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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-20 · Heft 23 (20.6.1890) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 23 (20.6.1890)
Date
1890-06-20
Page
Seite 311 (sequence 3)
Language
German
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Wir nehmen vielmehr für uns in Anspruch, darauf Hinweisen zu dürfen, daß ein jüdischer Schriftsteller eines seiner Bücher') mit dem Satze schließt: „Volkswohlstand kann nur die Frucht von Arbeit sein. Hierin nun findet geistig, sittlich, wie praktisch der nationale Schutz der Arbeit seine starte Begründung. Und wenn man unfern volksthümlichsten Dichter, welcher Arbeit die Zierde und Ehre des Lebens genannt hat, mit einer auf dieser letzteren Bezeichnung beruhenden kleinen Abänderung citiren darf, so möge es laut ausgesprochen sein: „Nichtswürdig ist die Nation, Die nicht ihr Alles setzt an ihrer Arbeit Schutz!" Allein es scheint fast, daß Herr Dr. Rülf dem Ausdruck: „naliouale Arbeit" eine ganz andere Bedeutung unterlegt. Gewisse Antisemiten haben sich die nationale Strömung zu Nutzen zu machen und uns Juden als nicht zum deutschen Volke gehörig darzustellen versucht, lind als einmal davon gesprochen wurde, daß es neben den arbeitenden Genossen der Gesellschaft auch Drohnen in derselben gäbe, waren sofort wieder Antisemiten bei der Hand, um diesen Satz gegen die Jriden zu verwerthen. Das Eine ivie das Andere jedoch waren niedrige Kunstgriffe aus der Rumpelkammer parteipolitischen Gezänks. Tie volkswirthschaftlicheu Erörterungen über nationale Arbeit haben damit nichts zu thun. (Schluß folgt.) V Eine jüdische Königin. Bon Dr. Marens L a n d a n. I. Eine der interessantesten Gestalten der herodischen Familie, ja vielleicht die merkwürdigste »nd anziehendste Fra» der jüdischen Geschichte ist Bcrcnike, die Tochter des Königs Agrippa I. Jene eigcnlhümliche Mischung griechischen und jüdischen Wesens, welche die herodische Königsfamilie kennzeichnet, zeigte sich in ihr vielleicht am deutlichsten, und jener verderbliche Einfluß des RömerthumS, der dem jüdischen Staatsivesen den Untergang brachte, stürzte auch diese Frau von ihrer hohen Stellung, als sic nahe daran war, den Gipfel irdiuber Macht zu erreichen. Wie groß ist ihr Theil der Schuld an dem Untergange ihres Vaterlandes, und lvarum gelang eS ihr nicht, die Gattin des Kaisers ^itus zu werden? Warum wurde die von Judäa kommende Religion, die schon in den römischen Kaiserpalast eingedrungen war, wieder daraus verdrängt, »m erst zwei Jahrhunderte später, den Bedürfnissen und Gefühlen des römischen Volkes angepaßt, dort wieder einzuziehen? Wir wollen es versuchen, hier einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen zu geben, indem wir die Schicksale der jüdischen Königin von EhalkiS, der Heldin von Raeine'S und Corneille's Dramen, erzählen. Ihr Vater Agrippa, ein Enkel deS Jdumäers Herodes I. und der unglücklichen Mariamne aus der Familie der Makkabäer, war im Alter zivischen zwölf und vierzehn Jahren nach Rom gebracht »ud dort erzogen worden. Ter jüdische Prinz verkehrte viel im Kaiserpalaste, wo die alte Antonia, die beste Frau des römischen! Kaiserhofes, die Mutter des Germanieus, seine Gönnerin war. Ter j mit ihm in gleichem Alter stehende Trusus, der Sohn des Tiberius, i ') Gustav Tuch, Schutzzoll und deutsche Waarennnsfuhr, Leipzig,! Duucker & Humblot, 188-3. j ward sein Freund, und als derselbe starb, übertrug ihm Tiberius die Ueberwachung der Erziehung seines Enkels Tiberius Nero. Ter schlaue Agrippa merkte aber wohl bald, daß die Zukunft nicht dem Enkel, sondern dem Großneffen Tiber's, deni Sohne des Germanieus gehörte, und schloß sich diesem eifrig an. Es waren nicht blos egoistische Motive, sondern auch die Dankbarkeit, welche er seiner Wohlthäterin Antonia schuldete, die ihn zum Anhänger ihres Enkels Ealigula machten. Als dieser zur Regierung gelangte, verlieh er seinem Freunde Agrippa den früher von dessen Tutel Philippus besessenen nördlichen Theil Palästina's mit dem Königstitel. Wie Agrippa dann später auch Galiläa von der Gnade Ealiguläs erhielt, wie er Elaudius zum Kaiser machen half und dafür mit den konsularischen Insignien, sowie mit dem Besitz von Judäa und Samaria belohnt wurde, das Alles, sowie sein abenteuerliches Jugendlebcn, sei hier übergangen. Wieder war im Jahre 42 unserer Zeitrechnung das nach dem Tode Herodes 1. zerstückelte Reich in einer Hand vereinigt, und König j Agrippa 1. schlug seine Residenz in Jerusalem auf, Ivo er wieder ganz Jude geworden zu sein schien. Er betheiligte sich nach den Bvrj schriften des Gesetzes an den Opfern und andern gottesdienstlichen Eereinonicn, hinterlegte eine ihm von Ealigula geschenkte goldene i Kette in den Tempelschatz, und. begann auch die Festungswerke Jeruj salems zu verstärken. Aber er konnte auf die Länge die römische Erziehung, die bösen Beispiele der römischen Sittenlosigkeit nicht verj geffen. Als er sogar ein Amphitheater erbaute, Berurtheilte darin - kämpfen oder Pantomimen auftrcten ließ, da ward die Opposition der Orthodoxie gegen ihn schärfer, denn nichts erregte so sehr die Entrüstung der frommen Juden, als Theater »nd Eirkus. Als noch dazu höfliche Schmeichler den in silbergesticktem Anzüge im Theater sitzenden Agrippa nach römischer Weise einen Gott nannten und der König bald darauf starb, da betrachteten die Frommen im Lande seinen Tod als gerechte Strafe. Rabbi Simon, Sohn des Ehalaphta, sagte wortspiclcnd: „Seit der Zunahme (Agripha) der Schmeichler hat auch die Parteilichkeit der Richter zugenomuien." So hatte cs j Agrippa, der seiner Schlauheit solche Erfolge im Kaiscrpalaste in Rom zu verdanken halte, trotz aller geheuchelten Frömmigkeit mit de» Juden verdorben, »nd die Griechen, denen er Theater und Bäder erbaute,! haßten in ihm de» Juden, der sich nnmaßte, über Hellenen zu herrschen. Nach seinem Tode gab sich die griechische Bevölkerung in Eaesarea j und Sebaste herausfordernden Freudeubezcugungeu hin und beleidigte z seine Töchter auf das Schmählichste: ihre Statuen wurden aus dem Palast geschleppt und in den Wohnstätten des Lasters und der! Schande aufgestellt. Die Griechen wurden zwar bestraft, die römischen Soldaten aber, die dem Tumult ruhig zugesehen oder sich vielleicht dabei betheiligt hatten, gingen straflos aus. Bon den drei Töchtern Agrippa's, die auf diese Weise beleidigt wurden, war Berenike, die älteste, damals — 44 n. Ehr. — sechzehn Jahre alt, ihre Schwestern Mariamne und Drusilla zählten zehn und sechs Jahre. Agrippa! hinterließ auch einen Sohn, der so wie er Agrippa hieß und auch! in Rom erzogen worden war. Doch erbte er nicht das Reich seines j Vaters. Unter dem Borgeben, daß er zu jung sei, um die Regierung anzutrcten, übertrug Claudius dem Römer Caspius Fadus die Verwaltung Palästina's, das nun seine bisherige, freilich mehr scheinbare als wirkliche Unabhängigkeit auf immer verlor. Einige Jahre später übergab jedoch Elaudius dem jungen Agrippa die Regierung jenes Theils von Palästina, welchen Ealigula im Anfänge seiner Regierung dem ersten Agrippa verliehen hatte. Er soll auch in das julische Geschlecht adoptirt worden sein und mag wohl die Hoffnung gehegt haben, mit der Zeit so wie sein Vater ganz Palästina in seiner Hand zu vereinigen. Das Recht, das ihm der Kaiser ertheilte, die

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