Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 22 (13.6.1890)
- Date
- 1890-06-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 darauf beschränken, nur die Trinksprüche in ihrer Reihenfolge aufznj führen, wienwhl einzelne derselben von wahrhaft vollendeter Beredtsam-! feit waren. Professor Dr. Samuel eröfsnete die Reihe derselben mit 1 einem Hoch ans den Kaiser, das, stehend von der Festversammlnng an-; gehört, einen rauschenden Widerhall fand, und an das sich der erste > Vers der 'Nationalhymne anschloß. Den ersten Toast auf beit Jubilar | brachte ebenfalls Professor Dr. Samuel aus: „Die Lehrer aber werden j leuchten wie des Himmels Licht, uub die Viele zur Gerechtigkeit geführt,! wie die Sterne immer und einig." Mit diesen schönen Worten schildert > der Prophet die Aufgabe des Lehrerberufs, seine Hoheit, seine Würde; > mit diesen Worten sei es gestattet, heut des Mannes zu gedenken, den! die Gemeinde zu ihrem Lehrer, zu ihrem geistigen Führer vor 25 Jahren! auserkoren. „Die Viele zur Gerechtigkeit geführt", die allein nennt der - Prophet Lehrer. Ni. H., das berühmte Fragewort: „was ist Wahrheit?" es kann zum Glück für alle Menschenkinder nicht auf die Gerechtigkeit angewandt werden. Was Gerechtigkeit ist, liegt, wenn auch nur dumpf, in der Brust eines jeden Menschen, der Sinn für Gerechtigkeit braucht nur geweckt 31t werden. Gin solcher unermüdlicher Wecker und Prediger der Gerechtigkeit war unser Bamberger, der Gerechtigkeit gegen Alle, des Wohlwollens gegen Alle, der allgemeinen Menschenliebe. Gleich jenem uralten Lehrer Hillel hat er in den Mittelpunkt aller Religion die altbiblische Vorschrift „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" gesetzt uub mit den Zehngeboten selbst unter „Nächsten" alle Nebenmenschen begriffen. Gegenüber den Dogmen, welche die Religionen trennen, betonte er die Moral, welche sie einigt. Haben wir nicht Alle einen Vater, ist es nicht ein Gott, der uns geschaffen i So war sein Unterricht der Jugend gegenüber, so war seine Predigt der Gemeinde gegenüber. Treue, Rechtlichkeit, Rechtschaffenheit Jedermann gegenüber, Bescheidenheit, Mäßigung, das war der Inhalt seiner Predigten. Fürwahr, wenn jeder Ginzelne von uns nicht besser geworden ist, so ist nicht unsere Religion daran schuld 1111b auch gewiß nicht all' die anwesenden Diener der Religion, die ihre Schuldigkeit redlich an uns gethan haben, sondern schuld ist nur die menschliche Schwäche, die uns eigen ist, die — vielleicht auch andern Menschen eigen ist. Wo unser Diener der Religion das Menschenleben 31t begleiten hatte, von der Wiege bis zum Grabe, da überall schlug er in Glückwunsch, Hoffnung und Trost die rein menschliche Seite an, die nicht blos in unfern, in Aller Herzen wiedertönte. „Doch wirst du nie Herz zu Herzen schaffen, wenn es dir selber nicht von Herzen geht." Unser B. predigte nicht blos, er ging immer voran. Wir können heute j nicht die Danksagungen wiederholen, die ihm am Sonntag aus so Bieter i Munde zu Theil wurden für unsere Armen, für die vertriebenen Russen, j für die Armen der Stadt. Und zu alledem war er ein Seelsorger mit j seltenem Grfolge. Kein Wunder denn, daß auch diejenigen unter uns,! welche die angestammte Religion gern links liegen lassen, diesem Prediger; derselben ihre Hochachtung bewiesen. M. H., als die Gemeinde den damals noch so jugendlichen Mann wählte, da wollte sie keinen Zeloten.! Wir haben eine Gemeinde, in welcher alter religiöser Freisinn seit einem I Jahrhundert herrscht, in welcher zahlreiche, im städtischen Leben wohlverdiente, in der Wissenschaft und im Staatsleben anerkannte, ja einzelne j berühmte Persönlichkeiten lebten und leben, da ist für Giferer kein Raum. : Heute dürfen wir nach der Anerkennung der Guten, die vor uns dahin- : geschieden, wie nach deni Zengniß der Lebenden aussprechen: wir haben eine flute Wahl getroffen, und wir wählen ihn weiter, den Dr. B., nicht blos auf weitere 25 Jahre, sondern Zeit seines Lebens. Denn an ihm erfüllt sich das Prophetenwort: Er gehört zu den Lehrern, die da leuchten wie das Hinnnelslicht, und die, da sie Viele zur Gerechtigkeit geführt, wie die Sterne glänzen immer uub ewig. Jubelnd stimmen wir in den Ruf ein: Herr Dr. Bamberger lebe hoch!" Hierauf dankte der Jubilar mit einem schönen Trinkspruch auf seine Gemeinde. Und nun folgte eine lange Reihe von Toasten von Dr. Vogelstein ans Stettin, Dr. Werner aus Danzig. Dr. A. Falkenheim, Stadtrath Michelly, Dr. Rülf, Prof. Dr. Jasfö, Ehefredakteur Michels, Stadtrath Hagen, Sekretär Klein it. A., mit denen das schöne Fest seinen feierlichen Abschluß gefunden hat. <E Breslau, 2. Juni. Die XII. Generalversammlung des Vere i n s i s r a e l i t is che r L eh r e r i u S ch le s i e n 11 n d P 0 s en fand am 27. Mai Abends 8 Uhr und am 28. Vormittags II Uhr im Cafü Restaurant statt. Anwesend waren 31 Mitglieder und 13 Gäste. Dem vom Vorstände erstatteten Berichte zufolge zählt der Verein z. Z. 100 Mitglieder. Die Einnahmen des verflosseneil Rechnungsjahres betrugen 165,09 M., die Ausgaben 76,46 M. Der bisherige Vorstand, bestehend ans den Herren: Dr. Saumel s0hn- Breslau, Dr. B adt -Breslau, Freudenthal- Breslau, B ln men selb - Schweidnitz, Dr. Cohn - Kattowitz Herbst-Lissa, Dr. Mattersdorf-Gleiwitz, wurde durch Akklamation wiedergewählt. Zur Besprechung kam die Stellung des Vereins zu dem dem Abgevrdnetenhause vorliegenderl Gesetzesentwurf, betreffend den schnlplanmäßigen Religionsunterricht, ferner eine von jüdischen Gemeinden ausgegangene Petition, den Schulzwang auch auf den jüdischen Religionsunterricht auszudehnen, und endlich der Charakter dieses Religionsunterrichtes selbst. Den Hauptgegenstand der Erörterungen bildete eine R eso lntio n, die den verletzenden Urtheilen, welche wiederholt in jüngster Zeit über die jüdische Religion und ihre Bekmner gefällt worden sind, entgegeutreten und in nächster Zeit veröffentlicht werden soll. An der Debatte über diese Resolution betheiligten sich außer dem Antragsteller Dr. Badt noch die Herren Dr. Cohn, Samuelsohn, Kopfstein, Rosenthal und Neustadt. Das Ergebniß war die Wahl einer Kommission, bestehend aus den Herren Badt. Cohn und Rosenj thal. Die einstimmig an gen 0 Minen e Reso lntio n hat folgenden Wortlaut: „Gegenüber den verletzenden Urtheilen, welche wiederholt in jüngster Zeit über die jüdische Religion und ihre Bekenner gefällt worden sind, erklärt die Generalversammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen, deren Mitglieder sümmtlich Lehrer der jüdischen Religion sind, auf einstimmigen Beschluß Folgendes: 1) Wer behauptet, j daß der Moralbegriff der jüdischen Religion in irgend einer Beziehung! niedriger stehe als der Moralbegriff irgend einer anderen Religion, der; kennt entweder die jüdische Religion nicht, oder will sie nicht kennen.! 2) Jedes Lehrbuch der jüdischen Religion, gleichviel welcher religiösen | Richtung entstammend, gleichviel in welcher Sprache geschrieben, dient! zum Zengniß, daß wir eine Religion bekennen und lehren, welcher die ■ Menschheit die Zehngebote verdankt, eine Religion, welche zuerst die! Pflicht der Nächstenliebe gegen Jedermann, der Barmherzigkeit, selbst j gegen das unvernünftige Thier, gelehrt hat, eine Religion, deren Pro- > pheten in ihren hehren Idealen der Gesittung der gesammten Menschj heit die Ziele vorgezeichnet haben, denen dieselbe noch heute auf dem! Wege zur sittlichen Vervollkommnung nachstrebt. Es ist daher Jrrthnm j oder Gehässigkeit, wenn nicht Undank gegen die Mutter der monotheisti sehen Religionen, wenn man in dem Zusammenwirken mit den Bekenuern unserer Religion, sei es als Schülern, sei es als Bürgern, eine sittliche Gefahr für Andere befürchtet. 3) Mit Stolz blicken wir Israeliten als treue Söhne unseres deutschen Vaterlandes aus die Verdienste, welche deutsches Denkeu und deutsche Arbeit um die Förderung der Kultur der Menschheit sich erworben hat. Mit gleicher Hingebung und Opferfreudigkeit wie die Angehörigen anderer Bekenntnisse bethütigen die Bekenner unserer Religion ihre Liebe zu Kaiser und Reich, sind eifrig bestrebt, das Wohl des deutschen Vaterlandes 31t fördern, und werden trotz aller ungerechtfertigten Angriffe, trotz aller Verkennung in unwandelbarer Treue an echt deutscher Gesinnung festhalten." Der Antrag von Tr. Cohn-Kattowitz: Die Generalversammlung möge den Vorstand ermächtigen, sich mit sämmtlichen bestehenden Lehrervereinen und sonstigen ihm geeignet erscheinenden Vereinigungen und Behörden in Verbindung zu setzen, um sie aufzufordern, ihre Zustimmung zu der Resolution öffentlich zu erklären, sowie der Antrag von Kamarase-Strehlen, die Resolution in Gestalt von Flugblättern in möglichst weiten Kreisen 311 verbreiten, wurden angenommen. Aus der Provinz Posen, im Juni. Zur Erklärung des Mißtrauens, welches seitens der jüdischen Lehrerschaft vielfach den simultanen und paritätischen Einricht urigen in Preußen entgegenge- - bracht wird, will ich henk einige Thatsachen mittheilen, für deren Wahrheit , ich mich verbürge. In einer Gemeinde unserer Provinz, die nach dem statistischen Jahrbuche des D. I. G. B. von 1890 760 Seelen zählt, be-! suchen ca. 150 jüdische Schüler die paritätische Schule (Bürgerschule und! Proghmnasium). Die Gesammtzahl der Schüler betrügt ca. 456. An i dieser Schule unterrichten 11 Lehrer, 7 Elementar- und 4 akademische > Lehrer. Nun war vor etwa 3 Jahren die Stelle eines akademisch ge-! bildeten Lehrers vakant, um welche sich auch ein äußerst tüchtiger I jüdischer Lehrer, dem die besten Referenzen zur Seite standen, und der! auch von der königl. Regierung zu Posen empföhle'.! wurde, beworben! hatte. Die beiden jüdischen Mitglieder des Schulvorstandes gaben sich 1 wohl die größte Mühe, daß der betr. Herr gewählt werde, doch umsonst. sie wurden „überstimmt". Auf ihre Frage, was man an diesem Lehrer auszusetzen habe, kam eine Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, nämlich: „Wir wollen keinen Juden." Man wollte sich damals, erbittert durch diese Intoleranz, von der Schul-