Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 23 (20.6.1890)
- Date
- 1890-06-20
- Page
- Seite 318 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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318 „Meinen Sie vielleicht den Gotthold Tobias? Schon zweimal > ist da die Partie auseinander gegangen, wie können Sie die nur! mit meinem Helenchen in einen Mund nehmen, — na, also es bleibt! dabei; Sie bekommen das Schwarze-Atlas mit den Moirostreifen und in acht Tagen melden Sie ihn. Es möchte übrigens gut passen in acht Tagen, da ist grad' mein Jubiläum, — ich höre sogar, sie > wolle» mir eine Ovation bereiten, lieft mir gar nichts daran, ich bleibe am liebsten für mich, na, wenn es nicht anders sein kann, — j ich betheilige mich ja auch bei den Anderen immer sehr gern, das ist man sich gegenseitig schuldig. A'a adieu, Frau Lehmann. Halt — Herr College Stadtverordneter, wohin?" Ans der Thür tretend hatte er den vorbei eilenden Apotheker erblickt. „Nicht so hastig, nehmen Sie mich doch mit, gehn Sie auch ein bischen in die Kneipe? Wissen Sie, bei mir ist das 'ne Seltenheit, Herr Kollege, wissen Sie, in den sündundzwanzig Jahren, die ich hier jetzt etablirt bin, ja ja, Freundchen, 's sind fünfundzwanzig Jahr, gerade jetzt am 28. bin ich vielleicht — nun rathen Sie ■ einmal, wie oft ich in ein Lokal gehe, -- ich sage Ihnen, keine zehn Mal — „Ja, unser einer, lieber Herr Meyer, ist darauf angelviesen." „Lieber Kollege Stadtverordneter, kommt Alles vom Nicht-! heirathen, das war mein klügster Streich, als ich meine liebe Frau nahm, war gerade zwei Jahre etablirt, dreinndzwanzig Jahre sind wir nun verheirathet — stimmt genau." Bald darauf saßen sie im „Deutschen Hofe" gemüthlich bei einem Echten, das Meyer kommen ließ; es war die Plauderstunde des Tages, und die Tafelrunde vergrößerte sich stetig. Der Stadtverordnetenvorsteher, der Oberlehrer des Gymnasiums, in welches Hans Meyer, der fünfzehnjährige Sohn unseres Freundes, ging, war auch erschienen. „Na, Herr Oberlehrer," begann Meyer, „was macht mein Hans?" „Schlechte Aufsätze, lieber Herr Bleuer, schlechte Exereiticn, sein einzig gutes Fach ist Rechnen." „Herr Oberlehrer, was meinen Sie wohl? Rechnen ist eine Hauptsache im Leben." Dann sprach inan vom Sommer, vom Wetter, von ^>en Ernten, die durch das Hochwasser im Frühjahr sehr gelitten hatten. „Sv toll war es noch nie," sagte der Herr Stadtverordnetenvorsteher. „Es mögen 18 bis 1!> Jahre her sein," rechnete der Oberlehrer, „das; wir hier in der Niederung die Noth hatten." „Bitte sehr um Entschuldigung, es ist langer, viel länger her," siel Meyer hastig ein, „ich weiß es noch wie heut, meine Herren, es war kurze Zeit vor meiner Etablirung, sehen Sie, am 28. Juni 18<>! habe ich mich etablirt, ich wollte eigentlich schon im April, aber da kam die böse Ueberschweunnungszeit, und ich wartete noch. Wenn man so deiikt — ein Bierteljahrhundert —" Und er zog die Stirn in die Höhe, wiegte den Kopf hin und her und schaute pfiffig die Nebensitzenden an. „Will nicht streiten, Herr Meyer," sagte der Oberlehrer bescheiden, „wenn Sie so genau Taten anführen." „Mein lieber Herr Oberlehrer, man irrt sich doch nicht bei seiner Etablirung, da wird mir der Herr Vorsteher gewiß Recht geben." „Gewiß nicht," sagte der Angerufene würdevoll, „man pflegt sich wohl so etwas zu merken, wenn es auch eben nur Interesse für den engeren Kreis hat." Meyer wurde nachdenklich und still, beschloß, nach Hause zu gehen und empfahl sich. Morgen war Bezirksversammlung, vielleicht, daß sich da etwas thun ließ. Zn Hans angekomnien, fand er seinen Augapfel, sein Helenchen, richtig am Klavier; schon auf der Treppe hatte ihn Spindlers „Hnsarenritt" auf diese Situation vorbereitet. Helenchen schien ahnungslos, wie er meinte, denn sie machte genau dieselben Fehler wie sonst und blieb an derselben Stelle stecken. „Guten Tag, mein Goldkind," sagte er, als er ins Zimmer trat. Leuchen nickte ihm liebevoll zu und „perlte" ihre Passagen stückweis herunter. „Du siehst ja so blaß ans, Helenchen," meinte der Pater prüfend, „hast gewiß tvieder so lange bei den Büchern gesteckt, weißt Du was, mein Kind, sing mir doch mal ein Lied, heitere mich ein bischen auf, äh, man hat seine Verdrießlichkeiten, singe mal das schöne Lied —" er versuchte vergebens die Melodie — „Er ist gekommen in Sturm und Regen." „Das kann ich nicht mehr, Papa." „Na versnch's mal, ein junges, gebildetes Mädchen muß heut zu Tage ein Lied singen können, das lieft in der Natur der Sache, man kann doch nicht wissen, es kann grade mal einer konrmen, es braucht ja nicht grade in Sturm und Regen zu sein, das kommt überhaupt im Juni selten vor, es macht sich dann aber grade so nett am Klavier, komm, geh mein Kind, versnch's mal." Leuchen war gehorsam, blätterte in den Noten und fing an zu singen. Das tvar wirklich nur für väterliche Ohren, und jeder Andere, der in Sturm und Regen gekommen wäre, hätte schleunigst Reißaus genommen und wäre ruhig wieder in dem Regen zurückgelanfen, — nein, Singen war Helenchens Spezialität nicht, dabei hörte sie gute Musik, besonders Wagner mit Leidenschaft, während die brünette Emma mehr für Strauß, Millöcker, ja Offenbach schwärmte. „Ist das Tein bestes Kleid, das Du da trügst?" unterbrach Meyer den Kunstgenuß, „wolltest Du nicht mal gern ein rothbraunseidnes haben?" „Ach, es ist ja nicht nöthig, Väterchen, das sagte ich nur damals im Winter, als das Kränzchen war, aber es ist jetzt wirklich nicht nöthig." „Na, weißt Du was, Helenchen, ich werde Dir eins schenken zn zu — meinem Jubiläum, Tu kannst es nachher mit Mutter kaufen." „Auch für Emma eins?" „Gott bewahre, mein Kind, was braucht Emmchen ein seidnes Kleid, die hat noch Zeit." Nach zwei Tagen war große Unruhe im Meyer'schen Hause. Tie Gardinen lvaren abgenoinmen und lagen, betäubenden Seifengeruch ariSstrümend, in Kübeln in der Küche. Im großen Mittelzinnner saß die erste Schneiderin des Städtchens, Fräulein Hossmann, mit zwei Gehilfinnen. Das bewußte Rothbraunseidne schien seiner Bollendung entgegen zu gehen. Eben hatte sich Fräulein Hoffman» in den mageren Finger gestochen, es tvar sogar Blut gekommen. „Das bedeutet ettvas," sagte sie, wichtig thuend zu Helenchen, die still und blaß dabei saß und Knöpfe bezog, „in dem Kleide werden Sie am Ende Braut." „Nun, warum soll Helenchen nicht einmal Braut werden," sagte der eintretende Vater, der diese Worte gehört. „Das lieft dock) in der Natur der Sache." Emma brachte gerade Besperbrod für die Schneiderinnen. Sie seufzte. „Du Glückliche," sagte sie dann und schlug Helenchen auf die Schulter, daß diese zusammenfuhr. (Schluß folgt.) U