Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 23 (20.6.1890)
- Date
- 1890-06-20
- Page
- Seite 316 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Präliminarien. Novelle von B. H e r w i. „Aber, lieber Philipp, ein paar Tage vorher müßte ich's doch immer wissen, schon wegen der Gardinen, das wäre das Mindeste, daß ich reine Gardinen anmache!" „Uebereil Dich nicht, Mütterchen, übereil Dich nicht, so weit sind wir noch lange nicht, erst maß die Bewußte schreiben, dann muß er, der Bewußte wollen, dann erst werden die Präliminarien eröffnet — das lickt in der Natur der Sache." Ter Stadtverordnete Philipp Meyer sprach das g oft wie k aus, besonders betonte er das stets in seinem Lieblingssatze: „Das lickt in der Natur der Sache." „In zwei Tagen Hab' ich aber gar keine Gardinen gewaschen, Philipp, und die Kochfrau muß ich gleichfalls verschreiben, die springt mir auch nicht so auf, und ohne Kochfrau geht's diesmal nicht. Du kannst doch unmöglich verlangen, wenn ich die älteste Tochter verlobe, daß ich in der Küche stehen soll." „Aber Jettchcn, habe ich so etwas schon einmal verlangt, wer spricht von verlangen? Verlange ich's vielleicht für alle Tage? ich ess' die Schnitzel lind gefüllten Hechte gewiß gern, wenn Du sie machst, aber verlangen — das lieft nicht in der Natur der Sache. Kommt Hclenchen nicht bald nach Hause?" „Findest Du sie sehr schmutzig, Philipp?" „Wen — Hclenchen, unser Hclenchen?" „Gott bewahre mich, ich mein' die Gardinen." „Gar nicht, liebes Jettchcn, wunderschön sind sie noch, mach' Dir nicht so viel Wirthschaft, — der junge Mensch wird doch nicht gleich auf die Gardinen sehen, nicht wahr?" „Kommt er allein — nicht, kommt er aber mit der Frau Mutter — ei, die wird sich gut umschen in der Wirthschaft; man kennt das, »a, und wenn die Verlobung perfekt sein wird und alle Bekannten kommen, ich bitte Dich, das ist wirklich die Hauptsache, wann denkst Tu Dir eigentlich den Termin?" „Nun, vor Ende dieses Monats wird's nichts werden, es möchte mir sogar Spaß machen, wenn es am achtundzwanzigsten sein könnte. Und weißt Tu warum? weil da, sozusagen, mein Jubiläum ist, da bin ich gerade fündundzwanzig Jahre etablirter Kaufmann; erst in Kragen und Manschetten, dann in Hypotheken und Grundstücken und endlich mit dem kleinen Bankgeschäft, mit dem der Himmel mich gesegnet hat." „Weiß cs Jemand von der Bekanntschaft, Philipp?" „Ich fürchte — nein, na, ich werde sehen, was sich machen läßt, ich hätte ganz gern so 'ne kleine Feierlichkeit." „Ich backe Dir bestimmt einen Butterkuchcu, mein guter Mann, Tu kannst Dich darauf verlassen, so wie Du ihn liebst, süß und fett, — willst Tu fort, wohin denn?" „Ich möchte mal bei der lieben Frau Lehmann nachhören, ob sie nun schon in Korrespondenz mit dem jungen Mann getreten ist; Tu kannst ja unterdes; bei Hclenchen sondiren, aber um Gottes Willen nichts verrathen, Du weißt, das Mädchen hat seinen aparten Sinn, — übrigens ist die große Stadt doch auch eine Annehmlichkeit." „Wenn er nur für Hclenchen gebildet genug sein wird, lieber Moritz."' „Nun, er ist doch noch jung, da kann er sich schlimmstenfalls noch weiter bilden. Ich sage Dir, Jettchcn, heut zu Tage ist ein gutes Möbelgeschäft auch schon eine große Bildung — adieu Jettchcn!" „Adieu, Philipp!" Frau Jettchcn Meyer blieb in Nachdenken versunken zurück, die Gardinen, die Kochfran, das Jubiläum, der Butterkuchen, all' dies mengte sich in ihren Empfindungen zusammen mit dem Glück ihres Kindes, das ihr sehr am Herzen lag, und versetzte sie in eine wehmüthige, weiche Stimmung; sie dachte zurück, wie sie vor nun dreiundzwanzig Jahren glückliche Braut ihres Philipp wurde. Auch sie hatte einst sogenannte Ideale gehabt, als wohlerzogene Tochter des verinögenden Schlächtermeisters, sie schwärmte damals sogar für Poesie und wünschte sich Heines „Buch der Lieder" zum Geburtstage. Philipp Meyer, zu der Zeit gerade zwei Jahre in Kragen und Manschetten etablirt, hörte von dem Wunsche, das Streben des tüchtigen Mädchens, — die außerdem ihrer Kochkunst, besonders der Nudelspeisen wegen berühmt war, — imponirte ihm, er wußte von den zweitausend Thalern, die für sie auf der Sparkasse lagen, so kaufte er Heines „Buch der Lieder", blätterte erst etwas darin herum und Plötzlich strahlte sein Gesicht — er hatte es ihr nachher oft erzählt. „Sehr gut, sehr gut, äußerst passend," flüsterte er vor sich hin, daun legte er ein Lesezeichen auf Seite 9 und schickte es der Angebeteten. Es kam die erwartete Einladung zur Nudelspeise, und nach Tisch, als die Alten sich wohlmeinend entfernt hatten, bat Jettchcn Herrn Meyer, ihr doch Seite 9 vorzulesen, und Meyer las mit enormem Pathos und etwas durch die Nase: „Im nächt'geu Traum Hab' ich mich selbst geschaut, „In schwarzem Galafrack und seid'ner Weste, „Manschetten an der Hand, (die Manschetten betonte er besonders) als ging's zum Feste, „Und vor mir stand mein Liebchen süß und traut, „Ich beugte mich und sagte: sind Sie Braut? „Ei, ei, so gratulir' ich, meine Beste." Als die alten Musachs — Jettchcn war eine geborene Musnch - wieder hereinkamen, da war ihr Jettchcn Braut, und der Dichter Heine war schuld daran. Und so wie die tüchtige Hausfrau heule noch das Rezept zur Nudelspeise auswendig hersagen konnte, so genau wußte sie das Gedicht von Heinrich Heine, aus dem „Buch der Lieder", Seite 9. Auf manchem Damencafs hatte ihr das ein bedeutendes Renommee als gebildete Frau verschafft. Von Hclenchen war in dieser Beziehung gar nichts zu reden; erst war sie. in die beste höhere Töchterschule gegangen, dann hatte sie Litteraturstunden extra genommen, die feinsten Filetguipures konnte sie machen, Spindlers Husarenritt glitt ihr gleichsam aus den Fingern, man munkelte sogar von einem Beethoven'schen Adagio, mit einem Wort also, ein gebildetes Mädchen. Emma, die zweite Tochter, nur ein Jahr jünger, war anders geartet; sie interessirte sich weniger für die Schule und für feine Litteratur, sondern las lieber Schauerromane; sie gähnte, wenn Helene mit Gefühl ein lyrisches G«dicht vortrug, ging für ihr Leben gern in das Schützenhaus-Theater, half aber auch der Mutter tüchtig in der Wirthschaft, putzte sich mit Vorliebe lind sprach schon seit mehreren Jahren von der guten Partie, die sie zu machen hoffe. Wie die Mutter so in Gedanken saß und in Gedanken die reinen Gardinen schon wieder angebracht, mit der Kochfrau Alles überlegt und zum Butterkuchen eingekauft hatte, kam Hclenchen nach Harrs, mit gerötheten Wangen und blitzenden Augen, schlank, brünett, ein wirklich hübsches Mädchen. „Wo bleibst Du so lange?" „Ich war in der Musikstunde, Mütterchen, und . . . und . . . nun, daß ich Dir nur die Wahrheit sage, ich traf den Referendar Neumann, und er begleitete mich ein Stückchen; er hatte mir nämlich ein Buch geliehen, Mutter, da fragte er, wie mir die Charaktere gefallen, er sprach so wunderschön darüber, daß ..."