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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-20 · Heft 23 (20.6.1890) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 23 (20.6.1890)
Date
1890-06-20
Page
Seite 319 (sequence 11)
Language
German
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319 Das Mendelssohn-Denkmal in Dessau. Von Gustav Karpeles. So Hut denn mich Moses Mendelssohn ein Denkmal in Deutschland, errichtet in seiner Vaterstadt, ans der er vor unninehc einhlnidertnndsiebenundvierzig Jahren mit einem kleinen Päckchen in der Hand nach Berlin fortgczogen, um dort zu „lernen". Werdas dem armen Mendel Sofer gesagt hätte, als er seinen Moses U> Rabbi David Frünkcl schickte! Das; ich es nur gestehe — seit ich in Dessau bin, verfolgt mich gerade dieser Gedanke unaufhörlich. Er zieht mit mir durch die Straßen der freundlichen Stadt, er folgt mir in das kleine Hällschcn in der Askauischen Straße, er ließ mich nicht los im feierlichen Augenblick, da die Hülle von dem Denkmal des jüdischen Weltweiscn fiel — und selbst in dem Momente, da ich darangehe, in diesen Zeilen das schöne Fest zu schildern, guckt mir die Gestalt des guten Mendel Sofer über die Schlittern, und cs ist mir, als hörte ich ihn mit leise bebenden Lippen ansrnfen: „Gelobt ieist Tn, o Gott, der Du erfüllt hast und mrs erleben und erreichen hast lassen diese Zeit!" Und freudig bewegt stimme ich in diesen Scgcnsspruch ein, von den großen Eindrücken erfüllt, die die Enthülluugsfcier in fv reichem Maaße geboten, und die ich min, so gut cs in der Hast des Festtages eben gehen mag, meinen Lesern zu schildern versucheil will. Wenn ich damit beginne, daß ein wolkcnschwerer Hiinmel über der sonst so freundlichen anhaltischcn Residenz am Festtage, dem I*. Juni, lagerte, daß aber im Momente der Enthüllung — etwa am halb 1 Uhr Mittags — Plötzlich die goldene Sonne siegreich durch die Wolken brach und mit ihren Strahlen den Fcstplatz, das Denkmal und die glänzende Versammlung vor demselben beleuchtete, so iverdeu meine Leser wohl sagen: „Ja, das kommt in jedem Festbcricht vor!" Blag sein. Und doch war cs so! Uiid uns Allen, die wir das Denkmal umstanden, ging wohl in jenem Moment ein heiliges Ahnen durch die Seele, und dieser Kampf zwischen den Wolken lind dem Sonnenlicht wie der endliche Sieg der Sonne erschien uns wie ein Symbol der Kämpfe, die unsere Gencratioil unserer Zeit zri bestehen l>at, und aus denen ja auch endlich die siegreiche Sonne der Humanität hcrvorbrechen wird, der der beste Theil der Lebensarbeit Moses Mendelssohns gciveiht war. Etwas wie ein Hauch dieses weltweiten allumfassenden Huinanitätsgedankens ist aiich über die Büste auSgegoffen, die einen stattlichen Brunneii in den schöne» Anlagen vor den; Bahnhof in Dessau schiilückt. Die Büste ist in doppelter Lebensgröße, nach der alten von dem Hofbildhaucr Teffaert in Berlin kurz vor dem Tode Mendelssohils modellirten, gehalten. Sie ist aber edler, geistvoller in der Auffassung; sie giebt mehr von der großen Individualität des Originals wieder. Ter Künstler, der sie gemeißelt, Heinz Hoffmeister in Berlin, darf auf dieses Werk mit Stolz blicken. An dem Sockel des Brunnens sitzt in vornehmer Haltung eine allegorisch-weibliche Figur, die Philosophie darstellend, den Kopf nach der Seite geneigt, den einen Arm auf eine Tafel stützend, die die Inschrift trägt: „Glaube, Duldsamkeit, Unsterblichkeit." Das ist das Mendelssohndenkmal in Dessau, dessen Enthüllungsseier ich nunmehr schildern will. Sie wurde programmgemäß um 'Al Uhr mit einem von dem Dessauer Oberbibliothekar Herrn Gcheimrath Hosäns gedichteten Ehorgesang nach einem Tonsatz von Mcndelssohn-Bartholdy eröffnet, und zwar in Anwesenheit des regierenden Herzogs und der Herzogin, sowie des Erbprinzen und seiner Gemahlin, der Frau Prinzessin Friedrich Earl von Preußen, und des gcsammten Hofstaats, der Regierungs- und Kreisbehörden, der Familie Mendelssohn ans Berlin und Leipzig, zahlreicher Deputationen und Honoratioren und einer großen Masse Volkes aus allen Thcilen des anhaltischcn Landes. Darauf folgte die Festrede, die Professor Tr. Adolf Lasso» gehalten, und die, >vie ich höre, uüchster Tage im Druck erscheinen wird. Sie schloß mit der Mahnung, daß das deutsche Volk die Worte Mendelssohns au seine Zeitgenossen stets beherzigen möge: Liebet die Wahrheit, liebet den Frieden. Nach einem abermaligen Ehorgesang betrat Herr Landesrabbiuer Tr. S. Weiße die Rednerbühnc, um in einer sehr taktvollen und formvollendeten Rede, die ich ihres Inhaltes wie der Sache wegen als einen wahren Kiddlisch Ha-Schem begrüßt habe, das Denkmal der Stadt Dessau zu übergebe», in deren Auftrag Herr Oberbürgermeister Funk das Denkmal übernahm und in treuer Obhut zu bewahren gelobte, den Grundsätzen treu, die in Dessau stets gepflegt worden seien, den Grundsätzen der Liebe und Humanität. Mit einem stimmungsvollen Schlußchor hatte das Fest fein Ende erreicht. Tie Verse dieses Schlußchors hallten aber noch lange in der Seele aller Hörer nach: Gute Geister nah und ferne, Eilt zn frommer Hut herbei, Daß es unterm Schuh der Sterne Allzeit wohl geborgen sei! Etwa eine Stunde später versammelte sich eine illustre Festgcmeinde in den schönen Räumen des Bahnhof - Hotels zum offiziellen Diner. Dasselbe wurde vom Herrn Restaurateur Peltefohn ans Berlin geliefert, dessen Küche dadurch ein neues glänzendes Zeugnis; ihrer eulinarischen Bedeutung und Leistungsfähigkeit abgelegt hat. Von den Toasten erwähne ich nur die des Herrn Gehcimraths Rindfleisch auf den deutschen Kaiser und den Herzog von Anhalt, des Herrn Obcrschulraths Rümelin ans die Familie Mendelssohn, des Herrn Ernst Mendelssohn-Bartholdy Namens dieser Familie auf das Fest-Comitö, des Herr» Oberbürgermeisters Funk auf den Festredner, des Pros. Lasso»'ans den Bildhauer, des Landrabbincrs Dr. Weiße auf die Stadt Dessau, des Herrn Sanitätsraths Tr. L. Fürst auf die akadenlische Jugend, des shul. jm\ Hoffman», der int Aufträge des „Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" einen Kranz ans das Denkmal gelegt hatte und nun auf die jüdische Wissenschaft einen Toast ausbrachte, des Herrn Rabbiners Tr. Porgcs ans Leipzig auf die Verbrüderung der Konfessionen, und des Herrn Rabbiner Dr. M. Rahmer, der den geistvollen Epilog des Festes sprach, um schließlich bei dem Toaste des Herrn Justizraths Makower aus Berlin, der die dortige jüdische Gemeinde vertrat, länger zn vertvciten. Tenn dieser Toast hat einen tiefen Eindruck hcrvorgebracht; er hat die Gefühle und Stimmungen der deutschen Juden bei diesem Feste in so treffender Weise charakterisirt, das; er seines Eindruckes bei Christen und Inden nicht verfehlen konnte. Ich freue mich, diese vortreffliche Tischrede hier im Wortlaut mitthcilen zu können. Sic lalltet folgcndcrinaßcn: „Geehrte Festgenoffeil! Die Behörden der jüdischen Gemeinde zu Berlin haben mich mit dem Aufträge beehrt, sie bei dem heutigen Feste zu vertreten; sie leiten ihre Befugnis; sich hören zn lassen aus dem Umstande her, das; Moses Mendelssohn seit dein 14. Lebensjahre in Berlin gewirkt hat und glauben die Pflicht zu haben, ihrer Dankbarkeit Ausdruck zu geben für das, was der Gefeierte ihnen und den deutschen Juden geleistet hat. Nun bin ich freilich der Unzulänglichkeit meiner Kräfte mir bewußt , die Wirksamkeit Mendelssohns überhaupt, und ltamentlich in den; knappen Rahmen einer Tischrede zu schildern, aber gestatten Sie

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