Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 22 (13.6.1890)
- Date
- 1890-06-13
- Page
- Seite 306 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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306 „Ihr habt noch keinen Grund, mir zu danken, junger Mann," erwiederte ablehnend der Primas. „Kommt am Nachmittag wieder her - und versucht Euer Heil bei meiner Tochter!" * * Am Nachmittag desselben Tages sehen wir den jungen Gelehrten abermals auf dem Wege zur Wohnung des Vorstehers; aber sein Besuch galt jetzt nicht inehr dem Baker; er ließ sich direkt in das Zimmer der Tochter geleiten. Mit einem freundlichen Gruß kam ihm Lea entgegen. „Welche Ehre für mich, daß Ihr konnut," sprach sie, indem sie ihm einen Sitz anbot; „was führt den großen Gelehrten, den weisen Rabbi, zu mir?" Es vergingen einige Minuten, ehe der Besucher das Wort ergriff: seine Äugen sahen in Bewunderung auf die schone, züchtige Jungfrau hin — und erst als diese ihn auf's Höchste befremdet zu fragen schien, was sein Begehr, erst dann raffte er seinen Muth zusammen und in warmen, lebensvollen Worten schilderte er bem Mädchen die innige Liebe, die er für sie im Herzen trage, wie sie der Gedanke seiner Tage und der Traum seiner ^Nächte geworden, und wie er ihr ergeben sei mit all' seinen! Denken und Fühlen und ihr sein Leben und seine Zukunft widmen wolle; nur solle sie ihn nicht von sich stoßen, seiner häßlichen Außenseite wegen; die Jugend urtheilt ja so gern nach dem Schein, und doch zerstört oft der leiseste Hauch die Schönheit des Menschen, und nur die reinen, fronnneu Gefühle des Herzens sind es, die wir uns bleibend erhalten in den Stürmen des Lebens — „und diese reinen, edlen Gefühle sind es, Jungfrau, die ich Euch anbiete," so schloß er, und seine Augen hingen in gespanntester Erwartung an den Lippen des jungen Mädchens. Stumm, wortlos war sie dagesessen und hatte die Augen zu Boden gesenkt, den Worten des Mannes vor ihr gelauscht; rein und klar und ohne Stockung floß der Strom der Rede von dessen Lippen; wie mit süßem Zauber hielt sie die leise, klangvolle Stinune umfangen, und als er geendet, als er die Augen fragend auf sie gerichtet, ihrer Antwort harrte, — da schien sie wie aus einen! Traume zu erwachen; und da hefteten sich ihre Blicke erstaunt auf die gegenübersitzende Gestalt; ein Gefühl der Bitterkeit bemächtigte sich ihrer bei dein Gedanken, daß in einen! so häßlichen Körper eine so schöne Seele und solch' erhabener Geist wohne, aber hatte er nicht selbst gesagt, hatte er ihr nicht soeben in beredten Worten geschildert, wie nichtig jede körperliche Schönheit sei, wie diese allen Zufällen unterworfen, in einen! Augenblick verschwinden könne, dagegen aber ein reines, gottergebenes Herz den Menschen zum Glücklichsten der Sterblichen machen könne; ja, dieser Manu besaß die reine, frouune Seele, die die Gewähr jedes künftigen Glückes in sich barg, und zudem war er auch noch ausgezeichnet durch seinen hohen Geist und seine große weitreichende Wissenschaft, der Stolz und die Leuchte Israels! — Aber diese verkünnnerte unansehnliche Gestalt! Und mit einem Male erwachte sie aus ihrem Sinnen und schüttelte den Zauber von sich, den die sanfte, herrliche Stinune auf sie ausgeübt; und eine Wolke des Unwillens erschien auf ihrer reinen Stirn. Das, was er ihr gesagt und den! sie gelauscht mit einen! Gefühl des höchsten Entzückens, das war ja eine Werbung um sie, des Primas Töchterlein! Und das wagte dieser Mann ihr zu bieten, die schon so viele Bewerber um ihre Hand ausgeschlagen! Freilich war es zumeist der Mangel an Geist und Gemiith gewesen, was sie zurückgeschreckt hatte und was keine noch so glänzende Außenseite bei dem geistvollen Mädchen wett machen konnte - aber es waren doch Söhne aus den angesehensten Familien der Stadt, und Keiner von ihnen hatte ein so unvortheilhastes Aeußere, wie dieser Manu; und doch wagte auch! er es, als Bewerber um ihre Hand in die Schranken zu treten.! Lea vergaß den Eindruck, den seine gefälligen Reden auf ihr Herz ' gemacht; sie erinnerte sich nur seiner Werbung, und daß diese eigentlich j eine Kühnheit sei, und so entschloß sie sich denn nach einigen Minuten! peinlichster Stille, ihm die Antwort zu geben, die er verdiente. „Ihr seht mich höchst überrascht, Herr," sagte sie mit zu Boden gej gesenkten Wimpern, „ich hätte nie Aehnliches von Euch erwartet!! Kommt Euch denn gar nicht der Gedanke, wie sehr wenig wir zu einander passen?" Mit einem traurigen Lächeln erwiederte der junge Mann: „Gewiß i sehe ich es ein, daß unsere Gestalt ganz verschieden ist; daß Ihr, - Jungfrau, der Inbegriff alles Schönen und Vollkommenen seid und ich; hingegen häßlich und unansehnlich an Gestalt bin; wenn ich mich! aber dennoch erkühne, um Euch zu werben, so thue ich es nur, weil ich weiß, daß Ihr mit mir glücklich sein könntet und daß Euer Leben : an meiner Seite stets ein freudvolles und glückliches sein würde.; Trotzdem aber zaudert Ihr — und deshalb erlaubt, daß ich Euch , eine kleine Geschichte erzähle. Als Tochter Israels wißt Ihr ja, daß die Ehen im Hinnnel geschlossen werden, und daß jedem Manne schon bei seiner Erschaffung die Lebensgefährtin bestiunnt werde, mit der er durch's Leben wandeln solle; da wurden denn unsere Seelen, holde Jungfrau, für einander bestiunnt, aber auch die Gestalt des werdenden Menschen wird von der Vorsehung gewählt; und so geschah es, daß Ihr ausersehen wäret, mit einer verkümmerten Gestalt und häßlichem Angesicht durch's Leben zu wandeln, wahrend mir Eure ganze Schönheit und Lieblichkeit zu Theil wurde. Ich fühlte Mitleid mit Eurein zukünftigen Geschicke! Im Geiste sah ich die Qualen! voraus, die Ihr empfinden werdet, denn ein Weib ohne Schönheit! und Anmuth ist wie ein Mann ohne Geist und Charakter, und da j Ihr mir doch als Lebensgefährtin bestiunnt wäret, so flehte ich in! inbrünstigem Gebete den Schöpfer an, unsere urspriinglichen Gestalten! zu verändern, — Euch all' die holde Schönheit zu geben, die mir i bestiunnt ward — und mir die Mißgestalt zu verleihen, mit der Ihr j das unglücklichste Weib geworden wäret. Der Allmächtige hörte mein brünstiges Gebet — und unsere Gestalt wurde vertauscht — ' hier aber, holde Jungfrau, seht das Bild Eurer ursprünglichen Gestalt"*), ' und mit diesen Worten zog er unter seinem Mantel einen Spiegel - hervor, den er den! Mädchen entgegenhielt. Mit einen! Schrei des I höchsten Schreckens verhüllte sich das Mädchen ihr Antlitz, als sie! einen Blick in den Spiegel gethan. „Seht Ihr nun," nahm der junge Gelehrte wieder das Wort,! „was ich für Euch gethan; das verdient wohl seinen Lohn; und zui dem muß ich Euch auch noch sagen, daß mit dem Augenblick, in j welchen! Ihr Euch von mir lossagt, unsere Körper wieder die für sie ' bestimmte Gestalt einnehmen muffen!" „Nein, nur das nicht!" rief im Tone der höchsten Angst Lea.; „behaltet Eure Gestalt und laßt mir auch die meine! Dafür will ich! Euch aber auch angehören für's Leben und Euch ein treues, liebevolles Weib sein!" Glückstrahlend drückte er sie an seine Brust und sah leuchtenden j Auges in ihr hold erglühendes Antlitz. Ter Vater aber, der heimlich : Zeuge der ganzen Unterredung gewesen, legte ihre Hände in einander - und sprach: „Gott gebe Euch seinen Segen, wie ich jetzt Euren Bund j segne! Ihr werdet meine Tochter glücklich machen, denn Ihr seid vor *) Diese Geschichte hat vor einigen Jahren Berthold Auerbach von Moses Mendelssohn erzählt. Aber das war nur ein Phantasiegebilde des liebenswürdigen Dichters, wie er selbst eingestanden hat, während die Erzählung, deren Held der bekannte Rabbi Lipmann Heller in Prag! ist, auch schon in älteren jüdischen Chroniken sich findet.