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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-13 · Heft 22 (13.6.1890) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 22 (13.6.1890)
Date
1890-06-13
Page
Seite 304 (sequence 8)
Language
German
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304 „Shakespeare kannte keinen Juden. Zu seiner Zeit lebten keine Juden in England. Drei Jahrhunderte früher waren sie von der Insel vertrieben worden. Der große Dramatiker zeichnete als Urbild eines tyrannischen Darlehengebers einen Juden, weil ihn die christliche Litteratur des Mittelalters und das Vorurtheil des Volkes also darstellte. Shakespeares Shylock ist kein Jude der Geschichte. Er ist vielmehr der Jude der Legende." Nachdem Loeb durch diese Beispiele seinen Satz von der Fabelhaftigkeit der gewöhnlichen Nachrichten über die Juden bewiesen hat, verweilt er bei einzelnen kleinen, aber nicht minder bedeutsamen Zügen und Eigenschaften, welche man den Juden angedichtet hat. Was sagte man nicht Altes! — Die Juden seien unrein, sie dufteten eigenthiimlich, sie hätten die Gestalt eines Bockes! In den Ländern, in welchen cs keine oder nur sehr wenig Juden gab, glaubte man, sie Hütten einen Schweif wie die Affen, sie trügen, wie der Teufel, Hörner an dem Kopfe. Wie vieler geheimer Krankheiten erklärte man sie theilhaftig! Die Krankheiten der Inden spielten eine besondere Rolle, sie wurden in Ordnungen und Klassen cingethcilt. Jeder Stamm des alten Israel hatte seine besonderen Gebrechen und Leiden'). Alle Vorstellungen, die man von Zauberern, ihrer Mißgestalt und ihren Gebrechen hatte, übertrug man auf die Juden. Nach einem in der Phantasie lebenden Bilde wurden die Inden gezeichnet und dargestellt. Ueberall der Jude der Legende! Der Jude aus der Fabel! „Derartige Vorurtheile", sagt L., „vereinigen sich und ziehen sich oft wie ein Gewölk um unser Haupt zusammen. Die Entgegnungen und Beweise vermögen kaum etwas an der Sache zu ändern. Wir sind ein Gegenstand der Sage, und welchen Beweis vermag die Thatsache gegenüber der Legende zu geben und zu bieten? Trotz unserer erprobten Vaterlandsliebe müssen wir als Stanim ohne Vaterland gelten! Trotz des Alters der Ansiedlung in unserem Heimathlande, die in manchen Theilen desselben vft der Einwanderung der andern Bewohner desselben voranging, sieht man uns als Ncuhinzugekommenc an!" Wenn Herr Loeb, indem er die Sage in Bezug auf die Juden, wie sic sich vor unfern Augen formt und cntlvickelt, wie sie sich verbreitet und gläubige Seelen findet, ins Auge faßt, vertrauensvoll in die Zukunft blickt, möchten wir uns seine» Ausführungen anschließen und glauben, Folgendes hinzufügen zu dürfen. Nur um las Unbekannte, um das Außergewöhnliche und Außerordentliche zieht sich das Gewebe der Sage. Die Juden aber mären während der Jahrhunderte des Mittelalters wenig gekannt, noch weniger in ihrem Wesen verstanden. Wer ahnte in jenen Tagen bis auf die Neuzeit herab den sicheren Kern der Moral, der Gesittung und der Geistesfrische, welchen das selbstständige Schriftthum dieses Stammes bewahrt und den Bekennern des alten Glaubens in allen Geschlechtern überliefert! Der Stamm Israels erschien selbst den tiefer blickenden Geistern so ganz wunderbar. Trotz des Fluches, der ihn zu verfolgen schien, hatte er sich doch überall erhalten, trotz seiner vielen Feinde, inmitten der gewaltigsten Stürme brach er doch nie zusammen! Sein ganzes Bestehen glich einem Wunder. Darum schlangen sich um ihn die üppigsten Gewinde und schillerndsten Fäden der Legende. Was aber zu thun wäre, damit die Völker den Juden der Geschichte an die Stelle des Juden der Sage setzten? . . Nun denn! Unsere Zeit nennt sich die raschfluthcnde. Das Auge der Forscher hat Kräfte gefunden, Vorurtheile zerstört und die Lösung bisher nicht verstandener Vorkommnisse und Naturereignisse mitten hinein in das bi S. Schndt, jüdische Denkwürdigkeiten, k. Buch 6. Cap. 20. Volk getragen. Auch die Sagen, welche in Bezug auf die Juden Jahrhunderte lang die Gemüther wie in einer Zauberwelt gefangen hielten, werden, so hoffen wir, bald einer richtigen Erkenntniß den Platz räumen. Edles Schaffen, treues Walten, das Ueben und Erproben in den besten Bürgertugenden werden auch den noch befangenen Brüdern anderen Stammes und Glaubens die Uebcrzeugung verschaffen, daß wir würdig sind, genannt zu werden Söhne des Volkes, Kinder Gottes, dessen Liebe Alle umfaßt! U . Feuilleton. Der Ianberspiegel. Eine Erzählung aus dem vorigen Jahrhundert. Von I. Buch heim. In einem für die damaligen Verhältnisse luxuriös ausgestatteten Zimmer eines Hauses der Prager Judenstadt saß an seinem Schreibtische ein älterer vornehm allssehender Mann. Rings um sich hatte er ganze Stöße von Aktenbündeln aufgeschichtet, die er alle noch im Laufe des Vormittags zu erledigen hoffte; denn das Amt, welches er bekleidete, war kein geringeres, als das hochansehnlichc, aber auch äußerst schwierige eines Primas der Prager Judcngemeinde; und daß diese große und zu jener Zeit sehr hervorragende Gemeinde dieses Ehrenamt keinem Unwürdigen verliehen, das läßt sich wohl denken. Der Mann, der zur Zeit, in welcher unsere Geschichte spielt, diese Ehrenstelle inne hatte, durch welche ihm die vollste Macht über seine Glaubensgenossen cingcrüumt wurde, verdiente aber auch, wie kein zweiter, den hohen Rang, den er in der Gemeinde eiiliiahln. Ausgezeichnet durch die trefflichsten Eigenschaften, schien er berufen, Recht zu sprechen und stets das Wahre und Gute zu finden bei de» Streitigkeiten der Gemciilde; demgemäß beugten sich auch seine Glaubensgenossen stets vor feinem Urtheilssprnche. Wenn er sich trotz aller seiner guten Eigenschaften uild seines leutseligen Wesens doch eine Ausnahmsstelllliig gesichert, so war dies nur durch seinen hohen Bildungsgrad, welcher ihn vortheilhaft von seinen Glaubensgenossen unterschied, die ja zu jener Zeit noch zumeist im Dunkel der Unwissenheit lebten. Mit GlückSgütern reich gesegnet, konnte der Prinlas sich vollständig seinem Amte widmen, das denn auch einen großen Theil seiner Zeit in Anspruch nahm; seine freien Stunden widmete er seiner geliebten Tochter, einer aufblühenden Jungfrau, dem schönsten und begehrtesten Mädchen von Prag — und des Nachts saß er dann in seinem Studirzimmer und vertiefte seinen Geist in die gelehrten Kommentare des Talmud. Es mochte etwa um die elfte Vormittagsstunde sein; der Primas hatte schon einige Stunden gearbeitet, da störte ihn ein schüchternes Klopfen an der Thür; aus sein etwas unwillig gerufenes Herein, denn er liebte es nicht, während der Vormittagsstunden gestört zu werden, öffnete sich die Thür. Ein junger Mann erschien im Rahmen derselben und näherte sich mit einer tiefen Verbeugung dem Oberhaupte der Gemeinde. Der Eingetrctene war nichts weniger als schön zu nennen, und seine kleine, etwas verwachsene Gestalt verschwand beinahe gegen den hohen Wuchs und das vornehme Wesen des Primas — doch auf seinem unscheinbaren Körper saß ein Kopf voll Geist, und auf feinen feingeschnittene» Zügen konnte man trotz eines leidenden, schwermüthigen Ausdruckes den tiefen Seelenadel erkennen, den das Herz dieses von Gestalt so unansehnlichen Menschen barg. Dabei leuchteten

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