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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-13 · Heft 22 (13.6.1890) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 22 (13.6.1890)
Date
1890-06-13
Page
Seite 308 (sequence 12)
Language
German
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308 Provenienzen nie eingehakten zu sein: man vervierfachte diese Abgabe, steigerte sie spater bis zum Achtel ihres Werthes, d. h. also bis auf 12'/-"/», und »ormirte für kostbare Produkte die Abgabe »och höher. Nebenher lief, daß für die Benutzung der zu Gunsten des Verkehrs getroffenen (Einrichtungen die cigenthünilichst benannten Abgaben erdacht und eingesührt wurden: so gab es ein Fudergeld von verkaufte», Wein unter den, Namen poi-torium, ein Deichselgeld (tcinonaticiiin), einen Räderzoll Ire,tulie-um), einen Zoll von Lastthieren («riuuultieuni), eine Fußgänger-Abgabe (ziodußiuui), einen Zoll für den Kies auf den Straßen (pulvorulicmi), einen Hochstraßenzoll (plateuticiun), ei» Bteßgeld (luestiiNcuiii), ein Brückengeld (pontatieuin), ein Hafengeld (porlatieuni), einen Zoll für das Passiren eines Flusses Irivatit*in»), und wie die Bezeichnungen alle heißen mögen. Das Schlimmste dabei aber war, daß die Zollerhebung an sogenannte Stenerpächter verpachtet war, und diese, zum größten Theile dem römischen Ritterstande, de» eqniles, angehörend, verstanden es vortrefflich, namentlich in, Orient, wo der Handel blühte, die Kaufleute auszusaugen und ihnen das Geld ans der Tasche zu locken, wodurch natürlich die Waaren sehr vcrthcuert wurden. Denn schließlich mußte der Konsument bei». Kaufen der Waare all die Kosten tragen, die an den verschiedenen Zollstätten von den Verkäufer» und Händlern waren ausgelegt worden. Tie Zollpächter, oder richtiger Zollpächter-Gesellschaften, hatten eine Schaar sogenannter Zöllner zur Verfügung, die an den Häfen, Grenzorten, Flnßübergüngen und ähnlichen Plätzen postirt waren, und die alle Frachtgüter, sowie Kisten, Körbe und Säcke der Reisenden durchstöbcrten, bei Abschätzung der Waaren — da diese, wie vorhin erwähnt, nach dem Werthc zu verzollen waren — mit der ungerechtesten Willkür verfuhren und durchaus nicht vergaßen, auch ihre eigene Tasche zu füllen. Daher kann es uns nicht Wunder nehmen, daß die Zöllner in, ganzen Orient so sehr verhaßt waren; cs gab sich nicht leicht ein ehrenhafter Mann zu diesen, Gewerbe her. In welchem Mißkredit sie bei den Juden standen, wissen ,vir ja aus den, Neuen Testamente, wo des Oeftcren Zöllner und Sünder fast als identische Begriffe nebeneinander gestellt sind. Auch der Talmud ist überaus streng gegen sie, erklärt sic für unfähig zum Richteramte und zur Ablegung eines giltigen Zeugnisses, warnt sogar davor, sich aus ihrem Kasten Geld zu wechseln, weil geraubtes Gut darin liege. Möglich, ja wahrscheinlich, das; es auch gntmüthige und ehrliche Zöllner gab, aber die ganze Klasse war einmal und wohl nicht mit Unrecht verrufen. Berdammenswürdiger als sic, waren freilich die römischen Ritter, welche das Aussaugungssystci» in. Großen betrieben und den Orient als ihre Domäne betrachteten, die ihnen die Mittel zu einen, schwelgerischen, üppigen Leben verschaffen sollte. Doch die leidigen Zölle habe» »ns dermaßen beschäftigt, daß wir keine Augen hatte» für die inannigfachcn Herrlichkeiten, un, welche der weite Mcßplatz i» Petra inzwischen ist bereichert worden; darum schnell alle Finanz- und Rtpressivsteuern samnit (sin- und Ausfuhrgeldern, Schutz- und Prohibitivzöllen vergessen, höchstens den Gedanken an Luxussteuern festgehalten, den» Luxusgegenstände aller Art fesseln unseren Blick. Da sind Gewänder für Männer und Frauen von den kostbarsten Stoffen, Teppiche und Reitdecken aus Wolle, einfarbige wie bnntgewirktc, zum Theil mit sehr kunstvollen, reichen Stickereien i» Gold und Silber, desgleichen viel feine Leinwand nnd Kleidungsstücke davon. Wir befinden uns i» der babylonischen Abtheilung. Tie babylonischen Mäntel waren schon in früher Zeit weltberühmt, und cs fand eine sehr bedeutende Ausfuhr darin statt, wie wir ans Josephns und anderen Schriften erfahren. Betau,,klich nnrd auch bereits im Buche Jofua unter der Beute von Jericho eines kost- I baren babylonischen Mantels Erwähnung gethan, ein Beweis für die! Verbreitung und die Vortrefflichkeit dieses Artikels.! In der That leisteten die Babylonier in der Stickerei und in der geschmackvolle» Einrichtung der Textilwaaren ganz Außerordentliches,! »nd vornehme Römer bezogen ihre Stoffe zu Zimmereinrichtungen j meistens ans Babnlon. Plinius erzählt, man habe einmal in : Ron, ein Tafelznnmer mit babylonischem Stoffe in, Preise von 800,000 Sestertien id. i. 122,000 M.) möblirt, nnd Nero gar ein j solches zu», fünfmal höheren Preise. j Der Vorhang vor den, Allerheiligsten in, herodianischen Tempel j zu Jerusalem, der durch seine Pracht alle Besucher in Erstaunen setzte, | war gleichfalls babylonisches Fabrikat. Josephns schildert uns denj selben folgendermaßen: „Er hatte eine Länge von 55 Ellen, war bunt j gestickt aus Hyazinthen, ByssuS, Scharlach und Purpur, ein Wunder! von Arbeit, wegen der sehenswerthen Mischung von Stoffen gleichsam j ein Bild des Weltalls. Der Scharlach schien das Feuer, der Byssns! die Erde, der Hyazinth die Luft und der Purpur das Meer anzudeuten, jene zwei durch die Farben, der Byssns nnd Purpur aber durch ihren Ursprung, indem jenen die Erde erzeugt, diesen das Meer. Das Gewebe stellte den Anblick des ganzen Hinunels dar, den Thieri kreis ausgenommen." j Welch bedeutenden Handelsartikel die babylonische Leinwand i bildete, bezeugt an mehreren Stellen der Talmud, der uns auch, »in die Feinheit derselben zu schildern, mittheilt, ein hervorragender Gelehrter habe einst von einen, reichen Glaubensgenossen vier verschiedene Stück Wüsche zum Geschenk erhalten, die so fein waren, daß zwei derselben je den Raum von 1V- Nüssen, die beiden anderen von 1'/-' Pistazien cinnahmcn. Mag nun auch diese Schilderung übertrieben sei», so geht doch so viel daraus hervor, daß die Babylonier in der Textilindustrie eine außerordentliche Kunstfertigkeit besaßen, weshalb sie auch für ihre Waaren einen sehr hohen Preis erzielten. Auch ihre Töpferwaaren waren von ganz vorzüglicher Güte, desgleichen wurden ihre Steinschneidcrwaaren, ihre Waffen und Salben, letztere aus indischen und arabischen Aromen, sehr gerühmt »nd vielfach ausgeführt. Den» dieses hochkultivirte und in Bezug auf seine industrielle und kommerzielle Thätigkcit noch immer nicht j genügend gewürdigte Volk beschränkte sich nicht ans den Handel mit! seinen eigenen Kunst- und Naturprodukten, zu welch' letzteren namentlich Getreide, Dattelwein nnd ein zu vielerlei medizinischen Zwecken verwandtes Erdpech zu zählen sind, sondern brachte auch indische und von noch weiter her eingeführte Artikel in den Handel, so z. B. viele Arten Gewürze, besten Bergkrystnll, rohe und gewebte Ehinaseidc, Felle und die in, Alterthnm so überschwänglich geschützten lnyrrhinischeu Gefäße, das waren Becher, Kästchen, kleine Tischplatten und dergleichen. Nach Angabe des Plinius wurde einst in Rom für einen solche» Kelch von drei Sextaren, d. i. ungefähr Liter, siebzig Talente gezahlt. Daß auch Sklaven mit zu den zu Markte geführten Waaren gehören, ist selbstverständlich, und hätten wir schon vorhin bei den arabischen Händlern bemerken müssen. Käufer für diesen Artikel waren besonders die Phönizier, welche den Handel mit dem Westen »nd Norden vermittelten und zu Ruderknechten, zur Bebauung des Bodens, zur Verrichtung der niedrigen Arbeiten in den Fabriken, zum Holzfällen in Libanon und zu tausenderlei anderen Verrichtungen eine große Menge Sklaven benöthigtcn. (Schluß folgt.) Druck und Berlag von Rudolk Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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