Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 23 (20.6.1890)
- Date
- 1890-06-20
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
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310 .Simiiclift jedoch wolle man Matten, ait die Artikel des Herrn Tr. Rülf hier wieder anznknüpsen. Tie Besprechung derselbe» erscheint mir nämlich erforderlich, weil sic außer der spezifischen Schilderung hessischer Verhältnisse auch einen allgemeinen Theil volkswirthschaftlicheu - richtiger sozialpolitischen Inhalts anfweiscn. Tie Beschreibung der hessischen Angelegenheiten ist so bollständig aus großer persönlicher Erfahrung, aus exakter Beobachtung hervorgegangen, dabei mit solcher Innigkeit und Treue verfaßt, daß sie, wie die höchste Anerkennung, so auch die weiteste Verbreitung verdient. Was hinwiederum Herrn Tr. Rülf's Betrachtungen mehr allgemeinen Eharakters aubetrisft, so schließen sie die Erörterung nicht ab, sondern fordern vielmehr zu einer solchen heraus. Das bezieht sich zunächst auf die Frage der Güterschlächterei. Sehr richtig bemerkt Herr Tr. Rülf: „Die Güterschlächterei (welche hauptsächlich dazu benutzt worden ist, de» Unwillen der Landbevölkerung gegen die Juden rege zn machen) als eine Schuld der Juden hinstellen zu wollen, ist nicht der geringste Anhaltspunkt vorhanden; nicht einmal diese sogenannten Güterschlächter selbst trifft der kleinste Makel einer unrechtmäßigen Handlungsweise." Ob die Güterschlächterei überhaupt ein Verderb oder ein Vortheil sei, diese Frage behält der Autor der Entscheidung der Zukunft vor. Ich glaube, er hätte diese Entscheidung getrost als nach der Richtung hin bereits gründlich erledigt bezeichnen können, daß die wirthschaftlichen Vorgänge der sogenannten Güterschlächterei unvermeidlich waren, daß sie im Zuge der sozialen Entwicklung nothwendig eintreten mußten, daß sie auch von einem allgemeinen und höheren Gesichtspunkt aus erwogen, als ein wesentlicher Fortschritt in unserem Volksleben zu betrachten sind, und daß cs bedeutende Nationalökonouien giebt, toclche den letzteren Standpunkt vertreten. Jedenfalls würde z. L. die preußische Regierung unter Zustimmung der beiden Häuser des Landtags sich dergleichen Angehörigkeit — wenn es eine solche wäre —, wie die hessischen Güterschlächtcr schuldig gemacht haben; denn mag es immerhin im nationalen Interesse geschehen, in der Sache selbst ist das, was im Großherzogthum Posen geschieht, nichts -Anderes, als Güterschlächterci. Tie großen Landgüter des verschuldeten polnischen Adels werde» von Staatswcgen angekauft und in kleinen Parzellen an deutsche Ansiedler wieder verkauft. TaS Prinzip ist genau dasselbe. Ob die Güter hier größer, dort kleiner, ob bei dem Verkauf — privatwirthschaftlich gesprochen — Nutzen oder Schaden gemacht wird und was derartige Fragen mehr sind, ändert an der Sache gar nichts. Güterschlächterei" hüben, wie drüben! Ja, der Staat hat mit dem vollen Bewußtsein seiner politische», sozialen und wirthschaftlichen Maßnahmen seine Schritte vollzogen; die Händler aber kannten alle die Einwendungen, welche gegen Güterschlächterei gemacht wurden, nicht, und wenn sie sie kannten, kamen solche privatwirthschaftlich gar nicht für sie in Betracht. Es ist indeß, wie gesagt, gar nicht wahr, daß der Ankauf im Großen und der Verkauf in Theilen für die Nation nachtheilig sei, sondern das Gegenthcil ist der Fall. Eine Anzahl von Personen mag beim Einkauf Presse bezahlt haben, die zunächst, also innerhalb eines getvissen Zeitraums, als zu hoch erschienen. Blau frage aber nur bei den Anhängern der Landliga, z. B. bei Henry George, Tr. Stöpel, Tr. Stamm, Flürscheini') u. s. w. an. Sie beweisen haarscharf, daß Grund und Boden, weil nur in beschränktem Maße vorhanden und eine Vermehrung desselben ausgeschlossen ist, nothwendig immer mehr im Werthe steigen muß. Wenn die „Güterschlächter" so rasch wieder zum Verkauf geschritten sind, so haben sie nach den Theorien der Landliga ihren persönlichen Vortheil nicht genügend wahrgenommen, welcher darin bestehen mußte, die Land- ') Ein jüdischer Autor und Großindustrieller. güter so lange als möglich in Händen zn behalten. — Es kann hier heute natürlich nicht der Ort sein, die Theorien der Landliga aus ihren Werth oder Unwerth zu prüfen. So viel ist aber gewiß, dos sie mit zur Aufklärung über die Lächerlichkeit beitragen, als ob die Nothstände in der Landwirthschaft von der Güterschlächterei herrühren. Tie Ursachen, welche in der Herbeiführung der agrarischen Nvtliläge Zusammenwirken und immer entschiedener sich geltend mache» werden, sind in einer großen durch sie hervorgernfenen Litteratur geschildert. Auch unsere Pflicht ist es, diese Ursachen in Helles Licht z» stellen. Es giebt auf den sozialwissenschaftlichen und vvlkswirthschoß lichcn Gebieten zahlreiche jüdische Schriftsteller von Rnf. Allein von, speziell jüdischen Standpunkte ans hat man es bisher nicht sin geeignet gehalten, diesen Materien die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zu schenke». Und doch ist dieses von der höchsten Wichtigkcil. Die christlichen Kirchen haben längst eingesehen, daß sie in dc» sozialen Fragen nicht abseits stehen dürfen. Um wie viel mehr sollten wir endlich begreifen, daß Diejenigen, auf welche man so gern de» Klassenhaß und die Unzufriedenheit der Bedrückten ablenken möchte, nicht länger die Zeit verschlafen dürfen. Wir dürfen weder als Religionsgcnoffenschaft, noch als Rassengemeinschaft ruhen. Es genügt nicht, die Anklagen, welche man uns entgegenschleudert, mit Berufung auf Religionsvorschriften oder auf die Albernheiten des Raffen-Humbugs znrückzuweisen. Da tvir das Rüstzeug besitzen, die öffentliche Meinung auf sozialem Gebiete für uns gewinnen zu können, so sollten wir cs uns nicht entwinden lassen und nicht länger zögern, es für uns zu gebrauchen. Selbstverständlich werden wir dabei möglichst objektiv und maßvoll verfahren müssen. Hub wenn wir die Ergebnisse der Wissenschaft uns zu Nntze machen tvollen, so haben wir am aller wenigsten ein Recht, derselben in Ucbereilung Vorwürfe zu machen. Es ist wahr, was Herr Dr. Rülf sagt, die Volkswirthschaftslehre iü verhältnißmäßig noch jung. Aber so jung ist sie doch nicht, daß man mit Erfolg es wagen dürfte, ihr nicht mit dem gehörigen Respekt z» begegnen. Unser Antor hat dies jedoch gethan, und wie ich meine, hätte er sich die Sache dabei doch nicht so leicht machen sollen. Von vornherein hat mich dabei geivundert, daß er der Volkswirthschaftslehre eine Selbstständigkeit beimißt, ivelche sic gar nicht mehr besitzt. Hcrvorgegangen aus dem Mcrkantilsystein und der Lehre der Physiokraten, hat sie seit Adam Smith, der Manchestcrschule, Friedr. List. Eareh u. s. w. systematisch sich entfaltet. Tann aber ist sie längs! überholt. Seit Marx und den Katheder-Sozialisten haben sich d Dinge so gestattet, daß inan die Volkswirthschaft als nur einen Theil der Soziologie bildend mit Fug und Recht betrachtet. Herr Dr. Rülf hat sonderbarerweise für diese Unterscheidung! nicht den Blick, und so kommt es, daß er diese oder jene Anffaffung | in der Volkswirthschaft für gelvisse Lehren verantwortlich mache» will, während solche Auffassungen nur in der Gefolgschaft noch Ae; deutung haben, ivelche sie zum Sozialismus oder zum Manchester - thum (d. i. der ins Krasse ausgeartete Individualismus und Egoismus) nehmen. Es ist wichtig, dies hier zu betonen, wie sich am i der Erörterung der Einzelfragen sogleich ergeben wird, j Ter genannte Autor ivirft u. A. der Volkswirthschaft vor, ne! habe mit dem Un- und Mißbegriss: „N at! onale Ar be i t" Verwirrung | angerichtet, und alles das sei geschehen mit einem häßlichen und ge-! hässigen Seitenblick auf den Juden und seine Beschäftigung. Das Letztere ergiebt sich schon dadurch als unrichtig, weil cs historisch völlig unhaltbar ist. Die Thatsache steht außer Zweifel, daß über „nationale Arbeit" zu Zeiten und in Ländern geschrieben und bockt j wurde, als an den neumodischen Autiseinitisnius überall Niemand! dachte. Mit letzterem haben die Lehren über Freihandel und Schutz-! j zoll nichts gemein. Es mag später Leute gegeben haben, welche die! ivissens Indeß nicht l über d fertigt, weisen mit de Arbeit Nation man i Ehre zeichnv laut a A lionalc jcmitci und u versuck den a> gäbe, gegen ivaren Gczä» Arbeit E vicllcic schichte thümb hcrodi deutlic jüdisch von ik 'cher i 5 Vaterl ü itus die sch verdrä Gefüh T dieser von ( erzähl« der ul im Al und , Kaiser Kaiser mit ih