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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-13 · Heft 22 (13.6.1890) · p. Seite 305

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 22 (13.6.1890)
Date
1890-06-13
Page
Seite 305 (sequence 9)
Language
German
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305 seine Augen in milden, Feuer, und es gab Augenblicke, in denen er schön zu nennen war — wenn seine blassen, eingefallenen Wangen sich färbten und seine sanften braune» Augen aufleuchtcten in glühender Begeisterung! Der Zug des Unwillens, der sich bei dieser unwillkommenen Störung auf dem Antlitze des Primas gezeigt, war verschwunden, »nd hatte beim Anblick des jungen Mannes, welcher sich ihm schüchtern näherte, einem freundlichen Lächeln Platz gemacht. Mit einer wohlwollenden Miene lud er ihn zum Sitzen ein, und indem er den Besucher nöthigte, auf dem Sopha Platz zu nehmen, rückte er sich seinen Lehnstuhl ganz in dessen Nähe und lehnte sich behaglich zurück. „Das ist schön, daß Sie zu mir kommen," begann der Primas, als er sah, daß der junge Mann in seiner sonderbaren Verlegenheit noch immer kein Gespräch anfangen wollte, „wir wollen uns ein wenig aussprechen über die Zeit und über ihre merkwürdigen Erscheinungen! Noch immer hatte der Besucher nicht gesprochen, und der Primas, dem die Verlegenheit desselben nicht entgehen, und der sich diese Zurückhaltung bei dem so geistvollen Manne nicht recht erklären konnte, ergriff aberinals das Wort, um seinen, schüchternen Gaste entgegeiizukvnunen. „Es freut mich wirklich gar sehr," sagte er in freundlich aufmunternden, Tone, „daß Ihr mir die Ehre deS Besuches schenkt, und ich weiß dieselbe zu würdige», umsomehr als ich ja Euere Abneigung gegen weltliche Vergnügungen kenne und weiß, das; Ihr nur der Wissenschaft lebt; doch vielleicht führt Euch ein anderer Grund zu mir und Ihr hättet ein Anliegen an mich?" „Ihr habt es errathen, Herr!" sagte endlich, wie aus tiefein Sinnen auffahrend, der Gast, „ja, ich kam, Euch um etwas zu bitten!" „Ihr macht mich glücklich; und ich inuß es wohl nicht erst sagen, daß ich Alles thun werde, was in meinen Kräften steht, Euch, junger Freund, zu dienen; wenn Euer Anliegen im Bereich meiner Macht ist, so sei cs Euch bestimmt gewährt!" „Kein Anderer als Ihr, Herr, könnte mir die Gnade gewähren, um die ich bitte!" sagte mit erregter Stimme der junge Mann. „Also sprecht, ich bitte Euch," sagte der Primas, „und seid nochmals versichert, daß es mir stets eine Freude sein wird, einem so gelehrten Manne, wie Ihr es seid, mit etwas dienen zu können!" Einige Augenblicke sah der junge Mann vor sich nieder — er schien die letzten Worte seines Gegenüber nicht gehört zu haben — wie in tiefes Sinnen verloren, richteten sich seine klugen in unbekannte Fernen, heftig arbeitete es in seinem Antlitz, und im Tone der höchsten Erregung begann er nach einigen Minuten: „Ihr wißt, Herr, daß ich mein Leben stets der Wissenschaft und unserem Volke gewidmet habe; nur darin, nur in der Auslegung der heiligen Schrift hat sich mein Geist gefallen und ich habe stets nur darnach getrachtet, Erleuchtung zu bringen meinen Brüdern in Israel! Ich habe kein anderes Ziel im Auge gehabt, und diese Beschäftigung war mir stets die höchste Wonne, nie habe ich mich den Vergnügungen hingeben, welchen meine Altersgenossen fröhnten, ich fand nur Trost in der Wissenschaft und in der Deutung der heiligen Schrift! Doch es sollte anders werden! — Ich sah Eure Tochter, Herr! — Auf einem einsamen Spaziergange, den ich in der herrlichen Umgebung unserer Stadt machte, erschien sie mir, wie ein Engelsbild! Und da zog die Liebe ein in mein Herz. Ich bitte Euch, Herr! ich flehe Euch an! Gebt mir die Hand Eurer Tochter!" Sprachlos starrte der Primas in das Antlitz des Sprechers. Das also war es!? Seine Tochter? — Nichts Geringeres als seine Tochter, sein Kleinod, seine holde Lea verlangte dieser Mann zum Weibe! Seine schöne, vielumworbene Tochter! Das war zu viel! Einer solchen Kühnheit hätte er diesen unscheinbaren Menschen nicht fähig gehalten! Wohl wahr: der Bewerber galt trotz seiner Jugend schon für einen der größten Gelehrten, und sein Volk blickte zu dem jugendlichen Rabbi auf wie zu einem höheren Wesen und verehrte in ihm den Stolz und die Zierde Israels — aber was war dies Alles gegen die Schönheit und Jugend seiner Tochter, gegen die großen Reichthümer, die der Primas, wie man wußte, seiner Tochter als Aussteuer mitgebcn wollte! Da war vor Allem das stattliche Haus, das sie bewohnten, in welches sie nach ihrer Verheirathung ziehen sollte, ganze wohlgefüllte Schränke voll der! feinsten Linnen und Spitzen, die kostbarste Edelsteine, Gold j und Silber in Menge, der schönste, kostbarste Edelstein war ja seine | Lea selbst — und all' dies wollte dieser kleine, verwachsene Mann! da vor ihm sein Eigen nennen! Nun, er möge Zusehen, tute er seine | Werbung bei dem Mädchen selbst anbringen könne, und mit welchen Empfindungen diese ihn anhören würde. Ja, so war es am besten. Nicht er selbst, der Primas, wollte dem Bewerber die Kühnheit seines Begehrens vorwerfen und ihm eilt hartes „Nein!" entgegenschtendern; denn er fühlte cs, trotz der Achtung und Bewunderung, die er für die hohen Geistesgaben und deit Charakter des jungen Mannes hatte, würde ihm sein beleidigter Stolz doch am Ende Worte in den Mund legen, die den Bewerber auf's Höchste verletzen mußten, unb das wollte der kluge Mann nicht. Es war also das Vernünftigste, beit jungen Gelehrten zu seiner Tochter zu schicken; das kluge Mädchen würdemit dem feinen Takte, den sie besaß, ihn bald uitd ailf schonende Weise über das Unstatthafte und Unmögliche seines Verlangens aufklürcn. Und so fing er denn nach einigen Augenblicken des Nachdenkens an, indeut er seine Augen auf dem lebhaft erregten Aittlitz des jungen Mannes ruhen ließ: „Euer Eintrag überrascht utich! Ich hätte nie gedacht, das; Ihr in Euren Gedanken und bei Eurem Studium auch noch Sinn für die Schönheit eines Mädchens habt, »nd daß Ihr dabei auch praktisch genug denkt, Euch in ein reiches Mädchen zu verlieben!" „Euren Rcichthum, Herr, verlange ich nicht," sprach stolz der junge Gelehrte, „ich habe ein Amt ttttb genug Wissen, um ein Weib ernähren zu können, und wäre sie auch aus noch so vornehmem Hause, ich liebe Eure Tochter um ihrer selbst ivillett und nicht ihrer Reichthümer wegen!" „Ich glaube es Etlch gern, das; mau meine Lea lieben kann i um ihrer Schönheit und Tugend willen, die sie auch anszcichneu \ würden, wenn sic das ärmste Mädchen ihres Volkes wäre," sprach j der Vorsteher mit stolzem Ausdruck; „aber," setzte er hinzu, „wie j wollt Ihr das Herz eines jungen und schönen Mädchens gewinnen,! von dem Ihr ja doch auch wissen werdet, daß sic schon zahlreiche und j edle Freier abgcwiesen?"! Leise lächelnd hatte der junge Mann der Rede des Primas gei horcht, hatte auch den mitleidigen Zug bemerkt, mit dem derselbe j seine unschöne Gestalt gestreift; und nun eittgcgnete er, ohne daß man! seiner Rede die mindeste Empfindlichkeit über des Andern schlecht j verhehlten Spott anmerkcn konnte: „Ich habe davon schon gehört, j das; Eure Tochter so viele und so stattliche Freier ausgeschlagen; und gerade dieser Umstand giebt mir noch mehr Hoffnung, ihr Herz zu j gewinnen." | „Meint Ihr?" lachte der Primas, den diese kölnische Selbst-! überhebung nun gar zu belustigen anfing; „nun, wenn Ihr Eurer! Sache so sicher seid, so geht denn hin — »nd gclviitnt Euch meine Tochter! Ich werde dann auch meine Zustimmung diesem Bunde nicht versagen." „Habt Tank, Herr," sprach mit freudig erregtem Tone der junge Mann, „großen, innigen Dank! und erlaubt, daß ich heute noch mit ' der Jungfrau spreche."

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