Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 23 (20.6.1890)
- Date
- 1890-06-20
- Page
- Seite 315 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachdem Weilt schon mehrere Bücher gegen Esrah geschrieben und sich überdies mit allen bestehenden Religionen, die auf Esrah's Bibelredaktion basiren, vcrü-indet hat, beschäftigt er sich eben mit der Herausgabe einer von den angeblichen „Zuthaten" Esrah's gereinigten „nur"-mosaischen Bibel, /ub traf ihn jüngst bei den Korrektnrarbeiten dieses ,,?aututami>>6 Kesakto". und obwohl ich lieber einige Heine-Reminiszenzen von [i)in gehört hätte, sah ich alsbald, daß M. Weilt sich nur mehr für den „Anti-Esraismus" interessirc. Zu diesem Behufe hat er seine teil sechzig Jahren beseitigten theologischen Folianten tvieder hervorgeholt, wie in den Jahren vor der Julirevolution, als er in Frankiuit mit Main zu den Füßen des hochgelährten Talnuidisten Rabbi Irin' gesessen. Diese Evolution scheint auch Weill's treuer und womöglich noch älterer Wohnungsgenosse, ein Papagei, mitznmachcn, neun er rief unaufhörlich: „Schlemihl!", was für einen Pariser Papagei eine schöne Leistung in hebraicis genannt werden nnifj'). In den erwähnten Niemoirenwerken ist es Weilt vorzüglich geumgen, aus dem glänzenden Zirkel berühmter Schriftsteller und Politiker, die er als Pariser Journalist kennen lernte, auf jene charakleristischen Begebenheiten Gewicht zu legen, von denen man nur in een Eoulissen sprach. Für diese Kehrseiten und dunklen Punkte tonnte es in der Umgebung jener großen Männer gewiß keinen ichärfern Beobachter und auch keinen strengcrn Richter geben, als Weill, dessen Bleibens auch nirgends war, wo er durch seine Aufrichtigkeit zur Last fiel. Als Elsässer der deutschen und französischen Sprache in gleicher Weise mächtig, hatte der frühere Rabbinatskandidat in Frankfurt bis 1*36 bei dem dortigen, von der französischen Regierung subventionirtcn „Journal de Francfort" mitgearbeitet und sich gleichzeitig als deutscher Journalist einen Namen gemacht. Er schrieb nämlich, da ihm in seinem Redaktionsbureau alte Pariser Journale und Revuen zur Verfügung flanden, für die „Augsburger Allgemeine", die „Elegante Welt" (Organ oes „jungen Deutschland") und den Nürnberger „Korrespondenten" aus Paris datirte Artikel über französische Politik und Litteratur, deren dcmotratische Tendenz und geistreicher Stil sehr gefielen und die übrigens von den betreffenden Redaktionen so angepriesen wurden, daß das Publikum die Artikel des anonymen Pariser Korrespondenten Heine jiischrieb. Heine selbst, als er Weilt zum ersten Male sah, sagte lachend: „Sie müssen sehr geistreich sein, denn Ihre Briefe wurden mir zugeschrieben." Außer seinen elsässischen Dorfnovcllen, die Gutzkow im Organ des „jungen Deutschland" veröffentlichte, hatte er in Frankfurt viel an dramatischen Versuchen gearbeitet, wenn auch nicht siir die Bühne, noch für die Nachwelt, da er selbst erzählt, sein .Alexander der Große", seine „Sophonisbc", sowie „Die Pazzi" seien mit Ausnahme einiger Auszüge, welche in den „Grenzboten", sowie m der „Eleganten Welt" erschienen, auf dem groben Packpapier, auf dem er sie geschrieben, von seiner Ouartierssrau zum Einwickeln der Wassergurken verwendet worden, welche diese Dame an die Mutter iämmtlicher Rothschilde lieferte. Eine unerwiederte Liebe zu einem hochadeligcu deutschen Fräulein, Plackereien der Frankfurter Fremdenpolizei, hauptsächlich aber die Mfüllige Bekanntschaft mit dem in Gesellschaft Gärard de Nervals nach Frankfurt gekommenen Alexander Dumas veranlaßten 1836 den als deutscher Journalist bereits das günstigste Renommee besitzenden Weilt, sich zu repatriiren und nach Paris zu gehen, wobei Dumas ihm in seiner bekannten Art die schönsten Verheißungen machte. «.Alexander Dumas hat bekanntlich der französischen Journalistik später ') Das betreffende Werk ist uns eben zngegangen und wird in einer der nächsten Nummern besprochen werden. Die Red. noch einen vielgelesenen Rekruten aus Deutschland zugcführt, den seit 1871 natnralisirten Albert Wolff.) Bis er sie mit einer französischen Feder vertauschen konnte, lebte Weil! auch in Paris von seiner deutschen Feder, indem er die bisher in Frankfurt geschriebenen Pariser Korrespondenzen seinen darob natürlich durchaus nicht ungehaltenen Redaktionen fortan ans Paris selbst sandte. Das Hochgefühl, von alle» Städten Deutschlands die „ehrendsten Anträge" zu erhalten, war indessen keineswegs mit einer gesicherten materiellen Existenz verbunden. Die zahlreichen Briefe Gutzkows, Kühnes und anderer Redakteure und Verleger an Weilt, die in dem erwähnten Buche zu lesen sind, geben in dieser Hinsicht drastische Beweise. Ter Pariser Korrespondent erhält viel Lob, noch mehr Instruktionen, allein nur sehr geringe Honorare, und für jene Zeit charakteristisch ist die von allen deutschen Briefschreibern varürtc Beschwerde über das „ungeheure Porto", welches Weil! dem „jungen Deutschland" verursacht. Besonders Gutzkow ist geradezu erfinderisch in seinen Rathschlügen an Weilt, wie dieser die Porti „weniger unerschwinglich" machen solle. Bald wurde Weilt angewiesen, seine Pariser Artikel zu einem Pariser Buchhändler zu tragen, der sic sodann einem nach Deutschland abgehenden Buchpacke beilegte, bald sollte er auf seine Briefe: „Gedruckte Sachen" schreiben, oder seine Artikel nach Frankfurt an Gutzkows Schwiegermutter adressireu, von der die Beitrüge dann „bei Gelegenheit" an ihre Bestimmuiig gelangten. Eine recht gemüthliche Art der Kommunikation mit einer Zeitung, die den Namen — „Der Telegraph" führte. Die persönliche Korrespondenz mit Gutzkow war übrigens eine besonders lebhafte, da Weilt während Gutzkows Pariser Aufenthalt denselben in französische Schriftstellcrkrcisc einführte und auch später Ilcbersetznngen und Besprechungen Gutzkow'scher Novellen in französischen Revuen veranlaßte. Gutzkow war übrigens wegen der burschikosen Manier, in der Weil! sich in seinen Privatbriefen gehen ließ, sehr empfindlich. Wenn z. B. Weill in einem seiner Briefe an Gutzkow die Phrase: „Sind Sic verrückt?" gebraucht (in Paris wird ,.Etes-vous fou?“ als gewöhnlicher Ausdruck des Erstauntseins benützt), so macht Gutzkow in seiner Antwort seitenlange Bemerkungen über diesen „unfläthigen Briefstil". Als Gutzkow den während seines Pariser Aufenthaltes geschriebenen „Und Acosta", für welchen Weill einige hebräische Dokumente übersetzt hatte, seinem Freunde Weill vorlas, schrieb dieser an Theodor Ereizenach sein kurzes Urtheil mit den Worten: „Lauter Juden und keine Handlung!" verbot aber seinem Jugendfreunde Ereizenach „auf Tod und Leben", dieses Urtheil ja nicht in Weill's Namen zu veröffentlichen. Gutzkow erfuhr denn auch niemals, daß Weill der Urheber dieses berühmten (und seither oft angewcndeten) Bonmots war. Trotz eines „großen Bruches", zu dem cs zwischen Weit! und Gutzkow gekommen ist und der auch veranlaßte, daß Weill fortan nur noch französisch schrieb, ist der aus viel späterer Zeit (1863) datirendc, letzte Brief Gutzkow's an Weill sehr innig gehalten. Allein schon seit 1843, dem Datum einer fatalen „letzten deutschen Liebe", brach Weill mit allen deutschen Blättern und schrieb 1871 nach der Annexion des Elsaß nur noch „Rachebriefe" in deutscher Sprache. Interessanter als die Details des Konflikts mit Gutzkow und jener unglücklichen Liebe sind Weill's Indiskretionen über die ihm persönlich bekannten Pariser Größen. Dunkle Punkte aus dem brillanten Leben der Romantiker, bisher wenig bekannte Details der Hugo-Biographie und andere sehr interessante Geschichten aus dem Pariser Leben und ans den jüdischen Kreisen, mit welchen er von Jugend auf verkehrte, findet man in den eine eingehende Skizze verdienenden Enthüllungen dieses alten Pariser Journalisten. P. E.