Geister hervorspricßt, daß noch ferne Geschlechter ihren Namen Preisen dürfen um des Guten und Großen willen, das sie in der kurzen Spanne Erdendaseins, die ihnen beschieden gewesen, zusammcngedrängt haben. Das Denkmal Moses Mendelssohn'» steht nunmehr in Dessau als ein Wahrzeichen deutscher Geistesfrciheit, als ein Svmbol der Verbrüderung, der gegenseitigen Duldung und der werkthütigen Liebe, die Mendelssohn im Leben geübt und in seinen Schriften mit frommer Begeisterung verkündet hat. d Litterarische Mittheilungen. Henry de Rothschild: L’arc de Titus. Coinple rendu d'une Conference faiie a la Sociele des Etudes Juives le J mai 1890. Ein Bericht von einem Baron Rothschild in Paris über einen Vortrag in einem „Verein für jüdische Wissenschaft" — Societe des Etudes Juives — ist eine in mancherlei Hinsicht sehr interessante Schrift. Der Verfasser, Sohn des Begründers des genannten Vereins, zeigt, daß er der würdige Nachkomme seines allzu früh vollendeten, hochbegabten und für die Wissenschaft begeisterten Vaters ist. Die Schrift ist ein fruchtbares Samenkorn, ein für jüdische Studien und ihre Förderung vortreffliches Vorbild. Sie ist auch ohne den illustren Namen ihres Verfassers hochinteressant durch sich selbst. Henry de Rothschild zeigt ein entschieden litterarisches Talent; namentlich ist seine Porträtmalerei von ergreifender Anschaulichkeit. Der Bericht beschäftigt sich mit der Besprechung eines im genannten Verein von Salomon Reinach, Konservator am Museum von Saint Germain, gehaltenen Vortrags über den Triumphbogen des Titus in Rom. Reinach schließt seinen kulturhistorischen Essai, welcher burdj eine architektonisch getreue, von Molteni hergestellte Nachbildung des Titusbogens bis zu lebendiger Anschauung verdeutlicht wird, mit folgenden herrlichen Worten: „Am Triumphtage des Titus schloß eine Thorahrolle den Siegeszug. Der Sieger und Kaiser Titus ist todt. Der Triumphzug ist hingeschwunden wie eine Vision. Rom hat seine Herrscher mehr als zwanzig Mal seitdem gewechselt; aber die Strahlen der Thorah leuchten uns noch immer." Auch wir wollen trotz der Ungunst der Zeit und der uns entgegengebrachten Feindseligkeit die Hoffnung für die Zukunft Israels nicht aufgeben, so lange die Wissenschaft des Judenthums noch lebt und die Großen unseres Stammes ihre begeisterten Mäcenaten und Anhänger sind, wie wir einen solchen in Henry von Rothschild kennen gelernt haben. P. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.