Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 23 (20.6.1890)
- Date
- 1890-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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54. Jahrgang. Nr. Allgemeine Berlin» 20. Juni 1890. eitung des Dudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich, j Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, . Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Begründet von Rabbiner De. Ludwig Philippson in Kann. Expedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. Inhalt. Leitartikel: Philosemitlsmns contra Antisemitismus. — Wissenschaft und Litteraturr Eine jüdische Königin. Von Dr. Marcus V an bau. — Aus der Ni esse zu Petra. Von Dr. Vogelstein. — Feuilleton: oin alter Journalist. Von P. L. — Präliminarien. Von B. Herwi. — Das Mendelssohn-Denkmal in Dessau. Von Gustav Karpeles. — Literarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Königsberg. Schneidemühl, Thorn, Frankfurt a. M.. Karlsruhe, Budapest, Petersburg. — Bon Nah und Fern. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Briefkasten. — Miseellen. pllilosemitismus contra Antisemitismus. Hamburg, im Juni. Ueber „Entstehung und Bedeutung des Antisemitismus in Hessen"!>at Herr Dr. Rülf in Memel dieser Zeitung eine Schilderung geliefert ivergl. Nr. 19 und 20 lfd. Jahrg.), für welche alle Diejenigen ihm zu wärmstem Danke verpflichtet sind, welche Licht und. Wahrheit verbreitet sehen wollen über eine der wichtigsten Kultnrfragen unserer Tage. Die sittliche Haltung der Juden, insbesondere der deutschen hnden, die haßdnrchtränkte Verleumdung, die soziale Schädigung, die politische Bedrohung, welcher sie ansgesetzt sind, müssen nicht nur im hnteresse der schwer davon Betroffenen, sondern in demjenigen unseres deutschen Volks, ja der Menschheit überhaupt und ihrer Civilisation so lange und so eingehend der Betrachtung unterzogen werden, bis, um mit Herrn Dr. Rülf zu reden, „die Menschen anfangen, wahr gegen sich selbst zu fein, und das, was wahr ist und sie selbst für wahr halten, -»ich zu gestehen und zu bekennen die sittliche Kraft erlangt haben." Es ist ein großer, die Entwicklung unseres Geschlechts hemmender Nachtheil, daß große Nationen gleichmüthig darüber hinwegzugehen vermögen, wenn Hunderttailsende ihrer Mitbürger in ihren edelsten Gefühlen tief gekränkt, wenn ihnen unberechtigter Weise Ehre und moralisches Bewußtsein abgesprochen, wenn die albernsten Märchen des Mittelalters über sie verbreitet und sie dem Hohn und der Beschimpfung unwissender Klassen ausgesetzt werden. Wohl ist es wahr, vor einigeil Jahrzehnten ist verfassniigsmäßig die bürgerliche Gleich- Itellnng der Israeliten anerkannt und damit ein vielhundertjähriges ttnrecht in Deutschland gesühnt worden. Obgleich die antisemitische Bewegung alle erdenklichen Hebel angesetzt hat, konnte es ihr bis jetzt »icht gelingen, hierin eine Aendernng herbeizuführen. Zwar darf sie!>ch es zuschreiben, daß jungen Männern jüdischer Herkunft die Laufbahn vielfach verschränkt wird. Uns, die wir auf deutsche Eltern und eine lange Reihe deutscher Vorfahren hinznweisen vermögen, wird ein herbes Schmerzgefühl dadurch erzeugt, daß unseren Söhnen der Verkehr ans den Universitäten, dasFvrtkommcn alsRichter, Lehrer n.s. w. verkümmert wird. Allein wir sagen uns, alles ans diese Weise uns Vorenthaltene bedeutet nur Einbuße an Macht, an äußere» Ehren und äußeren Vortheilen. Ueber Diejenigen, welche den Juden allerlei Unsinn andichten, um durch die Verdrängung des kleinen Häufleins Israeliten den Genuß weltlicher Güter für sich selbst vermehren zu können, dürfen wir lächeln, insofern sie unser Ehrbewußtsein und unsere Selbstachtung, entfernt davon sie zu beeinträchtigen, nur stärken. Aber wir können auch mit unserem Mitleid um jene Streberschast, mit unserer Trauer lim ihre Schlechtigkeit nicht znrückhalten, die sogar nicht davor znrückschreckt, im Namen einer Weltreligion ihr unsauberes Treiben zu vollziehen. Genug, die politische Emanzipation besteht zu Recht, und die unermüdliche antisemitische Agitation hat bisher, indem sic daran rütteln wollte, nur Sisyphusarbeit verrichtet. Mehr als das! Ein großer, sehr großer Theil der christlichen Deutschen — wir dürfen cs freudig und dankbar anerkennen — zählt zu den Philoscmitcn. Sogar ans dem evangelisch-sozialen Kongreß, der unter den Auspizien und dem hervorragenden Einfluß des „Hofpredigers" tagte, haben sie sich mannhaft als solche bekannt. Nur tritt es immer wieder in die Erscheinung, daß die Philosemiten in der Bekenimng ihres Standpunkts zuweilen den richtigen Nachdruck vermissen lassen, weil ihnen doch wohl die volle Kenntniß jüdischer Verhältnisse abgeht. Wie Hütte sonst Professor Harnack die Erklärung, er bemühe sich, ans Grundlage des Evangeliums Philosemit zu sein, mit den Worten begleiten können: es werde ihm allerdings schwer. Oder — um ans ein etwas älteres litterarisches Zeugniß hinznweisen — was half uns eine Parteinahme Prof. Mommsen's, wenn derselbe uns gleichzeitig als „ein Element der Dekomposition im Völkerleben" auffaßte. Gewiß! linier dem Einfluß der systematisch Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch über den jüdischen Stamm, seine Moral und seine Geschichte verbreiteten, tendenziösen Beeinflussungen und der Vorenthaltnng der Wahrheit befinden sich die meisten Nichtjnden in vollendeter Unkenntniß über Diejenigen, welche inan behufs Erregung des Rassenhasses in neuerer Zeit geschmackvoll als „Semiten" bezeichnet hat. — Gestehen wir es uns nur! Wir haben nicht Hinreichendes geleistet, um die Aufklärung herbeizuführen, welche wir uns selbst, aber auch allen nichtjüdischen Mitmenschen schuldig sind. In Wort und Schrift ist freilich ein enormes Material zusammengetragen worden, welches, richtig angewendet, die Lügenhaftigkeit und den Unwcrth des Antisemitismus ersticken müßte. An der genügenden und angemessenen Verwerthung solchen Materials hat es aber vollständig gefehlt. Es wird die Aufgabe der vorliegenden Ausführungen sein, weiter unten ans diesen Punkt noch näher zurückzukommen.