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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-20 · Heft 23 (20.6.1890) · p. Seite 313

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 23 (20.6.1890)
Date
1890-06-20
Page
Seite 313 (sequence 5)
Language
German
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Hier auf der Messe zu Petra erblicken wir phönizische Kaufleute, wohin wir „ns wenden, namentlich aber bemerken wir einen lebhaften Waaren- »ustausch zwischen ihnen und den babylonischen Händlern, was sich ja leicht aus dem Umstande erklärt, daß beide Nationen einander ge- '.vissermaßen ergänzen, da die babylonischen Stickereien und Webereien die lyrischen Färbereien in Nahrung setzen und die Phönizier hiniviederum den Vertrieb der babylonischen Stoffe im Großen besorgen. Mit den Aegyptern hingegen müssen die Phönizier nicht auf sehr gutem Fuße stehen, das merken wir an den neidischen, ja feindlichen Blicken, mit denen sie das Treiben der Bewohner des Nillandes beobachten. Man sieht es ihnen an, es verdrießt sie furchtbar, daß um die ägyptischen Maaren sich eine so große Schaar Kauflustiger drängt, daß ein Saumthier nach dem andern mühsam sich fortschleppt, reich geladen mit ägyptischen Erzeugnissen aller Art. Die Blüthezeit des lyrischen Handels ist eben vorüber, es hat sich ihm jenseits des Isthmus von Suez eine mächtige Konkurrenz gebildet, die mit jedem Jahre größere Fortschritte macht und dem »leerbeherrschenden Tyrus das Szepter bereits entwunden hat. Seit uralter Zeit hat Aegypten an dem Land- und Karawanenhandel lebhaften Antheil genommen, und die Phönizier selbst standen im engen Verkehre mit den ägyptischen produzenteil. Aber es waren doch nur bestimmte Artikel, meistens Amdesprodnkte in rohem und verarbeitetem Zustande, die Aegypten gnsführte. Obenan ist sein Getreide 311 stellen; denn es war zu glien Zeiten die Kornkammer vieler Länder, später namentlich die Kornkammer Italiens. Im Talmud werden ägyptische Bohnen und dinsen als eine besondere Spezies erwähnt, woraus auf einen bedeutenden Export dieser Sorten zu schließen ist. Des ägyptischen Pferdehandels wird schon im fünften Buch Mosis gedacht; die ägyptischen Pferde sind auch jetzt noch sehr beliebt und zeichnen sich aus durch Ebenmaß der Glieder, durch Lebhaftigkeit und Kraft, sowie durch leichten und sicheren Gang. Eine ägyptische Spezialität war die Verarbeitling von Papyrus, das aus ihln hergestellte Schreibmaterial ging in alle damaligen Kulturländer, man verfertigte aus ihm aber auch Segel, Matten, Kleider, Decken, Stricke, Beutel, Körbe, ZanLalen, ja selbst Boote. Sodann lieferte Aegypten dem Auslande niewebe von Wolle, Baumwolle und Leinen — der ägyptische Byffus war hochberiihmt —, sowie leinenes Garir und feine Spitzen. Doch dies Alles Hütte den Phöniziern noch nicht sehr geschadet mtb ihrer Bedeutung nicht Eintrag gethan, wenn nicht Alexander der Große, um das verhaßte Tyrus für immer 311 strafen, Alexandria gegründet, und wenn nicht seine Nachfolger, die Ptolemäer, Alles Aufgeboten hätten, um die neue Stadt zu einem Welthandelsplatz ersten Ranges zu erheben. In überaus kurzer Zeit war dies Ziel erreicht, Alexandria wurde der Mittelpunkt des Handels, der große "parkt, auf welchem die Produkte aller Länder umgetauscht wurden, per berühmte Leuchtthnrm auf der Insel Pharos, eines der Weltwunder, gegen 60 Kilometer weit sichtbar, lud förmlich die fremden pchiffe zum Besuche ein, und mit dem zunehmenden Handel und Verkehr hob sich auch der Gewerbfleiß in einem solchen Maaße, daß die Phönizier bald überflügelt wurden und sich fortan mit der zweiten Volle begnügen mußten. Zu höher Vollkommenheit war in Aegypten die Knnstfärberei gebracht; so rühmt Theokrit die Purpurteppiche Aegyptens in überschwänglichen Worten, und man wandte diese Kunst »icht blos auf Kleiderstoffe an, sondern gab auch manchen Gerüthen vermittelst Aufmalens eine Silberfarbe. Geschmeide aus edlem und »»edlem Metall, Putzsachen, Waffen, musikalische Instrumente, Glaswaaren, die den phönizischen nicht nachstanden, glasirte Tongefäße, / köstliche Salben und Pulver und eine Unzahl von Maaren aus dem Innern Afrikas, wie Ebenholz, Schildkrötenschaalen, Edelsteine, Gewürze u. s. w., alles dies ging durch die Hände Alexandriens. Zwar verbrauchte Alexandria, das nicht blos der größte Handelsplatz, sondern auch die üppigste, schwelgerischste und sittenloseste Stadt der Welt war, selbst einen großen Theil der dort importirten und fabrizirten Artikel, denn sie zählte eine Million Einwohner und hatte einen sehr bedeutenden Fremdenverkehr, aber es blieb noch immer so viel für den Export übrig, wie Tyrus und Sidon zusammengenommen in ihrer Glanzperiode niemals ausgeführt haben. Auf der Messe zu Petra können wir trotz der Ueberfülle ägyptischer Maaren, die hier angehäuft sind, uns noch keinen rechten Begriff von dem Umfange und der Großartigkeit des alexandrinischen Welthandels jener Tage machen, denn das Meiste wurde zu Schiffe befördert, und in allen Meeren ist die Handelsflotte der Aegypter zahlreich vertreten. Auch die Juden haben an dem ungeheuren Aufschwünge des alexandrinischen Handels einen wesentlichen Antheil; viele Inden hatten sich bereits Alexander dem Großen auf seinem Zuge nach Aegypten angeschloffen, viele tausend andere wurden als Kriegsgefangene von Ptolemaeos Lag! dorthin geführt, erhielten später die Freiheit und ließen sich in Alexandria nieder, von dessen fünf Ouartieren nunmehr zwei zum großen Theile von Juden bevölkert waren, und die Mehrzahl von ihnen zog aus Handelsgeschäften ihren Lebensunterhalt. Ursprünglich waren die Juden in merkantilischer Hinsicht nicht sonderlich bedeutend. Die Phönizier repräsentirten schon eine Handelsmacht, ehe die Juden sich dieser Beschäftigung zuwandten; und wenn, wie vor einigen Jahren in höchst frivoler und eine der schönsten Stellen der Genesis herabwürdigender Weise behauptet wurde, daß der für die der göttlichen Strafe verfallenen Einwohner von Sodom Fiirbitte einlegende Abraham das Urbild eines Handelsjnden gewesen ist, dieweil er sich so gut darauf verstanden, die Summe von fünfzig Gerechten, die er Anfangs als Bedingung für die Schonung der Stadt aufgestellt, auf zehn zu reduziren und so der Gottheit selbst etwas „abzuhandeln", so ist der Handelsgeist des Urahns jedenfalls viele Jahrhunderte in seinen Nachkommen latent geblieben. Dem: erst durch den König Salomo wurde die Anregung zu einer eigentlichen Handelsthütigkeit seines Volkes gegeben, und auch da bedurfte es noch der Mitwirkung der Phönizier, um die Israeliten Geschmack an solcher Erwerbsthätigkeit finden zu lassen. Von dieser Zeit an ist mm in der That ein mäßiger Aufschwung des palästinensischen Handels zu verzeichnen, man führte aus vorzugsweise Getreide, Olivenöl, Salz, Fische und Fischwaaren, welch letztere der See von Genezareth in großer Menge lieferte, ferner Wein — der Wein vom Libanon erfreute sich nach Angabe des Propheten Hosea eines weit verbreiteten Rufes —, sodann Balsam, Fruchthonig, Wolle, die von ganz vorzüglicher Beschaffenheit war, Farbstoffe, Gold- und Silberwaaren, Tongeschirre und dergl. Schon Jakob läßt seine Söhne als Geschenk für Joseph mit nach Aegypten nehmen: Balsam, Honig, Weihrauch, Landanum, Pistazien und Mandeln; der Balsam von Gilead wird in den prophetischen Schriften als heilkräftiges Mittel des Oefteren erwähnt. Eingeführt wllrden in Kanaan besonders viel Kleidungsstücke nnd Schmuckgegenstände. So führt Jesaias in der Strafrede, die er den Frauen und Jungfrauen Jerusalems hält, eine stattliche Reihe von Luxusgegenstünden auf, die er als fremden Tand, das will sagen, als aus dem Ausland importirt bezeichnet; er erwähnt: Fußschellchen, Netzhauben, kleine Monde, Armketten, Ohrgehänge, Flore, Kopfschmuck, Schritthalter, Bänder, Riechfläschchen, Amulette, Ringe, Feierkleider, Mäntel, Tücher, Spiegel, Schleier, Wohlgerüche, Gürtel 11. s. w. Zn hoher Bedeutung gelangte der Handel der Juden aber erst mehrere Jahrhunderte nach dem babylonischen Exil, als sie sich in

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